Das ist die künftige Altersarmut

Die Erosion der Renten trifft den Mittelstand. Politik, Wirtschaft und die künftigen Rentner verkennen die Brisanz.

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Golden Agers, das war bald einmal. Wer die reiselustigen Senioren von heute vor Augen hat, um sich seinen Ruhestand in 5 oder 15 Jahren auszumalen, erliegt einem Trugbild. Viele der künftigen Pensionierten werden mit weniger Geld leben müssen.

Wer einen Blick in die Zukunft wagen will, sollte sich seine Pensionskassenauszüge der letzten 15 Jahre zu Gemüte führen. Die projizierte Rente der zweiten Säule ging bei vielen um 20 bis 30 Prozent zurück. Der Grund sind sinkende Umwandlungssätze. Wer jetzt oder später pensioniert wird, zahlt mit den tieferen Renten den Preis für die geringen Kapitalerträge und die nicht vollständig finanzierten Pensionen heutiger Rentner, letztlich für die gestiegene Lebenserwartung.

Arm werden diese 
Rentner nicht sein, 
aber sich um ihren Wohlstand betrogen fühlen.

Dem gutschweizerischen Mittelstand werden die überobligatorischen Leistungen der zweiten Säule zusammengekürzt. 60 Prozent des letzten Einkommens sollen gemäss Bundesverfassung AHV und Pensionskasse abdecken. Bereits heute sind es oft nur noch 55 Prozent, in zehn Jahren wird es wohl noch knapp die Hälfte sein. Diese Entwicklung wird Folgen haben: Wer vor seiner Pensionierung 100'000 Franken brutto hat, kann in der Schweiz gut leben. Wer davon dann als Rentner nur noch die Hälfte erhält, kann Miete, Essen, Krankenkasse und Steuern bezahlen, aber viel mehr nicht, zumal die Steuern auf dem Renteneinkommen wegen der wegfallenden Abzüge prozentual höher sind als auf dem Erwerbseinkommen.

Von Politik und Wirtschaft wird dieses Thema ignoriert. Die Verantwortlichen diskutieren zwar, wie die Höhe der gesetzlichen Renten erhalten werden kann. Das ist gut, aber nicht genug. Denn wenn die grösste Rentnergeneration, die die Schweiz je hatte, gerade noch den Lebensbedarf decken kann, birgt das sozial- und wirtschaftspolitischen Zündstoff. Arm im ursprünglichen Sinn werden diese Rentner nicht sein, aber sich um ihren Wohlstand betrogen fühlen. Und der Binnenwirtschaft kommt ein Teil der kaufkräftigen Konsumenten abhanden. Höchste Zeit, dass die selbst ernannten Mittelstandsvertreter aufwachen.

Erstellt: 19.08.2019, 21:28 Uhr

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