Das Land der Geizkrägen

Die Katalanen gelten als sparsam. Das hat die Region zu einem wichtigen Industriestandort gemacht. Eine Abspaltung von Spanien würde Katalonien wirtschaftlich schaden.

Die katalanische Bank Caixa – hier eine Filiale in Barcelona – warnt vor einer Abspaltung von Spanien. Foto: Joan Garcia (Corbis, Getty Images)

Die katalanische Bank Caixa – hier eine Filiale in Barcelona – warnt vor einer Abspaltung von Spanien. Foto: Joan Garcia (Corbis, Getty Images)

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Im Konflikt um die Zukunft der Region Katalonien hat auch unter Wirtschaftsexperten eine Art Propagandakrieg eingesetzt. Gestritten wird über die Frage, ob eine Republik Katalonien nach der Abspaltung vom Königreich Spanien, wie es die Führung in Barcelona anstrebt, wirtschaftlich überleben könnte. Die Antworten reichen von schwärzesten Szenarien mit Massenarbeitslosigkeit bis zum Bild eines begehrten Standorts für internationale Investoren, der wirtschaftlich in derselben Liga spielt wie die Niederlande oder Schweden.

Einigkeit herrscht unter den Experten nur über zwei Punkte: Spanien könnte sich die Abspaltung der Industrie- und Touristikregion wirtschaftspolitisch nicht leisten. Ein Generalstreik in Katalonien, wie er sich angesichts der derzeit ausweglos erscheinenden Konfrontation abzeichnet, würde auch ganz Spanien empfindlich treffen. Er könnte das gesamte Sanierungsprogramm der konservativen Regierung unter Mariano Rajoy durchkreuzen und in eine erneute Rezession münden. Mit anderen Worten: Die harte Linie Rajoys, der Verhandlungen über den Hauptstreitpunkt ablehnt, nämlich den unausgegorenen Finanzausgleich zwischen den Regionen, birgt für das Land grosse Risiken.

Ein Fünftel von Spaniens BIP

Die 7,5 Millionen Einwohner Kataloniens machen ein Sechstel der Bevölkerung Spaniens aus, sie erwirtschaften aber ein Fünftel des Bruttoinlandprodukts (BIP). Knapp ein Viertel der Industrieproduktion kommt von dort. Doch spiegeln diese Zahlen nur unvollkommen die Bedeutung für die gesamte spanische Volkswirtschaft wider: In der Region an Costa Brava und Costa Dorada sind die Hochtechnologieunternehmen beheimatet, die auch auf den Weltmärkten konkurrenzfähig sind, während die Industrieproduktion aus den anderen Regionen, von Madrid und dem Baskenland abgesehen, überwiegend für den Binnenmarkt bestimmt ist. Vor allem in zwei Bereichen liegt Katalonien ganz weit vorn: bei der Automobilproduktion sowie der Herstellung hochwertiger Pharmaprodukte. Zudem konzentrieren sich im Grossraum Barcelona IT-Unternehmen, die für die Innovationsfähigkeit stehen.

Dies ist einerseits die Folge einer ­vorausschauenden Wirtschaftsförderungspolitik, andererseits, so betonen es die Katalanen selbst, auch Ausdruck ihrer Mentalität: Sie gelten als effiziente Organisatoren und geduldige Tüftler, ausserdem sind sie stolz auf ihre Sparsamkeit. Die Spanier aus den anderen Regionen ärgern sich über den sprichwörtlichen katalanischen Geiz oder machen Witze darüber.

Eines der Grundmotive des jetzigen Konflikts ist es denn auch, dass man in Barcelona der Regierung in Madrid einen ebenso intransparenten wie verschwenderischen Umgang mit Geld vorwirft; die Katalanen meinen, sie würden allein ihre Region besser verwalten und auch konkurrenzfähig halten. Der Verlauf der vor zehn Jahren ausgebrochenen grossen Krise in Spanien, die ja Folge einer grob fahrlässigen Finanz- und Wirtschaftspolitik der Zentralregierungen in Madrid ist, liefert ihnen viele Argumente dafür.

Dass Katalonien als neuer EU-Staat mit Leichtigkeit wirtschaftlich über­leben würde, ziehen nicht einmal die Experten des Finanzministeriums in Madrid in Zweifel. Die grosse Frage ist, ob die Region nach einer Sezession, für die allerdings die politischen Chancen derzeit gering eingeschätzt werden, in der EU bleiben und den Euro behalten könnte. Eindeutig ist der Fall keineswegs geregelt. Doch angesichts der schwachen politischen Argumentation der Verfechter der Unabhängigkeit – das Referendum vom Sonntag erbrachte wegen der geringen Wahlbe­teiligung keinen Beleg dafür, dass sie die Mehrheit der Katalanen hinter sich haben – scheint dies ausgeschlossen zu sein.

Die Republik Katalonien müsste sich um den Beitritt zur EU bewerben, Madrid würde diesen per Veto blockieren. Die Regierung in Barcelona könnte keine Anleihen bei der Europäischen Zentralbank aufnehmen, es würden Zollschranken eingeführt, internationale Investoren würden einen Bogen um den dann äusserst instabilen neuen Staat machen. Der spanische Finanzminister Cristóbal Montoro sagte einen Einbruch des katalanischen Bruttoinlandprodukts um 25 bis 30 Prozent voraus.

Die Folge wären Massenarbeitslosigkeit und Flucht der Höherqualifizierten aus dem Land, wodurch die Hochtechnologie- und IT-Branche rasch verkümmern würde. Doch Expertisen, die von Ökonomieprofessoren in Barcelona verbreitet werden, zeichnen ein gänzlich anderes Bild: Selbst im Falle eines Ausschlusses aus der EU würde sich Katalonien nach einer schwierigen Übergangsphase rasch stabilisieren. Es könnte die Mehrkosten für Exportgüter durch Steuervorteile für die Produzenten ausgleichen. Überdies könnte es mit tiefen Steuersätzen attraktiv für global agierende Konzerne werden, nicht zuletzt aus der digitalen Branche, die auf hervorragend geschulte einheimische Arbeitskräfte zurückgreifen könnte. Auch gäbe es dann keine Hindernisse, Barcelona zu einem weiteren wichtigen Standort der internationalen Finanzindustrie auszubauen, gewissermassen ein Gibraltar XXL.

Unklare Rechtsverhältnisse

Auch betonen die Experten in Barcelona, dass man nach einem Ausschluss aus der EU keineswegs wehrlos der Blockadepolitik Madrids ausgeliefert wäre. Denn ein Grossteil des Exports und Imports aus den anderen Regionen geht über die beiden Häfen Barcelona und Tarragona. Spanien verfügt nicht über die Infrastruktur, um diese Warenströme kurzfristig zu anderen Häfen umzulenken. Barcelona würde Transitgebühren verlangen und die Preise für die Dienstleistungen kräftig heraufsetzen.

Allerdings halten nicht nur Unternehmerverbände, darunter der in Barcelona einflussreiche Kreis deutschsprachiger Führungskräfte, sondern auch die internationalen Ratingagenturen eine solche Entwicklung für unwahrscheinlich. Viele Chefs namhafter Unternehmen warnen vor einer langen Phase der unklaren Rechtsverhältnisse, die Gift für jede Wirtschaftsentwicklung wäre. Auch von den grössten katalanischen Unternehmen kommt lauter Widerspruch gegen die Abspaltungspläne. So hat die Traditionsbank Caixa, das viertgrösste Finanzinstitut Spaniens, weitaus mehr Kunden in den anderen Regionen als in Katalonien. Sie hat gedroht, ihren Sitz nach Madrid zu verlegen. Der Sekthersteller Freixenet warnt vor einem Boykott katalanischer Produkte, die anderen spanischen Regionen seien mit Abstand der grösste Abnehmer, Barcelona könne sich wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtungen eine Abspaltung überhaupt nicht leisten. Mit ähnlicher Argumentation hat die Ratingagentur S & P am Donnerstag die Perspektiven für Katalonien als negativ bewertet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 21:37 Uhr

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