Bill Clinton im Ehebett, der Atomkoffer im Kinderzimmer

Peinliche Reden, dekadente Partys, unerwartete Treffen: Die besten Anekdoten rund ums Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der US-Präsident am WEF in Davos: Donald Trump mit Blaskapelle (26. Januar 2018). Foto: Laurent Gillieron, Keystone

Der US-Präsident am WEF in Davos: Donald Trump mit Blaskapelle (26. Januar 2018). Foto: Laurent Gillieron, Keystone

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«Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas» gilt zum Glück nicht für das Weltwirtschaftsforum in Davos. Denn in 50 Jahren Forum-Geschichte häufen sich Anekdoten über unerwartete Treffen, peinliche Reden oder dekadente Partys. So manch ein Hoteldirektor hat Geschichten zu erzählen, die bis zu den Anfängen im Jahr 1971 zurückreichen.

Seit 20 Jahren ist Journalist und Autor Jürgen Dunsch fast jedes Jahr dabei: 2017 erschien sein Buch über das Wirtschaftsforum und dessen Gastgeber Klaus Schwab, «Gastgeber der Mächtigen». In all den Jahren hat Dunsch absurde oder gar peinliche Situationen miterlebt. Auch Ernst Wyrsch erlebte so manchen Staatsmann – abseits des Trubels – ganz privat. Zusammen mit seiner Frau leitete er das Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos zwischen 1996 und 2011. Eine Auswahl der besten Geschichten:

Der Dorfpolizist und sein «böser» Hund

In den letzten 50 Jahren hat sich vieles getan. Die wohl grösste Veränderung hat das Sicherheitsaufgebot im Bündner Bergdorf durchlebt. Denn Scharfschützen auf den Hoteldächern und ein Militäraufgebot am Boden prägten nicht immer das Dorfbild in Davos.

In den ersten Jahren, als das WEF noch European Management Forum hiess, nahm man es mit der Sicherheit nicht so verbissen. Der ehemalige Kommandant der Kantonspolizei Graubünden, Markus Reinhardt, schreibt in seinen Erinnerungen: «In den ersten Jahren genügte für die Gewährleistung der Sicherheit noch der böse Hund des Polizeipostenchefs.» Und so patrouillierte der damalige Dorfpolizist von Davos mit seinem Hund, um für die Sicherheit um das Kongresshaus und der Symposiums-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer zu sorgen.

Lionel Richie jammt im Steigenberger

Das Steigenberger Grandhotel Belvédère hatte sie schon fast alle: John Kerry, Angela Merkel und David Cameron, Brad Pitt und Angelina Jolie, Bill Gates oder Bono von der Band U2 nächtigten schon im Fünfsternhaus.

Der US-Musiker Lionel Richie mit dem Crystal Award, den ihm WEF-Gründer Klaus Schwab überreicht hat (28. Januar 2005). Foto: Yoshiko Kusano/Keystone

In einem Interview mit dieser Zeitung erinnert sich Ernst Wyrsch an seine Lieblingsanekdote aus seiner Zeit als Hoteldirektor: «Es war fünf Uhr morgens, ich wollte gerade ins Bett, da hörte ich Geklimper aus einem der Zimmer. Ich dachte: Hä, wer spielt denn jetzt noch Musik? Da traf ich auf Quincy Jones, Lionel Richie und Gilberto Gil, die für eine Handvoll Leute eine kleine Jamsession machten.»

Bill Clinton im Ehebett

Als der damalige US-Präsident Bill Clinton im Jahr 2000 erstmals ans WEF kam, gab es ein Problem mit der grössten Suite im Hotel Steigenberger. Clinton konnte dort nicht nächtigen, wie Ernst Wyrsch erzählt. Es habe einen Schusseinfallswinkel von einem Nachbarhaus aus gegeben. «Also räumten wir unsere 230-Quadratmeter-Wohnung im Hotel. Clinton übernachtete in unserem Ehebett, der Atomkoffer, der dem Präsidenten im Notfall sofortigen Zugriff aufs Atomwaffenarsenal erlaubt hätte, wurde im Zimmer meines Sohnes aufbewahrt», so Wyrsch.

Ex-Präsident Bill Clinton trifft im Hotel Belvédère in Davos ein (29. Januar 2000). Foto: Michele Limina, Keystone

Clintons Entourage, die aus 1500 Leuten bestand, konnte hingegen nicht in der Wohnung untergebracht werden. Clinton habe nie gut geschlafen, und so habe Wyrsch den Präsidenten einmal des Nachts durch die Flure des Hotels wandelnd angetroffen. «Wir haben uns dann mitten in der Nacht länger unterhalten. Diese Begegnung vergesse ich mein Leben nicht», sagt er.

VW Sharan für Brangelina

2006 war das Jahr, als das damals heisseste Hollywood-Glamour-Paar dem WEF seine Aufwartung machte. Doch Angelina Jolie und Brad Pitt verspielten schnell Sympathien mit ihren Sonderwünschen.

Die Schauspieler Angelina Jolie und Brad Pitt unterwegs ins Hotel Steigenberger Belvédère (25. Januar 2006). Foto: Pascal Lauener, Reuters

Im Hotel Steigenberger verlangten die beiden die Präsidentensuite, die sie jedoch nicht bekamen, und weigerten sich, den Haupteingang mit Sicherheitsschleuse zu nutzen. Zudem forderten sie einen Konvoi mit Schutzfahrzeugen für ihre Touren durch Davos. Dieser Wunsch wurde den beiden jedoch wegen nicht existenter Bedrohungslage ausgeschlagen. «Es kann doch nicht sein, dass wir für Jolie einen höheren Aufwand betreiben als für Angela Merkel», sagte damals ein genervter Polizist. Angelina und Brad sei dann ein VW Sharan mit Chauffeur zur Verfügung gestellt worden.

Eine Blaskapelle für Trump

Im Jahr 2018 beehrte US-Präsident Donald Trump das WEF. Im Kongresszentrum wurde er von einer bunten Trachtenkapelle an sein Rednerpult geleitet. Ein Bild, das so gar nicht passen wollte. «Ich habe dann später erfahren, dass dies die Blaskapelle der Landwehr aus Freiburg und Klaus Schwab ihr Ehrenmitglied war», erzählt Jürgen Dunsch.

US-Präsident Donald Trump und WEF-Gründer Klaus Schwab während der Musikaufführung (26. Januar 2018). Foto: Markus Schreiber, AP Foto

Kaffee mit Bushs Sicherheitsmann

Jürgen Dunsch erinnert sich gerne an eine unerwartete Begegnung mit einem Amerikaner im Jahr 2003. Beide wollten ein Panel besuchen, das kurzfristig abgesagt worden war. So beschlossen sie, die Zeit bei einem Kaffee zu überbrücken. Es war kurz vor Ausbruch des Irakkrieges, und es stellte sich heraus, dass der besagte Amerikaner Sicherheitsexperte und Berater des damaligen US-Präsidenten George W. Bush war – Paul Bremer. «Einige Monate später wurde er der erste Zivilgouverneur im Irak», erzählt Dunsch.

US-Sicherheitsexperte Paul Bremer während einer Pressekonferenz im Convention Center in Bagdad (1. November 2003). Foto: Ali Haider,EPA

Blauschimmelkäse statt Cüpli

Das WEF ist bekannt für seine feucht-fröhlichen Partys, die Unternehmen wie Google, Alibaba oder der Burda-Verlag für die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und dem Showgeschäft veranstalten. Vor einigen Jahren veranstaltete auch die Universität Oxford einen Empfang. Für die geladenen Gäste gab es statt Cüpli und Kaviar jedoch Rotwein und Stilton – den beliebten Blauschimmelkäse aus England.

Dekadenz bei Google

2006 war für das WEF ein Jahr der Superlative. Nie zuvor war so viel Hollywood-Prominenz in den Davoser Bergen gesichtet worden. Nie waren die Budgets für Partys grösser als in diesem Jahr. Unbestrittener Höhepunkt war die Google-Party im Kirchner-Museum mit iranischem Kaviar, Hummer, Jahrgangs-Champagner von Krug und 1959er-Cheval Blanc, der heute über 2500 Franken die Flasche kostet. Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, die den ganzen Abend über nur Cola Light tranken, schienen grossen Spass am dekadenten Schauspiel gehabt zu haben.

Sergey Brin war schon mehrmals am WEF, hier an einem Panel im Januar 2017. Foto: Sikarin Thanachaiary, Weltwirtschaftsforum

Zweiklassengesellschaft mal anders

Wenn sich die Weltelite aus Politik und Wirtschaft trifft, lautet der Dresscode – vornehmlich bei den Herren – in stillschweigender Übereinkunft Hemd und Krawatte. Vor rund zehn Jahren startete WEF-Gründer Klaus Schwab den Versuch, die Kleideretikette etwas aufzulockern: Krawatten waren fortan verboten. Wer dennoch eine trug, musste etwas spenden, erzählt Jürgen Dunsch.

Es war die Zeit, in der immer mehr Schwellenländer am Forum teilnahmen. Und die Staatschefs aus Bangladesh oder Pakistan bestanden auf der Krawatte. So sei quasi eine Zweiklassengesellschaft am WEF entstanden, in der die Vertreter der Schwellenländer eine Krawatte trugen und die der westlichen Staaten nicht.

Alles wieder beim Alten. WEF-Gründer Klaus Schwab mit Krawatte (14. Januar 2020). Foto: Valentin Flauraud, Keystone

Wenn Shimon Peres in den Kochtopf schaut

Im Jahr 2010 schrieb die «Schweizer Illustrierte» über den ehemaligen israelischen Präsidenten Shimon Peres. Zum Ärger seines Sicherheitsdienstes habe sich dieser in Davos gerne unter die Gäste des Hotels Seehof gemischt und am liebsten im Restaurant Paulaner’s gespiesen. Dafür soll er jeweils von seinen Bodyguards durch die Küche ins Hotel geschleust worden sein. Dabei habe er den Köchen gerne in die Töpfe geschaut.

Shimon Peres in Davos (28. Januar 2010). Foto: Laurent Gilliéron, Keystone

«My name is Bill»

Auch zur Geschichte um den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der im Jahr 2000 auf dem Rückweg vom WEF an der Autobahnraststätte Heidiland pausierte, um dort zur Mittagszeit einen Kaffee aus einem Pappbecher zu schlürfen, weiss Jürgen Dunsch eine kleine Anekdote.

Bill Clinton an der Autobahnraststätte Heidiland (29. Januar 2000). Foto: PD

Die, so habe ihm ein Freund erzählt, trug sich wie folgt zu: Die Sicherheitsvorkehrungen um den Präsidenten waren damals lasch, und so konnte sich der besagte Bekannte dem Präsidenten bis auf wenige Meter nähern. Er ging auf Clinton zu und sagte: «Welcome to Switzerland, my name is Edgar.» Clinton soll daraufhin geantwortet haben: «Nice to meet you, my name is Bill.»


Alles zum WEF 2020

Erstellt: 17.01.2020, 12:11 Uhr

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