Die Panik nahm mit der Meldung vom 9. August 2007 ihren Anfang

Sie würden ihre Gelder nicht mehr abziehen können, meldete ein Hedgefonds den Kunden. Ein Tsunami war losgetreten. Wo stehen wir heute, 10 Jahre nach dem Start der Finanzkrise?

Das konnte doch keiner mehr glauben: Für die Finanzbranche waren die Jahre 2007 und 2008 kaum noch auszuhalten.

Das konnte doch keiner mehr glauben: Für die Finanzbranche waren die Jahre 2007 und 2008 kaum noch auszuhalten. Bild: Reuters

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Fast genau vor zehn Jahren haben drei Hedgefonds der französischen Grossbank BNP Paribas ihren Kunden eröffnet, dass sie keine Einlagen mehr zurückziehen können. Die Fonds waren allesamt im US-Immobilienmarkt investiert. Sie setzten auf komplexe Anlagevehikel, die sich aus ausfallgefährdeten, sogenannten Subprime-Hypotheken zusammensetzten. Die Nachricht sorgte damals nicht für Aufsehen. Wie Reuters damals berichtete, erachteten verschiedene Finanzchefs das Ereignis als relativ unbedeutend. Sie sahen darin schon gar nicht den Anfang einer Systemkrise.

Doch genau das war es: der Beginn der weltweit grössten Finanzkrise seit der Grossen Depression in den 1930er-Jahren. In seiner Biografie schreibt der damalige Chef der US-Notenbank Ben Bernanke: «Wie bei früheren Krisen begann die Panik mit klaren Auslösern, wie es die Bekanntmachung von BNP Paribas am 9. August war.»

Rasch wurde klar, dass viele Geldhäuser die gleichen Probleme hatten wie die drei Fonds von BNP Paribas. Denn auch sie hatten, wie diese Fonds, in schwer durchschaubare Anleihen unter dem Namen «Collaterised Debt Obligation» oder kurz CDO investiert. Sie enthielten unzählige verbriefte, hoch ausfallgefährdete Hypotheken. Dank ihrer komplexen Struktur waren sie kaum zu bewerten. Von den Ratingagenturen wurden sie aber dennoch mit den höchsten Bonitätsnoten ausgezeichnet.

Als die Finanzströme versiegten

Bis zum Sommer 2007 war das Geschäft mit solchen Anlagen für die Banken ausgesprochen lukrativ. Solange stets Käufer für diese Papiere bereitstanden – und das war angesichts ihrer relativ guten Rendite lange ein gutes Geschäft –, sah kaum jemand eine Gefahr. Die Ausnahme waren einige frühe Warner und wenige Hedgefonds, die bereits auf den Absturz dieses Marktes gewettet hatten. Ab dem 9. August war das Spiel aber vorbei. Die komplexen Papiere liessen sich kaum mehr verkaufen. Die Banken, die auf ihnen sassen, mussten riesige Verluste ausweisen.

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Rasch kam die Krise bei der UBS an. Die Schweizer Grossbank schrieb noch im zweiten Quartal 2007 einen Reingewinn von stolzen 5,8 Milliarden Franken. Schon Ende September sah es schlechter aus, und die Bank musste einen Verlust von 713 Millionen Franken vermelden. Der grosse Schock folgte dann Ende 2007, als das Institut einen gigantischen Verlust von 12,3 Milliarden Franken alleine für das vierte Quartal bekannt geben musste. Im Herbst 2008 musste die in Not geratene Bank dann vom Bund und der Nationalbank gerettet werden.

Das Problem war aber nicht in erster Linie, dass die internationalen Banken hohe Verluste erlitten. Das Drama war erst möglich, weil viele Banken über eine sehr dünne Eigenkapitaldecke verfügten, sodass ihre Existenz angesichts der Verluste bald infrage gestellt war.

Video: Die ikonischen Bilder der Finanzkrise

Als Lehman-Angestellte im Se ihre Büros verliessen. (September 2008)

Dieses Giftgemisch aus hoch gefährdeten Banken und der Unkenntnis über den wahren Wert der Anlagen in ihren Büchern verschlimmerte die Situation ab dem Sommer 2007 dramatisch. Für die Banken wurde es praktisch unmöglich, sich über andere Banken oder Investoren zu refinanzieren. Die Finanzbeziehungen froren praktisch ein.

Ohne massive Geldspritzen von Notenbanken und Staaten hätten noch sehr viel mehr Banken ihre Tore schliessen müssen, als es ohnehin geschehen ist. Abgesehen von der US-Bank Lehman Brothers, die im Herbst 2008 unterging, wurden alle Grossbanken gerettet. Die Finanzkrise hätte sonst, gemessen an ihrem anfänglichen Verlauf, aller Voraussicht nach weit schlimmere Folgen für die Weltwirtschaft gehabt als die Grosse Depression der 1930er-Jahre.

Dass die Banken dringend krisensicher gemacht werden müssen, war schon früh klar. Das Hauptziel der Regulierungsbestrebungen seit dem Ausbruch der Krise bestand denn auch darin, die Eigenkapitaldecken zu stärken. Im Vergleich zum Jahr 2007 hat sich die Lage massiv verbessert.

Der Anteil des Eigenkapitals an der gesamten Bilanzsumme belief sich bei der Credit Suisse Ende 2007 auf bloss 3,2 Prozent. Bei der UBS belief sich der Eigenkapitalanteil sogar nur auf 1,6 Prozent, was aber auch eine Folge des massiven Verlusts im vierten Quartal dieses Jahres war. Nur geringe weitere Verluste hätten also beide Banken in die Überschuldung geführt – dasselbe galt auch für viele andere Grossbanken.

Heute sieht das Bild wesentlich besser aus. Der Anteil des in der Bilanz ausgewiesenen Eigenkapitals an der Bilanzsumme beläuft sich bei der Credit Suisse Ende 2016 auf 5,1 Prozent, bei der UBS auf 5,7 Prozent, womit sie die Credit Suisse sogar überholt hat.

Dramatische Anreizstrukturen

Vor der Krise waren die dünnen Kapitaldecken ganz im Sinn des Managements. Die wichtigste Grösse, von der zum Teil auch ihr Salär abhing, war die Eigenkapitalrendite. Diese lässt sich am einfachsten steigern, wenn man möglichst viel Schulden aufnimmt.

Aus finanztheoretischer Sicht ist dann allerdings die höhere Eigenkapitalrendite nur gerade eine Entschädigung für das entsprechend höhere Risiko. Doch wenn dieses Risiko nicht von den Managern getragen wird, sondern es die Allgemeinheit für sie übernimmt, dann wird eine dünne Eigenkapitaldecke äusserst attraktiv.

Bis heute zeigen viele Banker wenig Verständnis für die Forderung nach höheren Eigenkapitalquoten. Sie haben sich denn auch dagegen gewehrt.

Viele – vor allem aus der Finanzwissenschaft – halten auch die aktuellen Kapitaldecken der Banken noch für zu dünn. Dazu kommt, dass es eine ganze Menge unterschiedlicher Regeln und Messmethoden gibt, die einen Überblick und Vergleiche erschweren. So wird meist auch nicht einfach das Eigenkapital am Gesamtkapital gemessen. Die Mittel werden risikogewichtet, was zu deutlich höheren Quoten führt. Die Art, wie diese Risikogewichtung vorgenommen wird, ist ebenfalls bis heute umstritten.

Die Finanzkrise wirkt aber nicht nur bei den Banken bis heute nach. Eine unmittelbare Folge des damaligen Crashs war ein Einbrechen der globalen Wirtschaftsleistung. Zu einer nachhaltigen Erholung ist es bis heute nicht gekommen. Das gilt ganz besonders für die Eurozone, hier haben die strukturellen Schwächen der Währungsunion die Krise noch verstärkt.

Die Notenbanken haben mit massiven Geldspritzen zwar die Banken gerettet und auch den Totalabsturz der Weltwirtschaft verhindert. Doch von den problematischen Massnahmen, die sie zur Krisenbekämpfung eingeführt haben, kommen sie bis heute nicht weg. Dazu gehören die Aufkäufe von Staatsanleihen, wie sie die Europäische Zentralbank weiter tätigt, oder beispielsweise in der Schweiz die Einführung von negativen Leitzinsen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2017, 06:43 Uhr

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