Christine Lagarde muss gehen

Bleibt die IWF-Chefin nach ihrer Verurteilung auf ihrem Posten, schafft sie noch mehr Misstrauen in ihre Institution.

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Schuldig – so lautet das Urteil eines Sondergerichts in Paris über die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde. Verurteilt wurde sie, weil sie einst als französische Finanzministerin ­fahrlässig und ungerechtfertigt Zahlungen in der Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro ­genehmigt hatte. Dennoch sprach das Gericht keine Strafe aus. Das Entgegenkommen legt die Vermutung nahe, dass die Richter ihr einen Rücktritt von der Spitze des Währungsfonds ersparen wollten.

Doch Christine Lagarde sollte gehen, am besten von sich aus. Es ist wahr, dass der Prozess in Paris nichts mit ihrer Tätigkeit als IWF-Chefin zu tun hat. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die französische Politikerin steht für so vieles, was beim Währungsfonds in den letzten Jahren in Europa und unter der Leitung von Europäern schiefgelaufen ist. Die Folge ist ein gewaltiges Misstrauen bei allen ­aussereuropäischen Mitgliedsstaaten gegenüber dem Fonds. Beharrt Lagarde nun trotz einer Verurteilung auf ihrem Posten, wird dieses Misstrauen noch weiter genährt.

Katastrophales Management der IWF-Gelder

Den überwiegenden Teil seiner Gelder hat der IWF in den letzten Jahren im vergleichsweise reichen Europa eingesetzt. Und wie eine unabhängige ­Prüfstelle des IWF diesen Sommer festhielt, sei das Management dieser Gelder eine totale Katastrophe. Der Fonds habe sich von den Politikern Europas etwa bei der Griechenlandrettung komplett um den Finger wickeln lassen und in der Folge die überall sonst auf der Welt üblichen Risikostandards bei Ausleihungen in den Wind geschlagen. Wie letzthin die «New York Times» schrieb, haben die europäischen Vertreter im Direktorium des Fonds – vor allem jene Frankreichs und Deutschlands – grossen Druck gemacht, um diesen kritischen Bericht zu verhindern.

Nach einem Rücktritt von Lagarde würde wohl die Tradition gebrochen, dass der Fonds stets von ­jemandem aus Europa geleitet wird. Aber diese ­Tradition lässt sich in der heutigen Welt ohnehin nicht mehr aufrechterhalten. Schon gar nicht nach der jüngsten Geschichte.

Erstellt: 19.12.2016, 21:24 Uhr

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