Deutschland: Anzeichen von Rezession

Die Wirtschaft des grössten Abnehmers von Schweizer Exporten schrumpfte im zweiten Quartal 2019 leicht. In der Schweiz hofft die Industrie (noch), dass die Auswirkungen glimpflich bleiben.

Container im Hafen von Hamburg: Immer mehr deutsche Firmen melden, dass sie ihre Produktion drosseln wollen. Foto: Fabian Bimmer (Reuters)

Container im Hafen von Hamburg: Immer mehr deutsche Firmen melden, dass sie ihre Produktion drosseln wollen. Foto: Fabian Bimmer (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Handelskonflikte und die schwächere Weltkonjunktur haben die vom Export abhängige deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2019 schrumpfen lassen. Die Produktion von Waren und Dienstleistungen ging von April bis Juni um 0,1 Prozent zurück, verglichen mit dem Quartal davor. Der Einbruch ist deutlich – von Januar bis März war Europas grösste Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen. Hauptgrund für das Minus im zweiten Quartal ist die Krise in der deutschen Industrie, wo die Produktion im zweiten Quartal 2019 um 1,8 Prozent abnahm.

Immer mehr Firmen meldeten, dass sie ihre Produktion drosseln wollen, beobachtet das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München. Ein Ende der Rezession in der deutschen Industrie sei derzeit nicht absehbar. Entsprechend knicken die Exporte ein: Im Juni sanken sie um 0,1 Prozent gegenüber dem Vormonat, seit Anfang Jahr waren deutsche Exporte in drei Monaten rückläufig, jeweils verglichen mit dem Vormonat. Jetzt geht die Angst um, dass die deutsche Wirtschaft im Sommerquartal von Juli bis September erneut schrumpft – bei zwei rückläufigen Quartalen in Folge wäre Deutschland dann in einer Rezession. Dies umso mehr, als seit neuem auch die Dynamik im Dienstleistungssektor nachlässt, der bisher mit dem privaten Konsum Deutschlands Konjunktur gestützt hat.

Noch keine Auswirkungen

Noch wirkt sich der Einbruch in Deutschland nicht gross auf den Schweizer Arbeitsmarkt aus, wie Recherchen dieser Zeitung zeigen. «Uns ist nichts bekannt von Firmen, die Kurzarbeit oder Entlassungen in nennenswertem Umfang vorbereiten», sagt Stefan Studer, Geschäftsführer von Angestellte Schweiz. «Wir haben bislang nichts gehört, was verbreitet auf Kurzarbeit oder Massenentlassungen hindeutet», sagt Manuel Wyss, der bei Unia die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie betreut. Den letzten grossen Stellenabbau habe General Electric im Juni im ­Aargau angekündigt. Sorgen ­macht Gewerkschafter Wyss neben den schlechteren Konjunkturaussichten speziell der härtere Franken: «Wir müssen sehen, wie sich das bis Ende Jahr entwickelt.»

Grafik vergrössern

Ähnlich tönt es beim Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer. Die im Juli angekündigten Massnahmen «gegen den Einbruch des Automarktes» treffen bislang das Ausland. In der Schweiz seien bei GF «Kurzarbeit und Jobabbau kein Thema», sagt ein Sprecher. «Aber das gilt natürlich nur für den Fall, dass sich die konjunkturelle Entwicklung nicht weiter verschlechtert.»

Weniger Maschinenexporte

Deutschland ist mit 20 Prozent weitaus grösster Abnehmer der Schweizer Exporteure – in der Maschinenindustrie liegt der Anteil gar bei 26 Prozent. Der Einbruch in Deutschland ist ein wichtiger Grund, warum die Schweizer Exporte bei Präzisionsinstrumenten, Schmuck, Elektronik und Nahrungsmitteln zwischen April und Juni zurückgingen, jene von Uhren stagnierten. Der Export von Maschinen ist seit Anfang Jahr rückläufig, bei Metallen nimmt er seit letztem Herbst ab. Die Schweizer Industrie schätzt ihren Geschäftsgang seit November 2018 zunehmend schlechter ein, ergab jüngst eine Umfrage der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich bei 4500 Firmen.

Im Mai haben die wegen Kurzarbeit ausfallenden Arbeitsstunden um 60 Prozent auf 71'000 zugenommen. Das Niveau von Kurzarbeit ist aber immer noch sehr tief, verglichen mit der Rezession von 2009, wo monatlich bis 4,8 Millionen Arbeitsstunden wegen Kurzarbeit ausfielen.

Die exportabhängige Schweiz läuft Gefahr, dass ihre Konjunktur sich weiter abschwächt. Denn nicht nur Deutschland lahmt. Chinas Industrie wuchs im Juli nur 4,8 Prozent – es war der schwächste Juli seit 17 Jahren. Grossbritanniens Wirtschaft schrumpft ebenfalls, Italien hat Nullwachstum, alles wichtige Abnehmer im Schweizer Export. Ob der Schweiz eine Rezession droht, dafür werden bis Ende Monat Umfragen der Industrieverbände Swissmem und Swissmechanic unter ihren Mitgliedern wichtige Hinweise liefern.

Erstellt: 14.08.2019, 23:13 Uhr

Artikel zum Thema

Die Schweizer Industrie kriselt

Die Chefeinkäufer von Schweizer Unternehmen schätzen die Aussichten ihrer Unternehmen zunehmend negativ ein – wie ihre Kollegen in Deutschland. Mehr...

Rezessionsangst schickt die Börsen auf Talfahrt

Die Furcht vor einer weltweiten Rezession hat die Märkte fest im Griff. Das ist in New York nicht anders als in der Schweiz. Mehr...

Einkaufen in Deutschland wird teurer – aber nur ein wenig

Die Lobby-Arbeit der Händler im süddeutschen Raum hat gefruchtet: Bei Waren über 50 Euro bekommen Einkaufstouristen die Mehrwertsteuer weiterhin zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wie kommt der Zucker aus der Rübe?

Zuckerrüben sind von Natur aus süss. Doch wie entsteht Schweizer Zucker aus und mit Schweizer Wurzeln?

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Was gutes Olivenöl kann

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...