Der Klassenbeste legt nach

Die Lausanner Hotelfachschule stellt sich mit Blick auf die wachsende Konkurrenz neu auf.

Immer perfekt, immer diszipliniert. Die Lausanner Hotelfachschule gilt als beste ihrer Art, doch die Konkurrenz wird härter.

Immer perfekt, immer diszipliniert. Die Lausanner Hotelfachschule gilt als beste ihrer Art, doch die Konkurrenz wird härter. Bild: Keystone

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Die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Schweizer Hotellerie nach der Freigabe des Frankenkurses könnten es leicht in Vergessenheit geraten lassen: Weltweit gehört das Hospitality Business, das Geschäft mit der Gastlichkeit, wie die Hoteliers ihre Tätigkeit selbst bezeichnen, unverändert zu den grössten Wachstumsbranchen. Bereits jetzt findet weltweit einer von zehn Beschäftigten sein Auskommen im Geschäft mit der Unterbringung und Verpflegung von Touristen, aber auch von Patienten in Spitälern und von Senioren in Altersheimen.

In einer immer enger zusammenrückenden Welt waren bereits 2012 mehr als eine Milliarde Menschen als Reisende unterwegs. Jährliche Steigerungsraten von 3,3 Prozent dürften dazu führen, dass in absehbarer Zeit gegen zwei Milliarden Menschen jedes Jahr ihre eigenen Wände vorübergehend mit denjenigen eines Hotels oder einer anderen Unterkunft tauschen werden. Die World Tourism Organisation rechnet für das Jahr 2030 mit 1,81 Milliarden «touristischen Ankünften» weltweit. Das würde bedeuten, dass dannzumal durchschnittlich fast jeder vierte Erdenbürger einmal pro Jahr seine Koffer packt.

Nur jeder Vierte schafft es

Von Panik ist deshalb trotz dem ausgerechnet an diesem Tag in Zürich stattfindenden währungspolitischen Gross­ereignis nicht zu spüren an diesem kalten Morgen des 15. Januars in Le Chalet-à-Gobet oberhalb von Lausanne, wo die Lausanner Hotelfachschule EHL seit den Siebzigerjahren zu Hause ist. Stattdessen geht es darum, wie sich die traditionsreiche Schule mit Blick auf den zusätzlichen Bedarf an qualifiziertem Hotelfachpersonal und auf die zunehmende Konkurrenz von privater Seite neu aufstellt. «Im Moment ist es noch so, dass die jungen Leute automatisch zu uns kommen», sagt André Witschi, der Präsident des Stiftungsrats der EHL. Nur jeder Vierte, der nach Lausanne wolle, bekomme auch einen Platz. «Wir müssen aber schauen, dass das auch in Zukunft so bleibt.»

Die vor mehr als 120 Jahren in den Räumlichkeiten des ehemaligen Hôtel d’Angleterre in Lausanne-Ouchy gegründete EHL gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den besten Hotelfachschulen der Welt. Eben erst haben die Lausanner zum zweiten Mal in Folge den ersten Platz im Hotelfachschulen-Ranking der Hotelkette Carlson Rezidor geholt. Das Feld der Konkurrenten ist überschaubar. Zu den wenigen Hotelfachschulen, die Lausanne Konkurrenz machen könnten, gehört die amerikanische Cornell University. Doch die Ausbildung an der Univesität in Ithaca im amerikanischen Bundesstaat New York gilt als stärker betriebswirtschaftlich orientiert und weniger praxisbezogen als diejenige von Lausanne. In Cornell werden Hotelmanager ausgebildet, keine Hoteliers. Zudem hat die EHL bei der akademischen Ausbildung in den letzten Jahren aufgerüstet. Als Fachhochschule vergibt sie heute alle akademischen Grade vom Bachelor über den Master bis zum Doktorat. Gefragt, was das Alleinstellungsmerkmal der EHL sei, sagt Stiftungsratspräsident André Witschi: «Ich denke, es ist die hohe interkulturelle Kompetenz unserer Absolventen.»

Der private Newcomer

Es ist deshalb weniger das internationale Umfeld, das die EHL umtreibt. Zu einer entscheidenden Veränderung der Konkurrenzsituation ist es in den letzten Jahren vor der Haustür gekommen. Zu den bereits bestehenden bekannten Adressen wie der Hotelfachschule von Glion oder der École Hôtelière de Genève ist mit der Swiss Education Group ein finanzkräftiger und dynamischer neuer privater Player dazugekommen. Die in Zug domizilierte, mit Private-Equity-Geldern finanzierte Holding hat die Schweizer Hotelfachschulenlandschaft in den letzten Jahren kräftig durcheinandergewirbelt. In den vier Schulen, die sie heute zwischen Genfersee und Luzern betreibt, waren im vergangenen Jahr 6300 Schüler eingeschrieben, mehr als dreimal so viel wie in Lausanne. Zudem operiert die Gruppe nah an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Branche. In den César Ritz Colleges in Luzern und in Brig und Le Bouveret im Wallis liegt der Fokus der Ausbildung auf Luxus und Service. An der Neuenburger IHTTI School of Hotel Management werden auf die Anforderungen sogenannter Boutique-Hotels speziell vorbereitete Hotelfachleute ausgebildet. Am Hotel Institute Montreux geht es um die Ausbildung von Hotelmanagern für Top-Positionen und in Caux am Genfersee und in Leysin in den Waadtländer Alpen bereitet die Swiss Hotel Management School auf die Tätigkeit in Resorts, in Spa- und Event-Hotels vor.

Die EHL hat auf die Herausforderung mit einer für ihre Verhältnisse revolutionären organisatorischen Veränderung reagiert. Auf Anfang Jahr wurde die bisherige Stiftung in eine Holdingstruktur überführt, im Rahmen welcher die einzelnen Geschäftseinheiten gelenkt werden sollen. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass sie damit besser aufgestellt sind, um auf die nationalen und internationalen Veränderungen zu reagieren, wie es in der entsprechenden Mitteilung heisst. Zudem setzt die EHL, die noch vor wenigen Jahren keine 1000 Hotelfachleute pro Jahr ausbildete, auf eine sanfte Wachstumsstrategie. «Es braucht eine gewisse Grösse, um das ganze Ausbildungsspektrum abzudecken», sagte Stiftungsratspräsident André Witschi. Es gehe um die «kritische Masse». Wenn man einen chinesischen Professor brauche, dann bekomme man den nur, wenn man über eine gewisse Grösse verfüge. Das Ziel: auch in Zukunft eine «weltweit führende Ausbildungsstätte zu sein».

Alle werden gleich behandelt

Was auf dem Spiel steht, lässt sich am besten an Geschichten wie dieser aus den Sechzigerjahren zeigen. An der damals schon legendären EHL geht damals auch der Sohn einer der grössten Hotelketten der Welt zur Schule. Ein junger, selbstbewusster Mann, der seinen Wagen auf dem Parkplatz der Schule abstellt, obwohl das eigentlich nur die Professoren dürfen, und der auch sonst verschiedentlich nicht gerade angenehm auffällt. Das Mass voll macht schliesslich ein Vorfall in der Küche, als der prominente Zögling zum Ärger des Professors einen ganzen Stapel Teller auf einmal fallen lässt. Normalerweise bleibt in solchen Fällen zumindest ein Teil der Teller ganz, wissen mit dem Metier Vertraute, doch diesmal sind wirklich alle zerbrochen. Auf die Frage, wie er das denn geschafft habe, sagt der Hotelerbe: «Comme ça, Monsieur!», greift sich einen zweiten Stapel und lässt auch diesen in tausend Stücke gehen. Er wurde auf der Stelle von der Schule verwiesen.

In Absolventenkreisen erinnert man sich noch heute an das «Gstürm», das sich die Schule mit dem Rausschmiss damals eingehandelt habe. Doch die Botschaft war klar: An der EHL gelten die gleichen Regeln für alle, auch für den Spross einer der grössten Hotelierfamilien der Welt.

Tattoos ja, aber nur nicht sichtbar

Immer diszipliniert, immer perfekt, immer professionell: Der oft beschriebene einzigartige Geist der EHL ist auch an diesem Morgen in den Höhen von Lausanne allgegenwärtig. Die jungen Frauen und Männer, die hier studieren, essen an weiss gedeckten Tischen zu Mittag, statt wie andere Studenten ein Sandwich zu vertilgen, sie halten sich gerade und sie tragen dabei Deuxpièces und Anzug und Krawatte statt Jeans und Pullover. Tattoos sind erlaubt, sofern sie nicht zu sehen sind und die Herren sind angehalten, sich täglich zu rasieren.

Es gibt nicht wenige in der Branche, die alles für übertrieben halten, doch der Präsident des Stiftungsrats der EHL ist überzeugt, dass genau darin das Geheimnis des Erfolgs der seit Jahrzehnten im Hotelfach Massstäbe setzenden Lausanner Schule zählt. «Disziplin muss sein», sagt Witschi, während wir die zwar formvollendet, aber trotzdem munter speisenden EHL-Studenten hinter uns lassen. So schnell dürfte der Mythos Lausanne nicht vorbei sein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.02.2015, 18:20 Uhr

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