Wer das Grosi billig pflegen lässt, riskiert eine Busse

1990 Franken pro Monat für eine 24-Stunden-Betreuung aus der Slowakei: Achtung, im Pflege-Geschäft gibts illegale Angebote.

Die Löhne der Slowiss-Betreuerinnen liegen unter allen Minimalstandards: Eine betagte Frau wird gepflegt. Foto: iStock

Die Löhne der Slowiss-Betreuerinnen liegen unter allen Minimalstandards: Eine betagte Frau wird gepflegt. Foto: iStock

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Der Aufenthalt in einem Pflegeheim kostet im Durchschnitt knapp 9000 Franken im Monat. Für eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause verlangen einige Schweizer Anbieter mehr als 13'000 Franken. Der billigste und gleichzeitig auch einer der grössten Vermittler unterbietet den Preis für die gleiche Dienstleistung deutlich: «Ab 1990 Franken» monatlich verspricht er Betreuung «auf höchstem Niveau» rund um die Uhr durch «ausgebildetes Personal».

Diese Angebote finden sich auf den Internetseiten Getcare-seniorenbetreuung.ch und Senio-24.ch. Der Onlineauftritt wirkt seriös: Es werden Kontaktadressen mit Schweizer Telefonnummern in Zürich und St. Gallen angegeben. Doch der Auftritt erweckt einen falschen Eindruck. Und vor allem ist das Geschäft illegal. Das sagt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

«Die beiden Herren arbeiten nicht in dieser Abteilung, ich kenne sie nicht.» Getcare-Mitarbeiter

Die Verantwortlichen hinter Getcare und Senio-24 verstossen gegen das Arbeitsvermittlungsgesetz. Dieses schreibt vor, dass ein Unternehmen seinen Sitz in der Schweiz haben muss, wenn es hierzulande Personal vermittelt. Zudem brauchen die Anbieter dafür Bewilligungen. Getcare und Senio-24 erfüllen keine dieser Bedingungen. Wer auf die angegebenen Schweizer Nummern anruft, wird in das slowakische Lucenec umgeleitet, wo Mitarbeiter der Firma Slowiss den Anruf entgegennehmen.

Von Schweizern gegründet

Gemäss verschiedenen Quellen haben die aus der Schweiz stammenden Brüder Reto und Marco M. die Firma Slowiss gegründet. Bei einem Anruf meldet sich bei Getcare eine Stimme mit osteuropäischem Akzent. Die beiden Herren «arbeiten nicht in dieser Abteilung, ich kenne sie nicht», sagt ein Mitarbeiter. Ein Gespräch mit den Vorgesetzten ist nicht möglich, und die verlangte Mail wird nicht beantwortet.

Im slowakischen Handels­register werden im Zusammenhang mit Slowiss sowohl Reto als auch Marco M. aufgeführt, Retos Eintrag wurde allerdings gestrichen. Laut Eigendeklaration in sozialen Medien lebt er derzeit im polnischen Krakau. Gemäss Handelsregister sind folgende drei Firmen in die Geschäfte involviert: Slowiss Invest, Slowiss Slovakia und eine Firma mit dem Namen «Betreut». Zudem gibt es eine Consultingfirma von Reto M., die ursprünglich auch den Namen Slowiss trug.

Auch Anfragen über soziale Medien haben die beiden Brüder nicht beantwortet. Dafür scheint es triftige Gründe zu geben. Marco M. hat bereits unangenehme Erfahrungen mit der Justiz gemacht: Die Staatsanwaltschaft Baselland erliess einen Strafbefehl gegen ihn. Auch dabei ging es um Personalvermittlung ohne Bewilligung. Marco M. wurden Ende Juni 2016 eine Busse und die Verfahrenskosten auferlegt. Danach zog er in die Slowakei.



Slowiss zieht möglicherweise auch die betroffenen Familien, die eine Betreuerin benötigen, in die Illegalität. Denn die Firma vermittelt nur, während die Familien in der Schweiz eine Verantwortung als Arbeitgeberin tragen. Oft kommt es zu Schwarzarbeit. Erhält die kantonale Aufsicht entsprechende Hinweise, so kann sie die Familie bestrafen. Wegen Verstössen gegen die Sozialversicherungsgesetze ist eine Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen möglich, beim Ausländerrecht drohen Freiheits- oder Geldstrafen. Bei der Geldstrafe liegt der Tagessatz zwischen 30 und 3000 Franken.

«Schlicht kriminell»

Dass Getcare eine 24-Stunden-Betreuung ab 1990 Franken verkauft, hält Elvira Wiegers, Zentralsekretärin Gesundheit bei der Gewerkschaft VPOD, für «schlicht kriminell». Der gesetzliche Mindestlohn für Betreuerinnen ist zwar nicht einfach zu bestimmen, da unter anderem die Zahl der nächtlichen Einsätze, die kantonalen Regelungen und die Definition der Ruhezeiten zu verschiedenen Resultaten führen können. Aber selbst im schlechtesten Fall müssten es mindestens 2600 Franken netto sein, sagt Wiegers. Mit einigen Jahren Berufserfahrung wären es mindestens 3000 Franken, was einem Bruttolohn von ungefähr 5000 Franken entspräche. Die von Slowiss vermittelten Betreuerinnen erhalten teilweise deutlich weniger.


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«Niemand sonst vermittelt in der Schweiz so viele Personen für eine 24-Stunden-Betreuung wie Getcare oder Senio-24», sagt Silvain Kocher, Geschäftsführer des Dienstleisters Alterswohnhilfe.ch. Sein Unternehmen bietet ebenfalls die Vermittlung von Pflegekräften an. Kocher kennt die Konkurrenz, denn er vergleicht die offenen Stellen auf slowakischen Internetplattformen. Er ärgert sich über den illegalen Wettbewerber, denn dieser erschwert ihm mit seinen Dumpingpreisen das Geschäft.

Schwierige Strafverfolgung

Warum hat das Seco die illegalen Geschäfte bis heute nicht gestoppt? Die fehlende Bewilligung für eine Arbeitsvermittlung kann mit bis zu 100'000 Franken gebüsst werden. Für eine solche Busse fehlt aber das Gegenrechtsabkommen mit der Slowakei. Es gelang dem Seco einmal, eine Internetadresse von Getcare sperren zu lassen. Doch die Verantwortlichen reagierten rasch und schalteten den Internetauftritt unter einer leicht angepassten Adresse gleich wieder auf. Die Schweizer Rufnummern kann das Seco nicht sperren lassen, da dies im Arbeitsvermittlungsgesetz nicht vorgesehen ist.

Laut Seco macht das Firmenkonstrukt um Slowiss auf seinen Internetseiten «falsche Angaben», was eine Strafanzeige wegen unlauteren Wettbewerbs ermögliche. Diese hat das Seco eingereicht. Da hier Gefängnis droht, können Schweizer Behörden eine Strafverfolgung im Ausland anstreben. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland führt das Verfahren. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Justiz hat sie nun die slowakischen Strafverfolgungsbehörden um Unterstützung in dieser Sache ersucht.

Wann und wie es mit dem Verfahren weitergeht, ist noch offen und hängt in erster Linie von der Reaktion der slowakischen Justiz ab. Zwei Optionen sind laut Staatsanwaltschaft Winterthur denkbar: Entweder richtet die Schweiz ein Rechtshilfegesuch an die Slowakei und führt anschliessend ein Verfahren durch. Oder die Slowakei wird selber aktiv und führt ein Strafverfahren durch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2018, 06:45 Uhr

Was die Betreuerinnen durchstehen müssen

24 Stunden am Tag unterstützen die Betreuerinnen pflegebedürftige Leute in Schweizer Haushalten bei Körperhygiene, Toilettengängen, Essen und anderem mehr. Und das an sechs Tagen pro Woche. Ein Arbeitseinsatz dauert jeweils ein bis drei Monate. Die meisten Frauen, die Slowiss vermittelt, kommen aus der Slowakei. Slowiss ist die Firma, die hinter den Betreuungsangeboten der Internetseiten Getcare.ch und Senio-24.ch steht. A. (Name der Redaktion bekannt) kennt die Arbeitsbedingungen bei Slowiss aus eigener Erfahrung. Sie braucht das Geld, um das kostspielige Studium ihres Sohnes zu finanzieren. In einem Altersheim in der Slowakei würde sie rund 400 Euro im Monat verdienen, was nicht reichen würde. Für einen einmonatigen Einsatz für Slowiss in der Schweiz erhalten die Betreuerinnen in der Regel einen Nettolohn von 1766 Franken. Bei zwei Monaten berichten Frauen von 2000 Franken, und bei drei Monaten kann es noch etwas mehr sein. Wenn eine Betreuerin in einem Haushalt zwei Personen pflegen muss, liegen 2300 Franken drin. Dies ist der Lohn für eine Betreuung rund um die Uhr.

Mehrere befragte Mitarbeiterinnen von Slowiss sagen, dass sie bei verschiedenen Familien stets schwarzgearbeitet hätten. Der Arbeitsvertrag wird direkt zwischen der Familie mit dem Pflegefall und der Betreuerin abgeschlossen. Die Betreuerin wird in der Schweiz durch Slowiss weder gemeldet, noch werden Sozialversicherungsbeiträge abgerechnet. Als Begründung sei angeführt worden, dass die Betreuerin als Selbstständigerwerbende arbeiten würden. Slowiss bringt die Frauen in der Regel zweimal wöchentlich mit jeweils zwei Kleinbussen in die Schweiz. Arbeitsverträge dürfen sie nur in elektronischer Form auf dem Handy dabeihaben, denn bei Dokumenten in Papierform könnte ihnen eine Grenzkontrolle auf die Schliche kommen.

Slowiss gibt die Bedingungen vor. Diese sehen zwei halbe Tage oder einen freien Tag pro Woche vor, Pausen und Ruhezeiten sind vage geregelt. «Pausen waren für mich, wenn ich Einkäufe erledigen oder mit dem Hund spazieren ging», erzählt A. Weil sie in der Schweiz keine Angehörigen haben, die sie besuchen könnten, arbeiten manche sogar an ihrem freien Tag.

Die Belastung ist oft enorm. Einmal betreute A. einen Mann mit Alzheimererkrankung. «Ich musste jede Nacht 13- bis 15-mal aufstehen.» Die Betreuerinnen erhalten vor ihren Einsätzen zwar einen Beschrieb der Pflegesituation. Doch oft sind es falsche Angaben und die Bedingungen schlimmer als angekündigt. Hinzu kommt, dass sich viele einsam fühlen, weil die Angehörigen weit weg sind und sie andere Sprachen kaum beherrschen. (ki)

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