VW-Verkaufsverbot – Astra legt Rückwärtsgang ein

Für bereits in der Schweiz zugelassene VW-Modelle gibt es jetzt eine Klarstellung vom Bund.

Auch Kunden von Parallelimporteuren wie Auto Züri West können ihre Wagen auf Kosten von VW revidieren lassen. Foto: Thomas Egli

Auch Kunden von Parallelimporteuren wie Auto Züri West können ihre Wagen auf Kosten von VW revidieren lassen. Foto: Thomas Egli

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Das Chaos ist perfekt: Vergangenen Freitag spätabends kommunizierte das Bundesamt für Strassen (Astra), dass in der Schweiz rund 180'000 Fahrzeuge von der VW-Abgasmanipulation potenziell betroffen sein könnten. In der Sonntagspresse sagte Amag-Chef Morten Hannesbo, dass die Zahl zu hoch sei. Ein Astra-Sprecher erklärte gleichentags dem TA, dass man an den 180'000 festhalte, da es sich nicht nur um Importe des offiziellen Schweizer VW-Vertriebspartners handeln würde. Vielmehr seien darin auch die Parallel- und Eigenimporte inbegriffen. Am Montagvormittag meldete sich auch der Verband freier Autohandel (VFAS) mit einer neuen Zahl. Der Verband, der die Privat- und Kleinimporteure sowie Occasionshändler vertritt, rechnet etwa mit 1000 Autos, die bei Schweizer Händlern uneingelöst in den Garagen stehen.

Am Nachmittag veröffentlichte dann die Amag ihre Zahlen: «In der Schweiz sind 128'802 bereits in Verkehr gesetzte Fahrzeuge betroffen», dies habe eine interne Auswertung der Volkswagen AG ergeben. Das Astra wiederum schwieg den ganzen Tag. Am Abend um 19.38 Uhr kam dann das Communiqué des Bundesamts: «Nach neuesten Erkenntnissen geht das Astra davon aus, dass in der Schweiz rund 130'000 Fahrzeuge potenziell betroffen sein könnten.»

Nicht auf Druck der Händler?

Doch damit nicht genug. Noch am Sonntag bestätigte ein Astra-Sprecher dem TA, dass man Anfang dieser Woche de facto ein Verkaufsverbot für die betroffenen Modelle erlassen würde. So sollten die Strassenverkehrsämter angewiesen werden, die Autos nicht mehr neu zuzulassen. Doch nun die Kehrtwende: «Unsere Direktion, Juristen und Techniker haben bis zur letzten Minute die Liste bereinigt und sind zum Schluss gekommen, dass Schweizer Occasionsautos und alle bereits in der Schweiz immatrikulierten Fahrzeuge davon nicht betroffen sind», sagt Astra-Sprecher Guido Bielmann auf Anfrage. Das gilt auch für die paar Tausend Neuwagen, die bei den Händlern stehen. «Wir wollten damit verhindern, dass die Öffentlichkeit weiter verun­sichert ist.» Die gestrige Kritik des Verbands freier Autohandel (VFAS) hätte dabei keine Rolle gespielt. Damit besteht nur ein Zulassungsverbot für Autos, die aus dem Ausland importiert werden.

Damit können auch die Kleinimporteure und Occasionshändler durch­atmen. Der VFAS rechnete bei einem Verkaufsverbot mit einem Schaden in Millionenhöhe. «Dass nun auch Händler des Verbandes der freien Autohändler die Zeche für werkseitige Verfehlungen zahlen sollen, stösst bei uns VFAS auf Unverständnis», schreibt der Verband in der gestern veröffentlichten Mitteilung. Jeder Autohändler verfüge über ein Fahrzeuglager, sagt Verbandspräsident Roger Kunz. «Wenn diese Autos nun nicht verkauft werden können, kann der Händler in Liquiditätsprobleme ge­raten.» Daneben sei auch mit Wertverlusten bei den betroffenen Fahrzeugen zu rechnen. Auch dafür müsse VW letztlich haften. In einem ersten Schritt will der Verband den effektiven Schaden feststellen und ruft Händler auf, sich zu melden.

Kritik an der Astra

Kritik geht aber auch an die Adresse des Astra. «Dass der Bund in dieser Sache vorprescht und nicht koordiniert mit ­anderen europäischen Zulassungs­behörden vorgeht, erweckt den Eindruck einer Überreaktion», erklärt der VFAS. Angesichts der 1000 direkt betroffenen Fahrzeuge sei der direkte Nutzen der Astra-Verfügung gering, wenn man an alle betroffenen Fahrzeuge in der Schweiz denke.

Die Amag äusserte sich gestern auch erstmals zum geplanten Rückruf: Mit dem Aktionsplan würden nun auch die betroffenen Kunden in einem ersten Schritt individuell informiert, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs nachgebessert werden müsse. Amag-Sprecher Livio Piatti stellte klar: «Bei den 128'802 betroffenen Fahrzeugen handelt es sich um sämtliche in der Schweiz zugelassenen Fahrzeuge mit dem betroffenen Motortyp EA189.» Damit sind also auch die Autos, die nicht von der Amag importiert wurden, berücksichtigt. Auch in ­einer anderen Sache herrscht endlich Transparenz: «Volkswagen übernimmt die volle Verantwortung und auch die Kosten für notwendige Massnahmen», erklärt Piatti weiter. Folglich werden auch alle parallel- und eigenimportierten VW-Modelle von den Amag-Garagen und auf Kosten von VW revidiert.

Monatelange Rückrufaktion

Allerdings hat VW keine grosse Wahl. Gemäss Recherchen des TA gibt es die Astra-Weisung «Informationen zu Fahrzeugrückrufen» vom 23. Juni 2011. Darin heisst es unmissverständlich: Zwar sei der Parallelimporteur verpflichtet abzuklären, ob die durch ihn importierten Fahrzeuge von der vom Hersteller oder offiziellen Importeur lancierten Rück­ruf­aktion betroffen seien. «Die Arbeiten selber sind grundsätzlich im Vertreternetz des Herstellers oder Importeurs durchzuführen.»

Was auf den ersten Blick relativ leicht machbar erscheint, könnte sich aber in Wirklichkeit als grosse logistische wie finan­zielle Herausforderung heraus­stellen. VFAS-Präsident Kunz rechnet damit, dass es mindestens ein halbes Jahr dauern wird, bis die betroffenen Fahrzeuge in der Schweiz nachgebessert seien. «Und selbst dies ist eine sport­liche Vorgabe.» Schliesslich müsse jede der 300 VW-Garagen Hunderte Nachbesserungen vornehmen. Damit stellt sich auch die Frage, wann das von der Astra angekündigte Verkaufsverbot für die betroffenen Modelle aufgehoben wird. Wer schon heute wissen will, ob sein Auto betroffen ist, kann dies anhand der Motornummer (diese Nummer besteht aus drei Buchstaben und einer Zahl) oder der Identifikationsnummer im Kaufvertrag selber herausfinden.

Wie die Amag weiter mitteilte, würde man noch im Oktober dem Astra anhand von Referenzfahrzeugen die technischen Lösungen und deren Umsetz­barkeit demonstrieren und genehmigen lassen. «Anschliessend werden die Kunden individuell über die technische ­Lösung zur Nachbesserung ihres Fahrzeugs informiert und entsprechende Werkstatttermine vereinbart.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2015, 23:02 Uhr

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