«Die Chefs haben mehr zu verlieren»

Matthias Kiener ist Forensik-Spezialist beim Beratungsunternehmen KPMG. Er kennt die alltägliche Korruption in Schweizer Firmen.

Kennt sich aus mit «nicht konformem» Verhalten: Matthias Kiener. Foto: Thomas Egli

Kennt sich aus mit «nicht konformem» Verhalten: Matthias Kiener. Foto: Thomas Egli

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Sind die Schweizer ein ehrliches Volk?
Ich beobachte vor allem, dass Mitarbeiter in tieferen Chargen ein hohes Gerechtigkeitsempfinden an den Tag legen – völlig unabhängig davon, ob sie Schweizer sind oder nicht. Sie sind es, die das Telefon in die Hand nehmen, um zu melden, wenn etwas krummläuft. Um Unrecht anzuzeigen, gehen sie sogar oft ein grosses Risiko ein.

Nimmt die Ehrlichkeit ab, je höher man die Karriereleiter hinaufsteigt?
Die Chefs haben mehr zu verlieren.

Geld? Macht?
Meist geht es einzig um den Ruf. Ein typisches Beispiel, natürlich ohne auf einen aktuellen Fall Bezug zu nehmen: ein mittelgrosses Unternehmen, der grösste Arbeitgeber in einem mittelgrossen Städtchen irgendwo in der Schweiz. Der Chef ist auch Präsident des Turn­vereins, Schulpfleger und steht einer Partei vor. Macht die Firma Bankrott, verliert dieser Unternehmer nicht nur sein Geld, sondern auch sein Ansehen.

«Bei kleineren Schäden sind es meist Einzeltäter. Sobald es um höhere Summen geht, braucht ein Betrüger Hilfe.»

Und dann?
Wenn es der Firma schlecht geht, wird der Chef kreativ bei der Finanzberichterstattung, er beginnt die Bilanz zu manipulieren . . .

Auf die Gefahr hin, seinen Ruf ohnehin zu ruinieren.
Da kommt das Prinzip Hoffnung ins Spiel. Er glaubt, dass es bald wieder bergauf geht und die Gewinne im nächsten Geschäftsjahr die Löcher dieses Jahres stopfen. Er will dann die falschen Buchungen überdecken, sodass niemand etwas merkt.

Es geht also gar nicht darum, sich zu bereichern.
Doch, schon. Aber das Geld wird nur dazu verwendet, den Status in der Gesellschaft beibehalten zu können. Manche Leute sind Gefangene davon, dass sie gegen aussen etwas darstellen wollen, was sie nicht mehr sind. Den sozialen Ruf zu verlieren, tut weh. Das verleitet manche dazu, sich neue Geldquellen zu erschliessen . . .

. . . und zu betrügen.
Bei der Wortwahl müssen wir aufpassen. Wir sprechen von «nicht konformem Verhalten».

Und wenn dieses nicht konforme Verhalten doch einmal auffliegt?
Was die Betroffenen dann mehr fürchten als die höchste Busse, ist eine öffentliche Gerichtsverhandlung und eine Gefängnisstrafe. Die öffentliche Schande ist für sie das Schlimmste.

Können Sie uns ein Beispiel liefern, wie Sie jeweils involviert werden?
Bei einer mittelgrossen Firma kommt ­regelmässig ein Znüniwagen vorbei, bei dem sich die Angestellten mit Kaffee, Gipfeli und Zigaretten eindecken. Eines Tages, als der Geschäftsleiter mit einer Mitarbeiterin zum Znüniwagen geht, sagt sie zu ihm: «Hast du gewusst, dass der Finanzchef das Geld für die Gipfel immer aus der Firmenkasse nimmt?» Der Geschäftsleiter denkt sich vorerst nichts dabei. Aber ein paar Wochen später fällt ihm auf: Immer wenn der Wagen vorfährt, ist das Knacken des Zahlenschlosses am Tresor zu hören. Wir erhielten den Auftrag und stellten fest, dass sich der Finanzchef systematisch im Kassenschrank bediente.

Was bedeutet das für das Erkennen von Betrügereien in der Firma?
Spesen sind ein gutes Beispiel: Da machen wir alle ab und zu Fehler. Aber wenn eine Person immer wieder dadurch auffällt, dass sie zu viel abrechnet, dann raten wir dem Unternehmen, genauer hinzuschauen. Da ist dann die Frage: Ist die Person in einer Position, in der es möglich ist, Geld abzuzweigen? Arbeitet sie im Einkauf, wo sie von Lieferanten Kickbacks verlangen kann, wenn sie berücksichtigt werden? Oder noch gefährlicher: Sitzt sie in der Buchhaltung und kann eigenhändig Rechnungen manipulieren?

Weitere Signale?
Die Alarmlampen blinken, wenn ein Buchhalter sehr komplizierte Buchungen durchführt. Er storniert Stornos, bucht etwas über fünf oder sechs Konten und bucht wieder zurück – Buchungen, die ein normaler Buchhalter so nicht machen würde. Entweder hat so jemand seinen Job nicht verstanden, oder er hat es bewusst gemacht. Fehlende Belege sind auch so ein Thema, oder, noch etwas vertrackter: Rechnungen und Belege, die quasi jungfräulich im Ordner abgelegt sind. Sie haben keinen Falz, das heisst, sie wurden nie in ein Couvert gesteckt, und haben auch sonst kein Anzeichen, dass sie verschickt wurden.

Das ist in der Praxis tatsächlich schon vorgekommen?
Öfter, als Sie denken!

Man wundert sich, dass das nicht sofort auffällt.
Das läuft oft zwei, drei Jahre so! Das hängt damit zusammen, dass in Routineabläufen kaum je etwas hinterfragt wird. Niemand stellt sich die Frage, warum eine Rechnung nicht gefalzt ist, oder fragt nach einer Vereinbarung, auf die sich eine Rechnung bezieht. Man gibt sich zu schnell mit einer auch nur fadenscheinigen Erklärung zufrieden. Wenn die Wirtschaftsdelinquenten feststellen, dass niemand nachhakt, werden sie immer frecher. Dass solche Dinge oft unentdeckt bleiben, ist übrigens auch ein Grund, warum jemand überhaupt zum Betrüger wird.

Agieren Betrüger allein?
Bei kleineren Schäden sind es meistens Einzeltäter. Aber sobald es um höhere Summen geht, braucht ein Betrüger Hilfe. Entscheide über grössere Beträge müssen ja in den Firmen meistens von mehreren Personen gefällt werden. Häufig braucht ein Betrüger deshalb zusätzlich Hilfe von aussen, zum Beispiel bei einem Lieferanten, der Rechnungen über Leistungen erstellt, die er gar nicht erbracht hat.

Man kann ja aber nicht einfach den Buchhalter eines Lieferanten fragen, ob er einem beim Betrügen hilft.
Natürlich wählt man dafür niemand Wildfremden. Es hat immer mit Nähe zu tun. Man kennt sich, man hat lange zusammengearbeitet, man hat früher zusammengearbeitet, oder man hat verwandtschaftliche Beziehungen. Ein Beispiel: Ein Einkäufer tritt neu bei einer Firma ein. Und plötzlich, schon zwei, drei Monate später, kommen auffällig viele neue Lieferanten ins Spiel. Da muss sich eine Firma fragen: Warum?

Sind grosse Firmen mehr von ­Wirtschaftsbetrug betroffen als kleine?
Da stellen wir kaum Unterschiede fest. Aber die Schadensummen sind bei grossen Firmen höher.

Wie gross ist der Schaden ­insgesamt, den Betrüger in der Schweizer Wirtschaft anrichten?
Die Statistiken erfassen nur Fälle von verurteilten Betrügern. Aber nur bei einem sehr kleinen Teil der Wirtschaftskriminalität kommt es zur Strafverfolgung.

«Viele scheuen sich davor, nach einer Untersuchung durch uns nochmals Staub aufzuwirbeln.»

In Zahlen?
In sieben von zehn Fällen, bei denen wir eingeschaltet wurden, gehen die betroffenen Firmen gar nicht zur Polizei oder erstatten keine Strafanzeige.

Warum nicht?
Ob es zu einer Strafanzeige kommt oder nicht, ist ein unternehmerischer Entscheid – ausser bei Organisationen, die beispielsweise der Finanzmarktkontrolle Finma unterstehen, oder auch bei der öffentlichen Hand, wo grundsätzlich bei allen Verfehlungen die Strafverfolgung involviert wird.

Was spricht dagegen?
Viele scheuen sich davor, nach einer Untersuchung durch uns nochmals Staub aufzuwirbeln. Die Polizei führt ja dann ihre eigenen Ermittlungen durch, macht nochmals Einvernahmen und so weiter. Das bringt wieder Unruhe in den Betrieb. Wenn die Polizei im Haus ist, besteht auch die Gefahr, dass der Vorfall in die Zeitung kommt, der Ruf der Firma nimmt Schaden. Da fragen sich die Firmen: Wollen wir das?

Eine strafrechtliche Untersuchung könnte ja auch ans Tageslicht ­bringen, dass nicht einzelne ­Mitarbeiter, sondern die Chefs versagt haben.
Wenn ein Angestellter private Auslagen mit der Firmenkreditkarte bezahlt und die Firmenreglemente in diesem Punkt nicht klar sind, kann es sein, dass ein Mitarbeitender letztendlich straffrei ausgeht. Man darf aber nicht glauben, dass wir hier beide Augen zudrücken.

«Man kann den Kontrollwahn auch übertreiben.»

Wie geht die Schweiz generell mit dem Thema Wirtschaftskriminalität um?
Die Hürden für die Strafverfolgungs­behörden und die Gerichte, Wirtschaftskriminalität zu ahnden, sind sehr hoch – höher als in anderen Ländern wie Deutschland und Italien. In der Schweiz muss einem Betrüger arglistiges Verhalten nachgewiesen werden. Das macht es sehr schwierig.

Würden mehr interne Kontrollen die Fälle von ­Wirtschaftskriminalität verringern?
Untersuchungen kommen zum Schluss, dass mehr Kontrollen nur bis zu einem gewissen Punkt zu besseren Ergebnissen führen. Man kann den Kontrollwahn auch übertreiben. Meine Erfahrung ist: Man überlegt sich zu wenig genau, wo welche Betrugs- und Korruptionsrisiken liegen. Man führt dann mehr allgemeine Kontrollen ein und streut die Verantwortung, bis sich niemand mehr verantwortlich fühlt. Ein Beispiel: In einer Firma wurden für grössere Überweisungen sieben Unterschriften verlangt. Jetzt stellen Sie sich vor: Wenn Sie der Sechste oder Siebte sind, der unterschreiben muss – schauen Sie nochmals genau hin oder denken Sie, vor mir waren ja schon fünf oder sechs, die werden das schon gut geprüft haben?

Das Gerechtigkeitsempfinden der normalen Angestellten wird wohl auch eine Rolle dabei spielen, ob ­solche Unregelmässigkeiten überhaupt auffliegen.
Es ist eine Frage der Unternehmenskultur, dass diese Leute sich wirklich getrauen, die Hand zu heben und den Mund aufzumachen. Wichtig ist: Wenn jemand einen Verdacht meldet, auch anonym, soll er keine Vergeltung und keine Entlassung befürchten müssen. Daran müssen die Firmen arbeiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 00:12 Uhr

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