Das Geschäft mit dem Plastikabfall

Wer in der Schweiz gebrauchten Kunststoff dem Recycling zuführen will, muss dies selbst bezahlen. Entsorgungs- und Logistikunternehmen verdienen gutes Geld damit.

Kann recycelt werden: Lebensmittelverpackung aus Plastik. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Kann recycelt werden: Lebensmittelverpackung aus Plastik. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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In der Schweiz ist das Trennen von Abfällen ein Volkssport. Selbst ohne Depotsystem werden Glas, Aluminium, PET-Flaschen und anderes sauber vom übrigen Abfall getrennt und zu den Sammelstellen gebracht. Laut aktuellster Statistik werden nicht weniger als 96 Prozent des verkauften Glases der Wiederverwertung zugefügt. Und 92 Prozent der Aludosen und 82 Prozent der PET-Flaschen. Nun erfährt der Sammeleifer der Bevölkerung noch einmal eine Steigerung: In immer mehr Gemeinden können jetzt nämlich auch Kunststoffabfälle recycelt werden.

Zusätzlich gesammelt werden können damit auch allerhand Plastikverpackungen, die im Haushalt anfallen. Also Joghurtbecher, Shampooflaschen, die Raschelsäcklein vom Gemüse und den Früchten, Fleischschalen und Folien von Zeitschriften. Dabei droht die Freude des Schweizers am Recycling allerdings schon fast ins Absurde zu drehen: Die Kosten für das Recycling der Plastikabfälle berappen jene, welche die Abfälle trennen wollen, selbst. Denn anders als etwa bei Aludosen und PET werden Transport und Sortierung des Sammelguts beim Plastik von der Verpackungsbranche nicht über eine vorgezogene Gebühr finanziert. Stattdessen müssen diejenigen, die Plastik vom übrigen Abfall getrennt entsorgen wollen, spezielle Sammelsäcke kaufen.

Zwischen 2.30 und 3.80 Franken kostet je nach Anbieter und Ortschaft dabei die Entsorgung eines 60-Liter-Sacks. Ein Angebot zum Kunststoffrecycling besteht derzeit hauptsächlich in zahlreichen Gemeinden in der Ostschweiz, an diversen Orten im Mittelland sowie im Berner Oberland. Im Kanton Zürich ist das Plastikrecycling erst in einzelnen Gemeinden und bei bestimmten Entsorgungsstellen möglich. Einer der stärksten Treiber, weshalb Gemeinden beschliessen, das Kunststoffrecycling anzubieten, ist die Bevölkerung. Bei dieser kommt – einmal eingeführt – das neue Recyclingangebot nämlich gut an. Und bisweilen werden Bürger offenbar sogar auf der Gemeindeverwaltung mit dem Wunsch nach einer Separatsammlung für Haushaltsplastik vorstellig. Für das Kunststoffrecycling wird auch ein Mehraufwand nicht gescheut; schliesslich werden die Säcke mit dem Kunststoff an den meisten Orten nicht wie die Haushaltsabfälle abgeholt, sondern müssen eigenhändig zu einer Sammelstelle gebracht werden.

Nationale Lösung nicht in Sicht

Zum Boom von Kunststoffsammlungen haben insbesondere Unternehmen beigetragen, welche die Separatsammlung für Kunststoffe für sich entdeckt haben und entweder ihre Dienste den Gemeinden anbieten oder gleich selbst Sammelstellen einrichten. Denn was mit dem Verkauf der Sammelsäcke eingenommen wird, führt anderswo zu Umsatz. Wenn das Sammelgut zur Sortieranlage geschafft werden muss, lässt dies die Kassen von Transportunternehmen klingeln. Und auch in den Sortieranlagen generiert jeder zusätzliche Sack mit Plastikabfällen Mehrumsatz.

Bei der Organisation Kommunale Infrastruktur (OKI), einer Fachorganisation des Städte- und Gemeindeverbands, besteht daher gegenüber den Kunststoffsammlungen eine gewisse Skepsis. OKI-Geschäftsführer Alex Bukowiecki glaubt, dass der Treiber für deren Einführung oft monetärer Natur ist: «Logistikunternehmen sehen darin einen Businesscase.» Die OKI warnt davor, dass schliesslich die Gemeinden die Zeche für den Boom der Plastiksammlungen zahlen, da keine nationale vorgezogene Finanzierungslösung in Sicht ist. Teuer könnte es für die Gemeinden werden, wenn der Aufwand für den Unterhalt der Sammelstellen nicht mit entsprechenden Einnahmen gedeckt werden kann. Oder wenn durch die Plastiksammlungen anderswo Einnahmen wegfallen, etwa bei den Sackgebühren zur Entsorgung des Haushaltskehrichts. Zusammen mit dem Verband Swiss Recycling hat die Fachorganisation deshalb diesen Sommer ein Merkblatt herausgegeben, das Gemeindeverwaltungen mögliche Fallstricke bei der Einführung des Plastikrecyclings aufzeigt.

Bei den beiden Verbänden gibt es aber auch prinzipielle Bedenken, ob die Sammlung von Kunststoffen ökonomisch und ökologisch überhaupt sinnvoll ist. Ihr Standpunkt: Das Sammeln von Kunststoffen lohnt sich nur dann, wenn jede Kunststoffart separat gesammelt wird. So, wie dies beispielsweise bei Migros und Coop der Fall ist, die in ihren Filialen Plastikflaschen von Milchprodukten, Wasch- sowie Putzmitteln zurücknehmen. In vielen Gemeinden aber können alle Plastiksorten – von der Shampooflasche über die Fleischverpackung bis zum Joghurtbecher – in den Sack gegeben werden. Das senkt die Reinheit der recycelten Stoffe, während gleichzeitig der Sortieraufwand steigt. Swiss Recycling und die OKI halten deshalb nichts von Gemischtsammlungen.

Dieser Haltung schliesst sich auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) an. Erst vor kurzem hat es das Merkblatt der OKI auf seine Internetseite aufgeschaltet. Allerdings scheut sich das Bafu davor, eine Antwort auf die Grundsatzfrage zu geben, ob die Sammlung von Kunststoffen aus Haushalten überhaupt sinnvoll sei. Eine Studie, die das Kunststoffrecycling aus der ökologischen und ökonomischen Perspektive bewertet, wird auf der Bafu-Homepage seit dem Jahr 2011 in Aussicht gestellt. Gemäss Auskunft des Bafu soll sie in wenigen Wochen veröffentlicht werden. An der momentanen Haltung werde die Veröffentlichung der Studie aber nichts ändern, heisst es. Sprich: Eine Kunststoffsammlung soll auf eine Recyclingquote von mindestens 70 Prozent kommen – oder aber man verzichtet darauf.

Die Recyclingquote steigt

Eine solche Quote wird bei Gemischtsammlungen nur schwer erreicht. Das Unternehmen Innorecycling etwa, das in mittlerweile über 200 Gemeinden mit einem eigenen Kunststoffsammelsack präsent ist und zudem auch das Sammelgut von Gemeinden mit einer eigenen Kunststoffsammlung verarbeitet, zeigt sich erfreut darüber, dass die Verwertungsquote höher ausfällt als erwartet. War einst davon die Rede, dass rund 50 Prozent des angelieferten Plastiks recycelt werden können, sind es nun zwischen 60 und 70 Prozent. Der andere grosse Anbieter, die Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH, gibt eine Recyclingquote von gegen 80 Prozent an. Dass ein solch hoher Wert erreicht wird, erklärt Geschäftsführer Ivo Baldini mit dem sehr aufwendigen Sortier- und Verwertungsverfahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2016, 21:37 Uhr

Kunststoffrecycling

Drei Anbieter mit unterschiedlichen Philosophien

Einer der beiden grossen Akteure beim Sammeln von Haushaltkunststoffen ist die Thurgauer Innorecycling. Sie stellt aus Recyclinggut Polyethylen-Granulat her, aus dem später beispielsweise wieder Plastikrohre oder Baufolien produziert werden. Das Rohmaterial für das Granulat kauft Innorecycling hauptsächlich im Ausland ein. Weil aber dessen Preis und das Angebot stark schwanken, hat die Firma laut Geschäftsführer Markus Tonner entschieden, das Ausgangsmaterial selber in der Schweiz zu sammeln. In den letzten Jahren wurde deshalb ein eigenes System mit Sammelsäcken aufgebaut. Momentan wird der Inhalt der Säcke noch im österreichischen Lustenau sortiert und das Recyclinggut nachher reimportiert. Zukünftig soll die Sortierung in Eschlikon TG stattfinden – die dafür notwendige Sortieranlage hat Innorecycling bereits projektiert.

Zweiter grosser Player ist die vom Urner Transport- und Entsorgungsunternehmen Baldini und der Aargauer Logistikfirma Häfeli-Brügger gegründete Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH. Deren System haben sich schweizweit sechs weitere Logistikfirmen als Sammelpartner angeschlossen. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurde das Sammelgut zuerst von Hand in Altdorf UR sortiert. Weil sich das nicht mehr lohnte, weil im Sammelgut die Plastikflaschen gefehlt haben, die inzwischen auch die Grossverteiler zurücknehmen, wird das Sammelgut heute im deutschen Rheinfelden aussortiert und verarbeitet.

Gegen kommerzielle Angebote

Einen Kontrapunkt zu den beiden kommerziellen Anbietern bildet die als Verein organisierte IG Recycling-Sack, die derzeit hauptsächlich mit einem Zweckverband im Berner Oberland zusammenarbeitet. «Mich haben die kommerziellen Angebote der gemischten Kunststoffsammlungen zu stören begonnen», nennt Geschäftsführer Raymond Schelker einen der Gründe, die vergangenen Dezember zur Vereinsgründung geführt haben. Schelker ist Inhaber eines Beratungsbüros, das verschiedene Studien zum Kunststoffrecycling verfasst hat. Das dabei gewonnene Know-how soll ins System der IG Recycling-Sack einfliessen.

Im Gegensatz zu anderen Anbietern will Schelker volle Transparenz über die Finanzierung des Sammelsystems gewähren. Und noch etwas unterscheidet die IG Recycling-Sack: In die Säcke der Vereins dürfen nicht alle im Haushalt anfallenden Plastikabfälle geworfen werden, sondern nur Plastikflaschen sowie Getränkekartons. «Es ist sinnlos, grosse Mengen an Kunststoffabfällen separat abzuholen und nach der Sortierung einen grossen Teil davon trotzdem zu verbrennen, weil er nicht recyclierbar ist», sagt Schelker. Indem sein System als Separat- und nicht als Gemischtsammlung aufgebaut ist, kann eine hohe Verwertungsquote erreicht werden. Nur so sei das Recycling ökologisch und ökonomisch sinnvoll, findet Schelker. (rj)

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