Der gelockerte Ebner

Vor 15 Jahren schlitterte Martin Ebner in die Krise – heute ist er wieder auf Erfolgskurs. Warum er keine Fliege mehr trägt und wo er investiert.

Seine Investition in eine Airline hielten zunächt viele für Irrsinn: Martin Ebner auf einem Helvetic-Flug. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Seine Investition in eine Airline hielten zunächt viele für Irrsinn: Martin Ebner auf einem Helvetic-Flug. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist weg. Dieses persönliche Markenzeichen, dieses Symbol des Protests gegenüber dem Finanzestablishment ist nicht mehr. Martin Ebner trägt heute nicht mehr Fliege. Er tritt lieber im Poloshirt oder im Hemd ohne Krawatte auf. Und auch sonst ist einiges anders geworden beim Mann, der Ende der 90er mit geschickten Anlagestrategien die verknöcherte Schweizer Wirtschaftswelt in Aufruhr versetzte und bei vielen als Inbegriff des skrupellosen Spekulanten galt. Die frühere Unruhe und die Anspannung sind weg. Ebner wirkt gelöst, er lächelt, er plaudert. «Ich bin viel gelassener geworden», sagt der Banker und Luftfahrtunternehmer.

Die Veränderung hat sicher mit dem Älterwerden zu tun. Vor allem brauchte es aber die tiefe Krise, in die Ebner vor 15 Jahren schlitterte. Die Beteiligungen seiner BZ-Gruppe Holding hatten sich auf dem Höhepunkt auf bis zu 30 Milliarden Franken summiert. So gehörten ihm 10 Prozent der Credit Suisse, 16 Prozent von Roche oder 30 Prozent von Rieter. Dann brachen die Börsen ein. «ABB hat sich in der Krise quasi in Luft aufgelöst. Unsere Position war 5 Milliarden Franken wert. Innerhalb von 18 Monaten fiel sie auf 200 Millionen zurück. Unser CS-Anteil war 10 Milliarden schwer und sackte innerhalb von 12 Monaten auf 2,5 Milliarden ab», erzählt er rückblickend. Seine Geldgeber wurden nervös. Die Milliardenschulden waren nicht mehr gedeckt.

«Banken waren sehr hilfreich»

Ebner musste im Sommer 2002 die BZ-Kleinkundendepots und die Visionen genannten Beteiligungsvehikel in der Not verkaufen. Von den Gläubigern bekam er gleichzeitig ein Jahr Zeit, um seine Gruppe zu sanieren. Dabei half ihm ein Bekannter aus. «Ja, ich habe damals einen Kredit bekommen. Ohne Kapital hätte ich ja nicht investieren können», bestätigt Ebner. Obwohl er viele in der Finanzwelt hart attackiert hatte – gegen die UBS-Vorgängerin Schweizerische Bankgesellschaft hatte er jahrelang eine regelrechte Schlacht um Einfluss, Strategie und Strukturen geführt –, sei er von den Banken in der Krise nicht schikaniert worden. «Sie waren im Gegenteil sehr hilfreich. Die Presse jedoch hat nicht besonders nett berichtet. Da war vieles unfair», so Ebner. Auch von der Politik sei er nicht immer korrekt behandelt worden. «So hiess es, wir hätten Kleinsparer verführt. Dabei hatten wir stets gesagt, dass man einen Kurssturz von 30 Prozent verkraften können müsse, wenn man in Aktien investiere.»

Tempi passati. Ebner hat sich zurückgekämpft. Er besitzt heute wieder diverse Beteiligungen wie jene am Handyhändler Mobilezone, am Softwarehersteller Myriad oder der Pharmagruppe Galenica. Aus der eigenen Geschichte hat er gelernt. «Mein Fehler damals war, dass die Beteiligungen zu schwer waren, um sie wieder abstossen zu können. ‹Too big to walk›, wie man in der Finanzwelt sagt», so sein selbstkritisches Fazit. Heute investiert er gezielter. «In der Tendenz nehme ich weniger, dafür prozentual grössere Beteiligungen als früher. Doch die einzelnen Positionen sind ­finanziell nicht mehr so gewichtig.»

Der Ansatz ging auf. Ebners im Börsencrash von 4,5 Milliarden auf 100 Millionen Franken geschrumpftes Vermögen wird vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» wieder auf 2,75 Milliarden geschätzt. «Die damalige Krise war auch mein Glück. Sie gab mir die Chance, nochmals zu investieren», sagt Ebner. Börsenkorrekturen seien eben immer auch Opportunitäten. «Crashs sind nicht gerade ein Segen, aber eine Chance, weil die Korrektur oft übertrieben ausfällt», so der Investor.

Einmal im Monat zur Airline

Die Finanzwelt ist nach wie vor seine Welt. Jeden Morgen um 8 Uhr steht Ebner am halbrunden Sitzungstisch in den Geschäftsräumen seiner BZ Bank in Wilen bei Wollerau und bespricht mit seinem Team, was der Tag bringen könnte. Um 18 Uhr lässt man den Tag dann gemeinsam Revue passieren. Ebner ist beim Geldinstitut für die Anlagepolitik zuständig. Auch wenn er unterwegs ist, prüft er auf seinem Handy regelmässig die Aktienkurse. Was an der Börse und in der Wirtschaft passiert, verfolgt er genau.

So viel Zeit wendet er für sein anderes Standbein Luftfahrt nicht auf. Nur einmal im Monat fährt er an den Firmensitz von Helvetic Airways und bespricht sich mit dem Management. 2006 hatte Ebner die Schweizer Fluggesellschaft gekauft. Diese stand damals vor dem Aus. In den zwei Jahren seit ihrer Gründung hatte sie 50 Millionen Franken verbrannt. Der Zufall wollte es, dass Ebner mit seiner Frau zu jener Zeit ungeplant von Brindisi zurückfliegen musste und in einem Flugzeug von Helvetic sass. «Meine Frau fragte mich an Bord, ob ich das Gefühl hätte, dass das rentieren könne», so Ebner. Er habe eher verneint. «Den Service aber fanden meine Frau und ich toll, nur waren die Preise der Tickets viel zu tief.»

Wenig später kam Ebners damaliger Mitarbeiter Leonardo De Luca zu ihm. Er erklärte, dass es schlecht um Helvetic Airways stehe und die Firma kein frisches Geld finde. «Wir hatten damals Kapital. Nach einer eingehenden Prüfung entschied ich mich für einen Einstieg». Der kühle Rechner aus Ausserschwyz tat, was von vielen als Irrsinn abgetan wurde. Er investierte in die Luftfahrt, eine Branche, die so viele Pleiten erlebt wie wenig andere. «Die ersten beiden Jahre waren sehr hart. Wir mussten sehr viele Dinge korrigieren. Es kam auch zu mehreren Managementwechseln», so Ebner.

Die von vielen vorausgesagte Pleite blieb nicht nur aus. Helvetic Airways wuchs in den zehn Jahren seit Ebners Übernahme gar von 110 auf heute 450 Mitarbeitende. Die Flotte wurde auf inzwischen 13 Flugzeuge erweitert. «Helvetic macht mir momentan nicht viel Arbeit», so Ebner. Mit dem Luftfahrt-Virus, das viele in der Branche packt, hat er sich trotzdem nicht angesteckt. «Das Geschäft einer Fluggesellschaft ist ein Geschäft wie jedes andere», sagt er.

Auf den Lorbeeren will sich Ebner bei Helvetic nicht ausruhen. Im Geschäft mit Spezialflügen für Fussballclubs und Firmen will er Nummer 1 in Europa werden. Und auch in der Vermietung von Jets mitsamt Besatzung an andere Airlines sieht er noch Potenzial. «Ich bin überzeugt, dass wir billiger produzieren können als eine grosse Gesellschaft. Unsere Verwaltung ist dermassen schlank. Daher sehe ich da auch Chancen für einen Ausbau», so Ebner, der Helvetic mit seiner Frau Rosmarie besitzt. Heute fliegt die Flug­linie vor allem für Swiss.

Banking hin, Luftfahrt her: Inzwischen ist der gelockerte Ebner schon weit jenseits der Pensionierungsrenze. «Ich bin zwar 70, fühle mich aber nicht wie 70», sagt er. Sich in den Ruhestand zurückzuziehen ist für ihn deshalb absolut kein Thema. «Solange ich gesund bin, mache ich weiter.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2016, 08:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Kollateralschaden der SNB-Politik ist gross»

Interview Martin Ebner kritisiert die Schweizerische Nationalbank. Ihre Geldpolitik sei falsch. Sie helfe wenigen und schade der grossen Masse. Mehr...

Ebner nicht einverstanden mit Alpiq-Strategie

«Wenn ich am Drücker wäre, würde ich nicht die Wasserkraft runterfahren», kritisiert Martin Ebner die Pläne des Konzerns Alpiq, einen Teil seiner Wasserkraftwerke zu verkaufen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts für Gfrörlis: Ausserhalb der sibirischen Stadt Krasnoyarsk wurden Minus 17 Grad gemessen. (10. Dezember 2017)
(Bild: Ilya Naymushin) Mehr...