«Das war ein Geschenk für Hitler»

Historiker Tobias Straumann erklärt Hitlers Aufstieg mit der damaligen Wirtschaftskrise – und warnt vor zu strikten EU-Vorschriften.

Von einer hohen Arbeitslosigkeit profitieren die politischen Pole: Stellensuchende im Berlin der 30er-Jahre. Foto: Roger Viollet (Getty)

Von einer hohen Arbeitslosigkeit profitieren die politischen Pole: Stellensuchende im Berlin der 30er-Jahre. Foto: Roger Viollet (Getty)

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Brauchen wir noch ein Buch über Hitlers Aufstieg?
Bislang haben viele Historiker den Fokus auf die politischen Ereignisse und die Personen gelegt. Aus ökonomischer Sicht interessierte der wirtschaftshistorische Kontext. Im Buch führe ich nun beide Perspektiven zusammen. Wir wussten bis jetzt zu wenig darüber, wie genau die Finanzkrise der 1930er-Jahre zu Hitlers Aufstieg beitrug.

Warum muss uns das heute interessieren?
Solche Bücher sind wichtig für die historische Fantasie. Im Alltag blenden wir ja gern aus, was passieren kann. Wir denken, die Zukunft sei die Fortsetzung der unmittelbaren Vergangenheit.

Was nicht unbedingt zutrifft.
Die Geschichte kann plötzlich Sprünge machen. Als zum Beispiel 1989 die Berliner Mauer fiel, dachten die meisten von uns: Jetzt wird es friedlich in Europa. Dann brach ganz unerwartet der Jugoslawienkrieg aus. Es lohnt sich also, sich historisch mit Extremsituationen auseinanderzusetzen. In den 1930er-Jahren waren alle auch völlig überrascht, was für eine Katastrophe die deutsche Finanzkrise auslöste.

Wir unterschätzen also, welche Gefahren Finanzkrisen bergen?
Wir müssen uns vom Gedanken lösen, dass die Regierungen, die Behörden und auch die internationalen Organisationen alles im Griff haben, nur weil sie sich regelmässig treffen. Das ist auch eine Lehre aus der Bankenkrise, die uns vor zehn Jahren erschütterte: Wir glaubten, die da oben werden die Probleme schon angehen. Es gelang ihnen aber in der Krise lange nicht, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Wer genau erwies sich als ohnmächtig?
Die Regierungen. Obwohl die Finanzminister an vielen Treffen bis in die Nacht verhandelten, fanden sie keine Lösung. Erst als die Europäische Zentralbank (EZB) einschritt, beruhigte sich die Lage. Wenigstens eine Institution war also handlungsfähig. In den 1930er-Jahren fehlte eine EZB. Es gab mehrere Zentralbanken. Die Kooperation unter ihnen funktionierte nicht. Daher gibt es keine direkten Parallelen zwischen damals und heute.

Und wo sehen Sie «indirekte» Parallelen?
Damals wie heute haben wir internationale Institutionen und Arrangements, die es in Krisenfällen verhindern, dass eine einzelne Regierung eine auf ihr Land abgestimmte Krisenpolitik betreiben kann. So war es zwar richtig, dass die EZB in der Eurokrise intervenierte. Sonst wäre der Euro zusammengebrochen. Aber die Währungsunion machte es für die Schuldnerländer sehr schwierig, die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen.

Weil sie keine eigene Währung mehr hatten, die sie abwerten konnten?
Nicht nur deshalb. Sie hatten wegen der Währungsunion auch ­finanzpolitisch zu wenig Spielraum. In den 1930er-Jahren war Deutschland wegen des Schuldenabkommens mit den Alliierten in seiner Konjunkturpolitik stark eingeschränkt. Das war ein Geschenk für einen radikalen Oppositionspolitiker wie Hitler.

Wohin führt das?
Wir realisieren, wie fatal sich inflexible internationale Abkommen in Krisenzeiten für einzelne Länder auswirken können. Wenn wir in eine Rezession schlittern, heisst das zwar nicht gleich, dass die Nazis kommen. Gelingt es aber einer Regierung nicht, die Arbeitslosigkeit zu Hause zu bekämpfen, führt das zwangsläufig zu einer Polarisierung in der Gesellschaft.

Die Polarisierung ist längst da. Populisten sind an der Macht.
Wirklich gefährlich wird es aber nur da, wo der Spielraum für eine wirksame Konjunkturpolitik fehlt. Muss eine Regierung in einer Wirtschaftskrise sparen, kann die Wirtschaft regelrecht einbrechen und das demokratische System kollabieren. Normale Zeiten überlebt man jedoch auch mit einer schlechten Politik. In den allermeisten Politikbereichen ist der Spielraum der Regierungen ja auch viel grösser.

Das Schuldenabkommen mit den Alliierten habe den Aufstieg des Führers begünstigt, sagt Straumann: Adolf Hitler bei einer Rede 1937. Foto: Keystone

Zum Beispiel?
In den Bereichen Sicherheit oder Migration etwa können die Länder selbst reagieren. Frankreich hat wegen des Terrorismus etwa den Ausnahmezustand ausgerufen. Die Länder holen sich ihre Rechte zurück.

Das Problem heute ist also vor allem die Währungsunion?
Problematisch ist, dass wir innerhalb der Währungsunion völlig unbrauchbare Mechanismen zur Krisenbekämpfung geschaffen haben. Man hat bei der ­Einführung des Euro zu wenig darüber nachgedacht, wie ein schlingerndes Land seine Zahlungsprobleme angehen kann, ohne dass ihm bei einem Hilferuf weiterhin Abflüsse drohen. Ich habe aber zum Beispiel auch bei der Personenfreizügigkeit nie verstanden, warum die EU sie nicht dauerhaft mit einer Ventilklausel kombiniert hat, etwa in Grossbritannien oder der Schweiz. Mit solchen Notfallklauseln hätten die Regierungen die Zuwanderung im Sinne der Bevölkerung steuern und viele der heutigen politischen Konflikte – von der Masseneinwanderungsinitiative bis zum Brexit – vermeiden können.

Teils lösen sich Probleme auch von selbst. Die Zuwanderung kümmert derzeit in der Schweiz nur wenige.
Weil die Nettozuwanderung zurückgegangen ist. Politisch geht der Streit aber wieder los, sobald es den umliegenden Ländern schlechter geht und wir in der Schweiz einen erneuten Anstieg der Zuwanderung erleben.

Haben wir die Ängste der Menschen unterschätzt?
Wir haben in den letzten 30 Jahren eine so starke Globalisierungs- und internationale Regulierungswelle wie nie zuvor gesehen. Man ging wohl zu stark davon aus, dass das für alle gut ist. Jetzt müssen wir das neu kalibrieren. Ich sehe aber kein Ende der Globalisierung oder einen Zusammenbruch der EU. In den meisten Bereichen sind pragmatische Lösungen möglich.

Einen Rückfall in die Barbarei der 1930er-Jahre schliessen Sie also aus.
Ja. Die Zwischenkriegszeit lässt sich nicht mit heute vergleichen. Der Erste Weltkrieg hinterliess enorme internationale Prob­leme. Das Grundübel bestand darin, dass die USA die Kriegsschulden von Frankreich und Grossbritannien nicht massiv reduzierten. Die internationalen Abkommen waren unflexibel und die USA nicht bereit, der Welt öffentliche Güter wie Freihandel und Sicherheit bereitzustellen, koste es, was es wolle.

«America First» ist aber auch heute das Motto.
Das stimmt. Aber abgesehen von einzelnen Schutzzöllen sind fast alle Länder nach wie vor am Freihandel interessiert. Trump hat primär auf die Fehler seiner Vorgänger reagiert: Die Amerikaner liessen in den letzten 10 bis 15 Jahren durch eine blauäugige Freihandelspolitik ganze Industriegebiete veröden. Das wäre der Schweiz nie passiert.

Wie meinen Sie das?
Als Kleinstaat ist die Schweiz seit je mit den Kosten von Öffnungsschritten konfrontiert. Aus dieser Erfahrung heraus hat man zum Beispiel die Personenfreizügigkeit an flankierende Massnahmen gekoppelt. Eine kluge Kombination von Öffnung und Abfederung müssen die Amerikaner jetzt lernen.

Sie vertrauen darauf, dass die Amerikaner das tun werden?
In den USA haben wir auch eine Demokratie . . .

. . . die Trump an die Macht gebracht hat.
Aber der geht ja wieder. Trump hat die Debatte vielleicht gar nicht in eine so schlechte Richtung geführt. Auch als mächtiges Land muss man sich überlegen, wie man mit der Globalisierung oder mit China umgehen will.

Wie soll man damit umgehen?
Mit Freihandel und Internationalisierung sind viele Anschlussprobleme entstanden. Überall musste man harmonisieren, gleiche Bedingungen schaffen. Das System hat sich irgendwann verselbstständigt und ist nicht mehr auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten.

Das müssen wir korrigieren?
Solange die Strukturen flexibel sind, korrigiert es sich von selbst. Das dauert einfach seine Zeit. Nur bei der Eurozone sehe ich keine wirkliche Lösung, weil das ganze Gebilde viel zu rigide und es dennoch fast unmöglich ist, die Eurozone zurückzubauen. Eine ausweglose Situation.

Also bleibt nur durchwursteln?
In den meisten politischen Bereichen funktioniert dies. Betreffend Eurozone glaube ich nicht, dass es ausreichen wird. Viele Euroländer sind stark verschuldet, die nächste Krise wird kommen. Die Währungsunion ist unverändert ein wackliges Gebilde.

Erstellt: 14.04.2019, 19:16 Uhr

Tobias Straumann

Tobias Straumann (52) ist Titular­professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Sein Forschungsinteresse gilt vor allem der europäischen Geld- und Finanzgeschichte und der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. (red)

Wie rigide globale Regeln Hitler zur Macht verhalfen

Wirtschaftskrise Zu den Gründen, die zur Machtergreifung der Nazis in Deutschland in den 1930er-Jahren geführt haben, wurde schon viel geschrieben. Auch zur weltweiten Depression, ihren Ursachen und ihren Folgen gibt es hervorragende Bücher. Der Schweizer Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann bringt mit seinem neuen, englisch verfassten Werk «1931, Debt, Crisis, and the Rise of Hitler» (1931, Schuldenkrise und der Aufstieg von Hitler) beide Themen zusammen.

Straumann erzählt die Geschichte nahe an den wichtigsten Protagonisten der Zeit – vor allem dem deutschen Kanzler Heinrich Brüning. Im hoch verschuldeten und von der Wirtschafts- und Finanzkrise gebeutelten Deutschland hat Brüning die wirtschaftliche Lage 1931 mit immer härteren Sparmassnahmen bis ins Extreme verschärft. Der Autor zeigt, dass als Folge davon die zuvor politisch weitgehend irrelevanten Nationalsozialisten immer grössere Wahlerfolge feiern konnten.

Kanzler in anderem Licht

Doch in diesem Buch erscheint der Kanzler nicht wie sonst meist beschrieben als verantwortungsloser Übeltäter oder ökonomischer Banause. Im Gegenteil: Gerade sein Verantwortungs- und Pflichtgefühl wurden ihm, dem Land und letztlich der Welt zum Verhängnis. Denn es schien ihm unverantwortlich, die internationalen Zahlungsvereinbarungen nicht einzuhalten – obwohl sie realistischerweise gar nicht eingehalten werden konnten. Der Umstand, dass die Politik deshalb letztlich als von aussen gesteuert wahrgenommen wurde, hat den demokratisch orientierten Parteien besonders geschadet.

Dass auch die anderen Mächte dem deutschen Kanzler nicht entgegenkamen, lag ebenfalls weniger an deren bösem Willen, einem nationalistischen Revanchismus oder der Unkenntnis der Zusammenhänge. Doch sie waren angesichts gegenseitiger Verpflichtungen und der rigiden, nach dem 1. Weltkrieg geschaffenen internationalen Geld-, Währungs- und Schuldenordnung unfähig, das Nötige zu tun.

Das mit 206 Seiten (ohne Anhang) überblickbare Buch ist spannend geschrieben. Doch der Stoff ist anspruchsvoll. Expertenwissen ist keine Voraussetzung, jedoch die Bereitschaft, sich mit der Geschichte und Wirtschaftskrisen vertieft zu
befassen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Rezensent mit Straumann zusammengearbeitet hat und mit ihm befreundet ist.

Markus Diem Meier

Tobias Straumann:
«1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler»
Oxford University Press,
240 Seiten
ca. 30 Franken

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