Die Mission der Insektenfreunde

Dass in der Schweiz Würmer und Grillen nun als Lebensmittel zugelassen sind, ist ein Lehrstück für effektives Lobbying.

«Insekten essen, um den Planeten zu retten»: Macarons, mit einer Heuschrecke garniert. Foto: Patrick Aventurier (Getty Images)

«Insekten essen, um den Planeten zu retten»: Macarons, mit einer Heuschrecke garniert. Foto: Patrick Aventurier (Getty Images)

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Es ist gerade ziemlich schwierig, den ­Insekten zu entkommen. Egal, welche Zeitung man liest, welchen Sender man schaut: Die Viecher sind überall. Der «Berner Oberländer» lässt die Gäste eines Fernsehkochs von einer Grillensuppe schwärmen («nussig, knusprig»). Die «Schweiz am Wochenende» besucht einen Basler Gastronomen, der sein thailändisches Curry mit Heuschrecken garniert. Und im SRF-«Club» diskutiert eine Runde zum Thema «Würmer und Käfer – bald unser täglich Brot».

Seit dem 1. Mai sind Mehlwürmer, Grillen und Wanderheuschrecken in der Schweiz als Lebensmittel zugelassen. Und werden auch hier produziert:

Die Geschichte hinter der Zulassung und der Hype darum sind auch ein Lehrstück in Sachen Lobbying. Ein Lobbying, hinter dem für einmal keine hoch bezahlten PR-Firmen, mächtige Wirtschaftsverbände oder einflussreiche Parlamen­tarier stehen. Sondern einige Aussen­seiter, die beharrlich vorgingen – und dabei sehr effektiv waren.

Der Kern der Insektenlobby lässt sich auf drei Leute reduzieren: den ehemaligen Grünen-Politiker Jürgen Vogel aus Nyon, den Insektenzüchter Urs Fanger und den HSG-Abgänger Matthias Grawehr. Letzterer ist Mitgründer einer Start-up-Firma, die in die Insekten­produktion einsteigen will. Das Trio eint die Überzeugung, dass die Welt eine bessere wäre, wenn die Konsumenten von herkömmlichem Fleisch auf Insekten umsteigen würden. Und dass sich damit auch viel Geld verdienen liesse.

Drei Vorstösse und ein Apéro

Ihre Kampagne begann 2008 mit einem Stand Jürgen Vogels am Paléo-Festival, wo es erstmals Insekten zu essen gab; im Sommer darauf baute man den Festivalstand erneut auf. 2013 gründete Vogel dann den Verein Grimiam, der sich zum Ziel gesetzt hat, in der Politik für den Verzehr von Insekten zu werben. Am gleichen Tag, als eine Westschweizer Zeitung über die Vereinsgründung berichtete, klingelte bei Vogel das Telefon. Am anderen Ende: GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley. Die studierte Chemikerin bot ihre Hilfe an.

In drei separaten Parlamentsvorstössen forderte Chevalley daraufhin vom Bundesrat, Insekten als Lebensmittel zuzulassen. Sie habe selber in Burkina Faso das erste Mal Insekten probiert, sagt sie. Seither sei sie davon fasziniert. Ihre erste Interpellation hatte Chevalley noch alleine unterzeichnet, die zweite signierten bereits mehr als sechzig Nationalräte. Dazwischen lag ein medienwirksam inszenierter Insektenapéro im Bundeshaus, mitorganisiert von Jürgen Vogel und Jungunternehmer Grawehr. Für den «Blick» liess sich der damalige CVP-Präsident Christophe Darbellay fotografieren, wie er in eine karamellisierte Grille biss.

«Bereiten Sie sich darauf vor, Insekten zu essen, um den Planeten zu retten.»Unterstützerverein Grimiam

Gleichzeitig begann der Bund damit, das Lebensmittelgesetz zu überarbeiten. Der Bundesrat erklärte sich nach Chevalleys Anfragen im Parlament bereit, die Zulassung von Insekten als Lebensmittel zu prüfen. Das Bundesamt für ­Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen studierte Untersuchungen aus Belgien und Holland, die die Verträglichkeit der Tiere als menschliche Nahrung belegten. Anschliessend schlugen die Beamten vor, Handel und Produktion von drei bestimmten Arten zuzulassen. Legal sind die Tiere jetzt also, der Markt ist im Aufbau. Detailhändler Coop hat angekündigt, einen Burger und Hackbällchen aus Mehlwürmern auf den Markt zu bringen – produziert von Grawehrs Firma Essento.

Die Argumente der Insektenfreunde sind stets die gleichen: Die Produktion von Insekten verbrauche viel weniger Ressourcen als jene von herkömmlichem Fleisch. Würden mehr Menschen Insekten essen, liesse sich die Erdbevölkerung besser ernähren. Und: In anderen Ländern sei das alles längst erlaubt. Ein Slogan des Unterstützervereins Grimiam heisst: «Bereiten Sie sich darauf vor, Insekten zu essen, um den Planeten zu retten.»

«Schon in der Schule beginnen»

Vergangene Woche hatte die Interessengemeinschaft für Insekten als Lebensmittel in der Schweiz (Igils), die im Wesentlichen aus Vogel, Grawehr und Fanger besteht, im Bundeshaus den nächsten Insektenapéro geplant. Sie musste ihn absagen, weil sich der Import der Tiere aus der EU verkompliziert und noch keine heimische Produktion vorhanden ist.

Man werde den Anlass nachholen, beteuert Vogel. Nächstes Ziel sei es, die Politik davon zu überzeugen, schon in der Schule über essbare Insekten zu ­informieren.

«Viele Schweizer fühlen sich nicht als Insektarier», sagt Vogel, der selber einmal im Monat Würmer, Grillen und Heuschrecken isst. «Wir sollten deshalb schon in der Schule mit der Aufklärung beginnen.» Damit auch die Kinder den Insekten nicht mehr entkommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2017, 18:42 Uhr

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