Das Geschäft mit filmenden Polizisten

Die Firma Taser rüstet die US-Polizeikorps mit Videokameras und Datenservern aus. Ziel ist, Schiessereien zu verhindern und Beweismaterial für die Gerichte zu beschaffen.

Schon ab nächstem Jahr sollen US-Polizisten über die Taser-Kamera per Livestream begleitet werden. Foto: Douglas R. Clifford (Imago)

Schon ab nächstem Jahr sollen US-Polizisten über die Taser-Kamera per Livestream begleitet werden. Foto: Douglas R. Clifford (Imago)

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Als zwei Polizisten vor zehn Tagen den CD-Verkäufer Alton Sterling in Baton Rouge erschossen, trugen sie Video­kameras. Die Aufzeichnung hätte zeigen sollen, ob und wie die Polizisten bedroht waren oder ob sie den am Boden liegenden Afroamerikaner umbrachten. Doch die Kameras lösten sich während des Gerangels und lieferten keine brauchbaren Aufnahmen. Sie stammten von einem Konkurrenten von Taser International; und nun will Baton Rouge – bestärkt noch durch den Mord vom Sonntag an drei Polizisten – die ganze elektronische Ausrüstung von Taser kaufen. Das Angebot ist umfassend wie kein anderes eines Konkurrenzanbieters: Elektroschockpistole, Videokameras, Software und Serverspeicherplatz, den Taser von Amazon und Microsoft mietet. Kritiker sprechen bereits von einem elektronischen Polizeiapparat à la Orwell.

Profitable Elektroschockpistolen

«Taser will für die Polizeikorps sein, was Apple und Tesla in ihrem Bereich geworden sind», sagt Risikokapitalgeber und Taser-Verwaltungsrat Hadi Partovi. Den Markt für Elektroschockpistolen hat das Unternehmen schon unter Kontrolle gebracht, haben doch 17'000 der 18'000 Polizeikorps in den USA Taser-Waffen beschafft. Sie brachten im ersten Quartal dieses Jahres einen Profit von 15,4 Millionen Dollar ein. Doch nun will Taser von einer Waffen- zu einer Technologiefirma werden, und die gehäuften Schiessereien der letzten Monate helfen bei dieser Umstellung. Zwei Schritte in dieser Richtung wurden bereits getan. Taser siedelte die neue Geschäftseinheit für ­Videokameras von Arizona nach Seattle um, hier finden sich die Softwareexperten für Bearbeitung der immensen Datenmenge, die von den Polizeikameras übertragen werden. Gespeichert werden die Aufnahmen auf Servern von Amazon und Microsoft. Ferner hat Taser einen früheren Technologiechef von Facebook angestellt, um die Expansion ins Geschäft mit den Polizeiaufzeichnungen zu beschleunigen.

«Taser will für Polizeikorps sein,  was Apple und Tesla  in ihren Bereichen geworden sind.»Taser-Verwaltungsrat Hadi Partovi

Ab kommendem Jahr bereits sollen ­Videokameras verkauft werden, die das Livestreaming ermöglichen. Sie sollen es gemäss Taser-Chef Rick Smith erlauben, Polizisten in Echtzeit auf Streife zu begleiten und der Einsatzzentrale die rasche Identifizierung von Verdächtigen ermöglichen. Wären solche Livekameras heute schon in Betrieb, sagt Smith, wäre die Erschiessung von Philando Castile vor zehn Tagen in Minnesota vielleicht verhindert worden. «Je mehr wir die ­Unsicherheit der Polizisten verkleinern können, umso besser», sagte Smith der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Der Polizist, der Castile bei einer Kontrolle im Auto ­erschoss, trug keine Kamera, aber die Freundin des Opfers übertrug den ­Todeskampf auf Facebook live. Dies vermittelte den Eindruck eines ungerechtfertigten Todesschusses, da aber keine Aufnahme aus Polizeisicht existiert, bleibt der Hergang ungeklärt.

Weniger Gewalttaten der Polizei

Als Rick Smith zusammen mit seinem Bruder das Unternehmen 1993 gründete, war sein Ziel «die Pistolenkugel überflüssig» zu machen. Nach den Rodney-King-Unruhen in Los Angeles war klar, dass den tödlichen Schiessereien zwischen Polizei und überwiegend jungen Afroamerikanern Einhalt geboten werden musste. Noch heute sind 75 Prozent aller Opfer der Polizei in Chicago Schwarze, obwohl Afroamerikaner nur 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Taser schaffte mit der Elektroschockpistole, die mithilfe eines Nasa-Ingenieurs entwickelt wurde, rasch den Durchbruch, bevor ab 2004 eine Serie von Schadenersatzklagen wegen tödlicher Elektroeinsätze das Unternehmen in Verruf brachte.

Der Sommer 2014 brachte die grosse Wende: Ein weisser Polizist erschoss in Ferguson einen schwarzen Teenager. Die Umstände bleiben ungewiss, doch sind Angehörige des Opfers und mehrere Gutachter überzeugt, dass der Polizist des Mordes überführt worden wäre, hätte er eine Taser-Kamera getragen, die den Hergang aufgezeichnet hätte. Präsident Obama stellte auf jeden Fall den Polizeikorps landesweit 75 Millionen Dollar für die Anschaffung von Videokameras in Aussicht. Der Boom ist seither nicht abgeklungen: 32 der 39 grössten Städte, darunter Dallas, New York und Chicago haben ihre elektronische Überwachungsarbeit bereits an Taser delegiert; dies sehr zum Verdruss der Konkurrenz. Sie wirft Taser vor, ein Beinahe-Monopol geschaffen und die Aufträge unter der Hand erhalten zu haben.

Mehr Kameras, mehr Vertrauen

Nach anfänglicher Skepsis gegen die ­Videokameras drängen die Polizeikorps nun darauf, so rasch als möglich aufgerüstet zu werden. Dan Zehnder, Chef des Kameraprogrammes der Polizei in Las Vegas, sieht nur Vorteile. Je mehr die Polizei mit Kameras arbeiten könne, desto grösser das Vertrauen der Bürger und desto geringer die Zahl der tödlichen Übergriffe. In Rialto (Kalifornien) etwa hat die Zahl der gewalttätigen Polizeiübergriffe mit dem Tragen von Kameras 59 Prozent abgenommen, und die Bürgerbeschwerden sind um 87 Prozent gesunken. «Dies mag alles noch sehr nach Orwell aussehen und Bürgerrechtler erschrecken», sagt Zehnder, «aber ist nicht mehr zu verhindern. In drei bis fünf Jahren werden wird wir nur noch von diesen Videoaufzeichnungen und ihrer Beweiskraft vor Gerichten sprechen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 23:33 Uhr

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