Dem Kaffeemarkt steht ein grosser Umbruch bevor

Das internationale Milliardengeschäft ist im Wandel. Zunehmend sind Individualität und Erlebnis gefragt. Die Kaffeenation Schweiz ist gefordert.

Die Schweiz ist der grösste Handelsplatz für Kaffeebohnen. Foto: Adam Gault (Getty Images)

Die Schweiz ist der grösste Handelsplatz für Kaffeebohnen. Foto: Adam Gault (Getty Images)

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Kaffee ist das Smartphone in der Welt der Genussmittel: Das Getränk begleitet viele Menschen durch den ganzen Tag. Ende des 16. Jahrhunderts soll der «Türkentrank» nach Europa gebracht worden sein. Hierzulande war es der Orientreisende Johann Jakob Ammann, der den Kaffee im Jahr 1618 bekannt machte.

Die Schweiz ist heute weltweit die Nummer vier, wenn es um den Kaffeekonsum geht: 2016 wurden knapp 1100 Tassen Kaffee pro Person getrunken, also 3 Kaffee pro Tag. Herr und Frau Schweizer beanspruchen damit jährlich pro Person knapp 8 Kilogramm Rohkaffee. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 5 Kilo, die USA kommen auf 4,5 Kilo.

Eine Spitzenstellung nimmt die Schweiz auch bei der Entwicklung der weltweiten Kaffeeverbreitung ein: Der Lebensmittelriese Nestlé aus Vevey ist für zwei der wichtigsten Entwicklungsschübe des Volksgetränks verantwortlich: die Einführung von löslichem Kaffee (Nescafé) und den Siegeszug von Kaffeekapseln (Nespresso).

Infografik: Die Schweiz als Drehscheibe des Kaffeegeschäftes Grafik vergrössern

Der ehemalige Nestlé-Manager Chahan Yeretzian forscht seit 2008 als Chemieprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und leitet dort das «Coffee Excellence Center». Er gilt als einer der anerkanntesten weltweiten Kaffeeexperten.

Nespresso zählt 12'000 Angestellte

Nestlé bleibt trotz ihrer starken Stellung im Kaffeemarkt gefordert, denn die Nervosität und das Veränderungstempo in der Branche steigen. Der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt freute sich während Jahren über ein zweistelliges Wachstum bei Nes­presso. Der Hollywoodstar George Clooney wirbt seit 2007 für die Kaffeemarke und liess das Geschäft und gleichzeitig den Schweizer Kaffeeexport rasant ansteigen (siehe Grafik). Die Mitarbeiterzahl von Nes­presso stieg innert zweier Jahrzehnte von knapp 400 Personen auf über 12'000 Angestellte. Jede Nespresso-Kapsel, die heute weltweit verkauft wird, stammt aus einem der drei Produktionszentren in Orbe VD, Avenches VD oder Romont FR. Den Kapseln von Nespresso erwächst jedoch immer mehr Konkurrenz, seit auch Discounter und Onlinehändler ihren eigenen Kapselkaffee anbieten. Laut Schätzungen gibt es derzeit rund 300 Kapselsysteme.

Gleichzeitig mischen neue Konsumgewohnheiten den Kaffeemarkt auf. Faire Arbeitsbedingungen in den Anbaugebieten und Umweltverträglichkeit rücken verstärkt in den Vordergrund. Neue Produkte und Brühverfahren machen von sich reden. So bietet die US-Kaffeehauskette Starbucks mittlerweile einen kalt extrahierten Kaffee an: «Cold Brew» verspricht mehr Säure und Frische – und soll zum Sommergetränkehit werden.

Nestlé betreibt Kaffeehaus

Den Umbruch in der Kaffeebranche macht Nestlé auch gleich selber vor. Vergangenes Jahr kaufte der Nahrungsmittel­riese die kleine kalifornischen Firma Blue Bottle zu. Knapp 425 Millionen Dollar soll Nestlé-Chef Mark Schneider für die Beteiligung von 68 Prozent an Blue Bottle bezahlt haben. Die Kaffeehauskette wurde erst 2002 gegründet und zählt gerade mal 41 Filialen in den USA und in Japan. Blue Bottle brüht in seinen unkonventionell gestalteten Cafés das schwarze Getränk nach den Wünschen der Kunden aus selbst gerösteten Bohnen auf.

In Zeiten rasant wachsender Onlineverkäufe der Konzerne Amazon, Zalando oder Alibaba setzt Blue Bottle erfolgreich auf Individualität, Entschleunigung und Erlebnisgastronomie. «Spezielle Kaffees in Herkunft, Röstung und Zubereitung sind ein starker Trend», meint der aus Syrien stammende Chahan Yeretzian. Die vielen Kleinröstereien, die besonders in der Schweiz entstanden sind, belegen diesen Trend. Auf ungefähr 100 schätzt der Experte ihre Zahl, Tendenz steigend. In Europa kommen die meist jungen Kult-Röster und andere «Speciality Coffees» nach der Schätzung Yeretzians auf einen Marktanteil zwischen 5 und 10 Prozent.

Erreichen Kaffeeröster eine gewisse Grösse und Bekanntheit, werden sie für Konzerne interessant. Diese wollen mithilfe neuer Trendmarken die immer individueller werdenden Kundenwünsche abdecken. Finanzstarke Investoren haben das Kaffeegeschäft, das jährlich um gut 2 Prozent wächst, entdeckt. So hat mittlerweile Suntory, Japans führender Whiskyhersteller, beim australischen Röster Toby’s Estate das Sagen.

Stark auf Kaffee setzt die Investmentgesellschaft JAB Holding Company, die auch im Luxusgütermarkt tätig ist (Bally). Die Finanzholding der deutschen Unternehmerfamilie Reimann hat sich innert weniger Jahre ein Kaffeeimperium zusammengekauft; zu JAB gehören die Marken Jacobs, Tassimo, Senseo und der US-Kapselspezialist Keurig Green Mountain. JAB ist heute im Kaffeegeschäft die Nummer 2 hinter Nestlé. Das Unternehmen sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen – wenn auch nicht in der Kaffeebranche, sondern im Getränkegeschäft: JAB gab die Übernahme von Dr Pepper Snapple Group für 18 Milliarden Dollar bekannt. Neben den gleichnamigen Softgetränken gehören zu Dr Pepper Snapple die Marken 7Up, Canada Dry und Schweppes.

Kaffee vor Schokolade und Käse

Die Umwälzungen in der Branche haben auch deshalb Auswirkungen auf die Schweiz, weil das Land Drehscheibe des globalen Kaffeegeschäfts ist. 60 bis 75 Prozent des weltweit gehandelten Rohkaffees laufen laut Schätzungen über die Eidgenossenschaft. Von den bedeutendsten Kaffeehändlern haben sechs ihren Sitz hierzulande – im Raum Genfersee und in den Regionen Zürich und Zentralschweiz. In der Exportstatistik liegt Kaffee mit einer jährlichen Gesamtmenge im Wert von über 2 Milliarden Franken noch vor Schokolade (0,9 Milliarden Franken) und Käse (0,6 Milliarden Franken).

Eine wichtige Stellung kommt der Schweiz auch bei der Produktion von Kaffeemaschinen zu. Bei den vollautomatischen Maschinen liegen helvetische Produzenten wie Franke, Schaerer, Jura, Eugster Frismag und Thermoplan vorn. Kaffeehausketten, Fast-Food-Riesen sowie grosse Restaurant- und Hotelgruppen arbeiten mit Kaffeemaschinen aus der Schweiz. Die Hersteller blicken auch dank Unternehmen wie Nestlé, Starbucks und McDonald’s auf erfolgreiche Jahre zurück. Mit den sich verändernden Zubereitungs- und Konsumgewohnheiten sind jedoch auch die Hersteller der Kaffeemaschinen gefordert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2018, 21:50 Uhr

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