Der talentierte Mr. Kalanick

Die amerikanische Taxi-Technologiefirma Uber ist absturzgefährdet. Ihr Geschäftsmodell wird trotzdem unser Leben verändern. Eine Replik.

Die Idee begeistert weiter, der Mann aber wurde untragbar: Travis Kalanick von Uber. Foto: Jack Atley (laif)

Die Idee begeistert weiter, der Mann aber wurde untragbar: Travis Kalanick von Uber. Foto: Jack Atley (laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der tiefe Fall von Travis Kalanick, dem Gründer der Firma Uber, war abrupt, brutal und verdient (TA von gestern). Aber: Deswegen Kalanicks Vision von der Mobilitätszukunft abzuschreiben, wäre ein Fehler. Das Uber-Modell hat den Taximarkt auf der halben Welt umgekrempelt – und für Kunden gebrauchsfreundlicher, zuverlässiger und billiger gemacht. Wenn es nach Kalanick geht, war das zudem erst der Anfang. Uber hat die Ambition, im Personen- und Gütertransport das zu werden, was Amazon im Detailhandel, Google in der Werbung und Spotify in der Musikindustrie bereits sind: ein weltumspannender Konzern, der eine alte Industrie durch Digitalisierung umkrempelt. Im Fall von Uber geht es um den individuellen Personentransport. Ein Multimilliardengeschäft, um Dimensionen grösser als der Büchermarkt, der Musikhandel.

Travis Kalanick allerdings spielt vorderhand dabei keine Rolle mehr. Die Investoren, die umgerechnet 12 Milliarden Franken ins Unternehmen gesteckt hatten, zwangen ihn zum Austritt.

Dazu bewogen hatten sie aber nicht die Verluste, die das Unternehmen seit der Gründung jedes Quartal schreibt. Es war eher das toxische Firmenklima bei Uber. Kalanick hatte es geprägt, gefördert, und das kostete ihn den Kopf. Ein Video, in dem er gegenüber einem Uber-Fahrer ausfällig wurde, verbreitete sich wie die Masern. Es war aber nur ein Indiz. Uber hatte auch Know-how gestohlen und illegale Tricks in seine Software eingebaut. Auf dem Höhepunkt seiner Arroganz war Kalanick ein Finanzhai, verpflanzt von der Wallstreet ins Silicon Valley.

Die Umwälzung ist längst im Gang

Vor Wochen hatte er endlich die Einsicht: «Ich muss mich als Führungsperson radikal ändern und erwachsen werden.» Aber da war es längst zu spät. Nun ist auch Ubers Zukunft ungewiss. Kalanicks Abgang schafft ein Führungsvakuum.

Aber ob mit oder ohne Uber: Die Umwälzung des Personen- und Warentransports ist längst im Gang. Uber hätte der Treiber und das Elektronengehirn dieser Transformation sein wollen.

Der nächste Schritt wäre gewesen, dank überlegener Technologie die individuelle Mobilität so allgegenwärtig, komfortabel und preisgünstig zu machen, dass der Besitz eines eigenen Autos überflüssig wird. Uber will Mobilität – unter anderem mit robotergesteuerten Fahrzeugen – zu einer jederzeit überall anzapf­baren Dienstleistung machen. So, wie es Spotify mit Musik getan hat. Die Tonne Blech in der eigenen Garage würde dadurch so entbehrlich wie die paar Gramm Plastik der CDs im eigenen Gestell. Nur wegen dieser Aussicht wird plausibel, warum Uber auf dem Papier mit gegen 80 Milliarden Franken einen höheren Wert erreichte als der hundert Jahre alte Autobauer Ford.

Zu Geld macht die Idee ein anderer

Dass Ubers Strategie verwundbar ist, war von Anfang an jedem Investor klar: Das Stamm­geschäft, das simple Vermitteln von Taxifahrten, hat zahllose Kopisten animiert. Auch sonst schläft die Konkurrenz nicht. Mercedes betreibt mehrere Firmen, die Mobilität – von irgendeinem Punkt der Welt zu einem anderen – als Service anbieten, Buchung und Bezahlung per App. Im Autobauen allein sieht kein Autokonzern mehr eine Zukunft.

Es brauchte schon die unverschämte Furcht­losigkeit eines Travis Kalanick und seine klare Vorstellung von der Mobilitätszukunft, um Uber zum Fliegen zu bringen. Seinen eigenen Absturz hat er nun seiner furchtlosen Unverschämtheit zu verdanken.

Ob Uber mitstürzt, ist nun die 80-Milliarden-Franken-Frage. Da ist der Kapitalismus brutal: Die Visionäre und Erfinder sind nicht immer die Profiteure ihres eigenen Erfolgs. Apple erfand den PC. IBM und Microsoft machten ihn zum Milliardengeschäft. Blackberry erfand das Smartphone. Apple machte es besser und das grosse Geschäft. Technologische Revolutionen fressen ihre eignen Revolutionäre.

Das «Tages-Anzeiger»-Forum «Mobilität 2017 – Paradigmenwechsel für die Zukunft» findet am 19. September am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon statt. Es diskutieren führende Mobilitätsanbieter, Transportunternehmer, Raum- und Verkehrsplaner, Forscher, politische Entscheidungsträger und Innovatoren. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 00:04 Uhr

Artikel zum Thema

Irrfahrt mit spätem Ende

Analyse Travis Kalanick ist bei Uber nicht nur an seinem Unvermögen gescheitert. Die Investoren liessen den Unternehmer aus Eigeninteresse gewähren. Mehr...

Vom Investoren-Liebling zum Badboy

Sie lancieren ein erfolgreiches Unternehmen und werden dann vor die Tür gesetzt. Nun hat es Uber-Gründer Travis Kalanick erwischt. Wem das auch passierte – und warum. Mehr...

Uber-CEO Travis Kalanick tritt zurück

Erst wollte er eine unbefristete Auszeit nehmen. Unter Druck grosser Investoren sieht sich Uber-Chef Kalanick zu einem nächsten Schritt gezwungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...