Bekifft im Büro

In den USA sehen viele Chefs den Cannabis-Konsum von Angestellten locker. Das liegt auch an der Lage auf dem Arbeitsmarkt.

In einigen US-Bundesstaaten ist Kiffen legal, in anderen hingegen noch nicht.

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Ach, was ist denn schon dabei? Das dürfte sich Elon Musk vor ein paar Monaten gedacht haben, als er während eines Interviews einen ordentlichen Zug von einem Joint nahm und fragte: «Das ist doch erlaubt, nicht wahr?» Marihuana ist im US-Bundesstaat Kalifornien für Erwachsene als Genussmittel zugelassen, ebenso in neun anderen Bundesstaaten. In 23 weiteren ist es als Arznei erlaubt.

Auf Bundesebene allerdings ist es verboten und wird als Droge auf einer Stufe mit Heroin und LSD geführt. Ein kalifornisches Unternehmen zum Beispiel, das sich um den Auftrag einer bundesstaatlichen Behörde bewirbt, muss bei Angestellten und Bewerbern Drogentests durchführen.

Die Angelegenheit wird dadurch noch weiter verkompliziert, dass sich der Wirkstoff THC nicht so präzise nachweisen lässt wie zum Beispiel Alkohol. «Er kann bei regelmässigen Nutzern bis zu 45 Tage nach dem letzten Genuss auftauchen. Es ist deshalb nicht eindeutig nachzuweisen, ob jemand am Arbeitsplatz bekifft ist oder ob er lediglich privat Marihuana konsumiert hat und nun völlig nüchtern und damit einsatzfähig ist», heisst es in einem Statement der kalifornischen Handelskammer, die deshalb gerade Unternehmen mit sicherheitsempfindlichen Positionen – Piloten zum Beispiel, Arbeiter in Kernkraftwerken oder Ingenieure an gefährlichen Maschinen – eine Null-Marihuana-Politik empfiehlt. «Nur so können sie sicherstellen, dass niemand in irgend einer Form beeinträchtigt zur Arbeit erscheint», heisst es.

Behördenbewerber nicht mehr getestet

Dieser Rat indes widerspricht der Gesetzgebung in 13 Bundesstaaten, der zufolge niemand, der Marihuana als Arzneimittel verwendet, deshalb beruflich diskriminiert werden darf – durch eine Nicht-Berücksichtigung wegen eines positiven Drogentests zum Beispiel. Und es widerspricht dieser Passage in vielen Tarifverträgen, dass sich ein Arbeitgeber nicht in die Freizeitaktivitäten seiner Angestellten einmischen darf. In der vergangenen Woche hat der Stadtrat von New York beschlossen, dass Bewerber für Stellen in städtischen Behörden bis auf wenige Ausnahmen (Busfahrer zum Beispiel) nicht mehr auf THC getestet werden dürfen.

«Wir haben grossartige Kandidaten nur deshalb nicht eingestellt, weil beim Drogentest Spuren von THC festgestellt worden ist», sagt Marc Cannon von AutoNation, mit mehr als 26'000 Angestellten die grösste Autohauskette der USA: «Wir müssen jedoch mit der Zeit gehen und darauf achten, was sich in der Gesellschaft tut.»

Zwei Drittel der Amerikaner sprechen sich laut einer Umfrage des Instituts Gallup für eine Legalisierung von Marihuana als Genussmittel aus, vor 50 Jahren sind es gerade mal zwölf Prozent gewesen. AutoNation verzichtet seit drei Jahren auf Marihuana-Tests. Cannon: «Es ist wie mit Alkohol: Wenn jemand seine Aufgaben erledigt und nicht betrunken zur Arbeit erscheint, geht uns das nichts an.»

Wettbewerb um Arbeitskräfte

Zahlreiche Unternehmen haben diese Einstellung mittlerweile übernommen – auch deshalb, weil Firmen aufgrund der geringen Arbeitslosenquote in Kalifornien (4,2 Prozent) um Arbeitskräfte buhlen. Weniger als die Hälfte aller kalifornischen Firmen besteht bei Bewerbern noch immer auf den aus der Reagan-Ära stammenden Test auf fünf verschiedene Drogensorten (Kokain, Opioide, Phencyclidin, Methamphetamin und THC), weniger als 20 Prozent stellen einen Bewerber aufgrund eines positiven Marihuana-Tests nicht ein.

«Natürlich sind viele Tests positiv», sagt der Anwalt Ryan Nell, der mehr als 500 kalifornische Firmen im Umgang mit Bewerbern berät. Mehr als zwölf Prozent der Kalifornier konsumieren laut einer Studie des Gesundheitsministeriums Marihuana. Nell rät seinen Kunden: «Sie müssen sich fragen, ob es sie wirklich kümmert, wenn ein Angestellter in seiner Freizeit ein bisschen Gras raucht.» Den meisten Firmen sei es egal, wie auch der Musk-Firma Tesla: Der Elektroautobauer testet laut Los Angeles Times Bewerber nicht überall auf THC, sondern nur bei sicherheitsempfindlichen Positionen, in Bundesstaaten, in denen Marihuana als Genussmittel erlaubt ist. Ansonsten gelte: Ach, was ist denn schon dabei? (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 11:47 Uhr

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