Das Revival der Tante-Emma-Läden

Eine neue Geschäftsidee gestaltet die Schweizer Einkaufslandschaft um: unverpackt einkaufen. Dabei geht es auch um den Kampf gegen die Verschmutzung.

Im Geschäft der Gebrüder Fürst in Bülach werden die Waren ohne Einwegverpackung angeboten. Fotos: Reto Oeschger

Im Geschäft der Gebrüder Fürst in Bülach werden die Waren ohne Einwegverpackung angeboten. Fotos: Reto Oeschger

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Weihnachten ist die Zeit für Geschenke – und für die Müllabfuhr. Nicht nur das schön bedruckte Geschenkpapier landet im Kübel, auch die Plastikverpackungen all der Pralinés, Seifen und Parfüms, die unter dem Weihnachtsbaum den Besitzer wechseln. Es sei denn, jemand hat ganz bewusst ein Geschenk ganz ohne Plastikumhüllung gekauft; in einem der bislang 14 Schweizer Unverpackt-Läden, die, statt Plastikmüll zu verbrennen, ihn lieber vermeiden möchten.

Die gesamte Abfallmenge hat sich in der Schweiz von 1980 bis 2008 auf 5,7 Millionen Tonnen verdoppelt. Auch wenn die Hälfte dessen wiederverwertet wird, ist es vor allem die Tendenz, die bedenklich stimmt. Besonders problematisch ist der Plastikanteil im Abfall. Weltweit werden jährlich etwa 322 Millionen Tonnen Plastik hergestellt, davon gelangen bis zu 13 Millionen Tonnen in die Natur. Das meiste davon endet in den Ozeanen, Lebensraum für mehr als 230'000 Arten. Ein in England verendeter Wal, der den Bauch voller Plastikabfälle hatte, war denn auch ein Auslöser für Daniel Fürst und seinen Bruder Andreas, ihr Geschäft Fürst unverpackt in Bülach zu eröffnen. Daniel hatte 17 Jahre lang bei einer Bank gearbeitet und war latent seit längerem auf der Suche nach «etwas Sinnstiftendem», wie er erzählt. Sein Bruder Andreas war als gelernter Koch im Detailhandel tätig. «Es werden so unfassbar viele Lebensmittel einfach weggeschmissen, ich mochte es nicht mehr mit ansehen», sagt er heute.

Gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Umwelt werden in der Schweiz jährlich über 2 Millionen Tonnen Nahrungsmittel verschwendet. Unter anderem auch deshalb, weil Konsumenten mehr kaufen, als sie brauchen, da sie an vorgegebene Verpackungsgrössen gebunden sind. Wer unverpackt einkauft, kann diese Verschwendung verhindern. Jeder Kunde kann beispielsweise das Olivenöl in mitgebrachte Glasflaschen abfüllen, auch Reis, Nüsse oder Kaffee kann in mitgebrachte Stoffsäckli bedarfsgerecht abgefüllt werden.

Einkaufen ohne Plastik: Dabei geht es auch um den Kampf gegen die Verschmutzung der Meere durch Plastikabfall.

Das Sortiment der neuen Unverpackt-Läden reicht von Lebensmitteln über Kosmetika bis zu Hygiene- und Reinigungsmitteln – alles mit Biolabel, alles möglichst aus der Region und alles ohne Verpackungsplastik. Denn von den 700 Kilogramm Müll, die laut den Zahlen des Bundes jeder Einwohner in der Schweiz pro Jahr im Durchschnitt verursacht, sind 125 Kilogramm Kunststoffe. Diese bestehen häufig aus Verbundstoffen, die nicht sinnvoll rezykliert werden können und in der Verbrennungsanlage enden – zumindest hierzulande.

Einkaufstrend aus dem Norden

«In Mexiko gibt es keine solche Anlagen, und die Berge von Plastikmüll auf den Deponien sind weithin sichtbar», erzählt Adriana Puente, eine der beiden Inhaberinnen von Bare Ware, dem Unverpackt-Laden in der Winterthurer Steinberggasse. Gemeinsam mit Iris Huber hat sie das Geschäft im Juli 2017 eröffnet. Adriana Puente hat in England Biologie studiert, Iris Huber besitzt einen Master in Umweltwissenschaften der ETH Zürich. Ihr nostalgisch anmutender Laden ist gut besucht, es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee, Stammkunden begrüssen sich im Lokal mit Vornamen.

Die Unverpackt-Welle ist aus den europäischen Nordländern in die Schweiz gelangt. Der erste «Supermarkt ohne Einwegverpackungen» wurde im Jahr 2014 in Berlin-Kreuzberg eröffnet – und hat im deutschsprachigen Raum eine Lawine losgetreten. In zahlreichen Ländern kam es seither zu Eröffnungen von Unverpackt-Geschäften. Diese tragen Namen wie Liebe & Lose, Füllbar, Schüttgut oder Tante Emma. Bei diesem Trend kann denn zu Recht von einem eigentlichen Revival der früheren Tante-Emma-Läden gesprochen werden.

Angesprochen auf die Hygiene, verweist Adriana Puente auf das Gesundheitsamt, welches das Verkaufslokal genau kontrolliert hat. «Es gab keine Probleme», sagt sie zufrieden. Auf Hygiene und Sauberkeit lege man grössten Wert. Die Kunden können sich das Haltbarkeitsdatum auf einem Klebezettel notieren, nachdem sie die abgewogene Pasta, das Mehl oder die Gewürze in mitgebrachte Gefässe gefüllt haben – wie früher, bevor die Kunststoffverpackungen Einzug in den Detailhandel hielten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2017, 20:14 Uhr

Einkaufen

«Zero Waste» – ohne Abfall

Schweizweit hält der Trend Einzug, mit weniger Abfall (oder gar ganz ohne) zu konsumieren. Bereits in 14 Fachge­schäften kann entsprechend eingekauft werden:

unverpackt Aarau: Milchgasse 5, Aarau; ohne.ch: Stadtturmstrasse 15, Baden; Basel unverpackt: Feldbergstrasse 26, Basel; Fürst unverpackt: Schaffhauserstrasse 52, Bülach; Les Frondaisons: Route du Bois-Genoud 36, Crissier VD; Unverpackt Luzern: Zürichstrasse 44, Luzern; Quai4-Markt: am Alpenquai, Luzern; Terra, Bio im Bahnhof: Bahnhofstrasse 17, Männedorf; Chez Mamie, Bio-Vrac: Rue de la Drague 18, Sion; i-lade, allerlei verpackungsfrei: Spiegelstrasse 96, Spiegel bei Bern; Bare Ware: Steinberggasse 29, Winterthur; Bachsermärt: Kalbreite, Zürich; FoiFi ZeroWaste Ladencafé: Schiffbaustrasse 9b, Zürich.

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