Banken wollen ins Geschäft mit E-Identitäten einsteigen

In der Schweiz soll eine fälschungssichere Identität für Onlinegeschäfte eingeführt werden. Die Finanzindustrie wittert ihre Chance.

Elektronischer Fingerabdruck: Mit einer E-Identität wird man sich sicherer im Netz bewegen können. Bild: EBF / Twitter

Elektronischer Fingerabdruck: Mit einer E-Identität wird man sich sicherer im Netz bewegen können. Bild: EBF / Twitter

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Das Leben im Netz kann manchmal ziemlich mühsam und aufwendig sein. Für jeden Onlineshop brauchen User heute unterschiedliche Log-ins. Will man ein Konto eröffnen, ist es Pflicht, bei der Bank den Ausweis vorzulegen. Das soll nun einfacher werden.

Mithilfe der sogenannten E-Identity (E-ID) werden sich Herr und Frau Schweizer online in Zukunft einfacher fortbewegen können. Geplant ist ein Log-in für alle Bereiche. Dereinst soll das Schweizervolk mit der E-ID auch übers Internet abstimmen können.

Doch wer in Zukunft für die Herausgabe der Onlineidentität verantwortlichen sein wird, ist noch offen. Handelt es sich dabei um eine Aufgabe, die nur vom Bund wahrgenommen werden soll, oder macht es Sinn, dass auch Unternehmen aus der Privatwirtschaft den Staat dabei unterstützen?

Branchenverband gab Umfrage in Auftrag

Die Schweizer Banken wittern hier ein Geschäft und wollen als Anbieter einer E-Identity auftreten. Mit einer Umfrage zu dem Thema bringen sich die Finanzhäuser in Position. Das Marktforschungsinstitut Link befragte dazu im Auftrag des Branchenverbands Swiss Fintech Innovations (SFTI) 631 Personen, die sich mindestens einmal pro Monat in einen Onlineshop, in ein E-Banking oder ein Onlinedienstleistungsportal einloggen.

Erst knapp ein Drittel der Umfrageteilnehmer hat schon mal von der E-ID gehört. Der Anteil ist unter Männern höher als unter Frauen. Und die Befragten sehen bei der E-Identität eher den Staat in der Pflicht, denn eine Mehrheit würde die öffentliche Hand als alleinigen E-ID-Anbieter präferieren. Private Unternehmen kommen als Herausgeber der Onlineidentität aber grundsätzlich für 87 Prozent der Befragten infrage.

Patrik Gisel, CEO der Raiffeisen-Gruppe, stützt sich verständlicherweise auf das zweite Ergebnis der Erhebung. Gisel glaubt, dass die Kunden Banken als E-Identität-Anbieter akzeptieren würden.

«Die Schweizer Banken haben im Authentifikationsprozess jahrelang Kompetenz bewiesen.»Patrik Gisel gegenüber dem «Bund»

Und wie könnte die Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft genau aussehen? Das von den Banken angedachte Modell sieht vor, dass die Institute gewisse Daten vom staatlichen Identitätsregister beziehen und diese Informationen dann mit dem eigenen Datenstamm ihrer Kunden vervollständigen. Die Aufgabe des Staates soll dabei die Zertifizierung und Überwachung der E-ID-Provider sein.

Geschäft mit vertraulichen Daten?

Kritiker fürchten, dass Banken die Persönlichkeitsdaten zu Geld machen könnten. Patrick Baumberger, Vizepräsident des Branchenverbands SFTI, bestreitet dies: «Wenn Banken vertraulichen Daten kommerzialisieren würden, wäre das Projekt eine Totgeburt.» In Sachen E-ID müsse die Schweiz vorwärtsmachen – andere Länder hätten sie längst eingeführt.

Geld verdienen wollen die Banken trotzdem mit ihrer Rolle als E-ID-Herausgeber. Denn als Identity-Provider können sie Kommissionen verlangen. Diese müssten Onlineshops bezahlen, wenn Banken für sie die Kunden sekundenschnell identifizieren. Gleichzeitig ist eine E-ID für die Banken selbst interessant, denn sie hilft, Kosten zu senken. So verbilligt die elektronische Identifizierung vor allem die Authentifizierung von Neukunden. Weil jeder User bereits bei einer anderen Bank des E-ID-Netzes registriert wäre, würde ein langes und personalaufwendiges Registrierungsverfahren innerhalb der Bank entfallen.

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Ein Selbstläufer wird der Vorstoss der Banken aber nicht. Denn es gibt Widerstand gegen das Konzept, dass der Staat mit Unternehmen gemeinsame Sache macht. Politiker verschiedener Parteien sind der Meinung, dass die elektronische Identifizierung eine exklusive Aufgabe des Bundes sein müsse. SP, BDP und CVP sind dagegen für eine Beteiligung der Privatwirtschaft offen. Sie wollen aber auch nicht so weit gehen, dass die E-ID ausschliesslich von der Privatindustrie herausgegeben wird.

Im Gesetz ist derzeit vorgesehen, dass es bei der Vergabe der E-Identity zu einer Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft kommen kann. Im Oktober wird sich der Bundesrat zusammensetzen, um die definitive Ausgestaltung der digitalen Schweizer Identität zu bestimmen. Anschliessend wird das Geschäft im Nationalund im Ständerat diskutiert werden. Ziel ist es, dass eine mögliche Lösung mit dem Personenregister des Bundes und den Daten der Banken ab 2019 live gehen könnte. Würde sich das Parlament für eine rein staatliche Lösung aussprechen, dürfte eine Schweizer E-ID wahrscheinlich nicht vor 2022 Realität werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2017, 15:30 Uhr

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