Die Kehrseite des Fracking-Booms

In Kalifornien wurden vor 120 Jahren die ersten Ölvorkommen entdeckt. Bis heute bohren kleine Unternehmer rund um Bakersfield nach Öl. Doch die Veteranen der US-Erdölindustrie leiden zurzeit besonders unter dem Preiskampf auf dem Ölmarkt.

Bis heute prägen Ölpumpen das Bild im Kern County rund um Bakersfield, dem Herzen der kalifornischen Ölindustrie. Foto: Ken James (Bloomberg)

Bis heute prägen Ölpumpen das Bild im Kern County rund um Bakersfield, dem Herzen der kalifornischen Ölindustrie. Foto: Ken James (Bloomberg)

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Die Oilmen von Bakersfield treffen sich jeden Monat im Petroleum Club zum Essen. Zu Steaks und Whiskey werden die jüngsten Preisschwankungen kommentiert, wird über die Rolle der Saudis im geopolitischen Ölpoker spekuliert und der Stand der geplanten Bohrprojekte aufdatiert. Diesbezüglich wird im Liar’s Club, wie die Mitglieder ihren Verein selbstkritisch nennen, auch mal übertrieben. Aber im Moment ist niemandem ums Angeben. Kein einziger der Grosskonzerne, weder Chevron noch Occidental, will ein neues Loch bohren. Nur einige kleine Firmen planen neue Projekte – rund zehn sind es.

Eine so geringe Investitionsbereitschaft und eine so pessimistische Stimmung habe er noch nie erlebt, sagt Les Clark, Vizepräsident der Independent Oil Producers Agency. «Die Lage ist fast gespenstisch.» Der Preissturz um über 50 Prozent innert weniger Monate hat kleinere, unabhängige Produzenten, deren Anliegen Clarke vertritt, am härtesten getroffen. Sie haben nur geringe finanzielle Reserven und glauben deshalb, zu den ersten Opfern der saudi-arabischen Reaktion auf den Frackingboom zu werden.

Preis nahe der Schmerzgrenze

Wie andere US-Produzenten auch, sind die kalifornischen Ölfirmen allerdings in einem politischen Paradox gefangen: Obwohl die USA heute mehr Öl fördern als jedes andere Land, können die Produzenten das schwarze Gold nicht ausführen. Ein Exportverbot aus den frühen 70er-Jahren untersagt die Ausfuhr – was dazu führt, dass ein Fass amerikanisches Rohöl 5 bis 10 Dollar günstiger ist als europäisches.

«Wir sind sehr viel anfälliger, weil wir als einziges westliches Land unser Öl nicht exportieren können», sagt Chris Hall, der eines der zahlreichen kleinen Unternehmen in und um Bakersfield führt. «Die Saudis wissen das und versuchen, den Preis unter unsere Produktionskosten zu drücken.» Die Schmerzgrenze liegt für die meisten Firmen bei 45 Dollar pro Fass. Aktuell liegt er bei 60 Dollar. Noch ist also Spielraum vorhanden. Doch wissen Hall und Clark aus Erfahrung, wie schnell der Ölpreis drehen und eine Firma in Existenznot bringen kann.

Bakersfield ist das Herz der kalifornischen Ölindustrie. Ihr Puls wird seit je durch Boom- und Bust-Zyklen bestimmt. Die Wirtschaft wird noch heute, 120 Jahre nach der Entdeckung der ersten Ölvorkommen, zu einem wesentlichen Teil von den Ölfirmen und ihren Zulieferbranchen bestimmt. In einer kargen, wie ausgebombt wirkenden Landschaft an der Stadtgrenze holen Hunderte von «Nick-Eseln» (Tiefpumpen) unermüdlich Öl aus dem Untergrund. Es ist von einer leichten, also schwefelarmen Qualität und kann in den Raffinieren an der Küste günstig zu Benzin verarbeitet werden. Konsumiert wird der grösste Teil davon im Westen des Landes.

«Öl ist unser Lebenssaft»

Seit dem Preiszerfall im letzten Sommer haben die Förderfirmen Hunderte von Anlagen stillgelegt. Nur noch 14 grosse Bohrtürme sind nach Angaben der Servicefirma Baker Hughes derzeit in Betrieb, weniger als ein Drittel als in den Boomzeiten. Auch hat der Preissturz dem Kern County derart grosse Steuerausfälle beschert, dass es den finanziellen Notstand erklären musste. «Wir sind zwar robuste Leute hier», sagt Richard Chapman, Präsident der Kern Economic Development Corporation. «Aber wir haben 10 Prozent der Stellen in der Ölwirtschaft verloren und können das nicht so leicht wegstecken. Ich verfolge den Ölpreis jeden Tag und bete. Öl ist unser Lebenssaft.»

Die Ölmänner befürchten, dass der aktuelle Rückschlag anders sein könnte als frühere Krisen. Mit der Fracking­technik haben sich die USA vor Saudiarabien als grösste Produzentin an die Spitze geschoben – was das Leben der kleineren Förderfirmen nicht einfacher macht. «Die Saudis haben das erklärte Ziel, das Fracking in den USA zu bremsen», ist sich Les Clark sicher. «Das heisst aber, dass die kleinen und mittleren Unternehmen als erste drankommen. Es dämmert uns erst jetzt, wie hart wir landen würden.»

Chris Hall leitet ein 1932 gegründetes Familienunternehmen, die Drilling & Production Company mit zehn Angestellten. Sie pumpt aus 64  Bohrlöchern, einige davon sind bis zu 90 Jahre alt.

«Mit jedem Tag werde ich etwas kleiner», sagt Hall. «Mein Vater wollte nicht, dass ich auch Ölmann werde. Er hat den Kollaps nach der Ölkrise 1973 erlebt und wollte mir den gleichen Schock ersparen.» Doch Hall konnte nicht anders. Eine Zeitlang lief es einigermassen gut, dann besser und im Boom sogar ausgezeichnet. Als der Ölpreis rasch über 100 Dollar pro Fass kletterte, wurde es Hall unheimlich. «Bei 45 Dollar decke ich meine Kosten. Ab 100 Dollar verdiente ich mehr, als ich hoffen konnte. Aber wie lange? Ich wusste, dass der Preis korrigiert würde, und glaubte, bei 75 Dollar sei die Talsohle erreicht». Das erwies sich als Irrtum. Hall musste über die Bücher. Als Erstes löste er sämtliche Verträge mit externen Experten auf. Dann stellte er die Zahlungen in die Pensionskassen seiner Mitarbeiter ein. «Ich machte das ungern. Ich will sie nicht verlieren, weil sie erfahrene, gute Männer sind». Die Alternative wären zwei, drei Entlassungen gewesen. Als letzten Schritt würde Hall die Löhne um 20 Prozent kürzen. So weit ist es noch nicht. Zum Glück: «Niemand, der die Ölwirtschaft verlässt, kommt wieder zurück», sagt Hall. Er und Clark glauben, dass der Ölpreis nicht mehr so rasch auf 100 Dollar steigen wird. Zu gross ist der globale Produktionsdruck. Ihre Kalkulation beruht auf einem Preisband von 65 bis 75 Dollar in den nächsten fünf Jahren. Damit könnten sie leben.

Buffett investiert in Solarstrom

Rund 12'000 Arbeiter sind in den Ölfeldern in und um Bakersfield beschäftigt. Fast 10 Prozent des Arbeitsmarktes hängt am Öl. Nur Houston in Texas ist noch stärker von der Förderung und Verarbeitung fossiler Energieträger abhängig. «Entweder arbeitet man in der Ölindustrie oder kennt jemanden, der dort sein Einkommen hat», bestätigt Melissa Rossiter von der Handelskammer. Bakersfield tickt dennoch nicht wie andere Ölregionen. Anders als North Dakota, wo der Frackingboom die Wirtschaft auf den Kopf gestellt und die Umwelt massiv belastet hat, hat Bakersfield die Gelassenheit einer Veteranin entwickelt. Zudem sorgen die landesweit schärfsten Umweltvorschriften für eine vergleichsweise sichere Produktion.

Vor dem Preiszerfall war Bakersfield auf dem Weg der Besserung. Der Ölboom half der Stadt, sich schneller von der Immobilienkrise zu erholen als das übrige Central Valley in Kalifornien. Die Bevölkerung wächst dank dem Zuzug junger, gut ausgebildeter Berufstätiger aus Los Angeles, die hier günstigen Wohnraum finden. Zudem investiert das County gezielt in Energietechnologien ausserhalb der Ölwirtschaft. Warren Buffett konnte sogar als Investor für die grösste, vor kurzem in Betrieb genommene Solaranlage der Welt gewonnen werden. «Bakersfield hatte den Ruf, die am wenigsten ausgebildete Stadt der USA zu sein», sagt Richard Chapman. «Wir sind daran, das zu ändern. Bakersfield bleibt eine führende Energiestadt. Nur wird sie in Zukunft nicht mehr allein vom Öl leben.»

Wenn aber Städte wie Bakersfield eine Renaissance erleben sollen, sagen die Ölmänner Clark und Hall, dann können sie nicht vom Weltölmarkt ausgeschlossen bleiben. Die US-Regierung verhängte das Exportverbot 1973 als Reaktion auf das arabische Embargo. Politisch war das Manöver ein Fehlschlag. Und auch wirtschaftlich schossen sich die Amerikaner ins eigene Bein. Die Abschottung führte dazu, dass Rohöl in den USA heute weniger einbringt als auf dem Weltmarkt.

Die Angst, die Autofahrer zu verärgern

Präsident Barack Obama erlaubte letztes Jahr zwar Ausfuhrgesuche für kleine Mengen an superleichtem Ölkonzentrat, um den Markt zu testen. Vor einer Freigabe aber schreckt er aus politischen Gründen zurück. «Das Risiko, die Autofahrer zu verärgern, ist dem Präsidenten zu gross», erklärt Jesse Kimball, Direktor von Windswept Energy Partner, einer Beratungs- und Investitionsgesellschaft. Das Ausmass einer Benzinpreiserhöhung werde zwar überschätzt, sagt er, könne aber bei einer Übernahme der Weltmarktpreise nicht gut eingeschätzt werden. «Der Exportstopp ist heute völlig sinnlos. Dank dem Fracking sind die USA die Nummer eins und sollten auf die Weltmärkte exportieren können». Seiner Ansicht nach könnten so auch die Produzenten in Kalifornien etwas höhere Preise herausholen.

Doch zu grosse Hoffnungen sollte sich Bakersfield nicht machen. Im Unterschied zu Saudiarabien, dessen Öl von einer staatlichen Gesellschaft kontrolliert wird und so dosiert auf den Markt gebracht werden kann, fördern in den USA Hunderte von oft sehr kleinen Unternehmen die fossile Energie. Die starke Rolle des Grenzkostenproduzenten, der mit seinen Reserven die Weltmärkte diktieren kann, werden die USA deshalb nie so gut spielen wie die Saudis. «Wir müssen mit einem fragilen Gleichgewicht zwischen einer Überproduktion in Regionen wie Bakersfield und den Weltmarktpreisen rechnen», sagt Kimball. Die goldenen Zeiten, die der Frackingboom ausgelöst hat, dürften darum bald nur noch Stoff sein für neue Legenden im Liar’s Club in Bakersfield.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2015, 22:10 Uhr

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