Die mächtigste Frau in Brüssel

Margrethe Vestager, die Wettbewerbshüterin der EU, legt sich mit Google, Amazon, Gazprom und Co an.

Mit nordischem Charme auf Konfrontationskurs: EU-Kommissarin Margrethe Vestager. Foto: PD

Mit nordischem Charme auf Konfrontationskurs: EU-Kommissarin Margrethe Vestager. Foto: PD

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Margrethe Vestager hat direkt nach ­ihrer Kampfansage an Google am Mittwoch das Flugzeug bestiegen und ist nach Washington geflogen. Der Besuch war schon länger geplant. Es passt zum Stil der Dänin, dass sie noch vor Abflug Klarheit schaffen wollte. Die 46-Jährige liebt es direkt und gradlinig. Die EU-Wettbewerbskommissarin wird die nächsten Tage in den USA nutzen, um den amerikanischen Gesprächspartnern ihre Anklage gegen den Internetgiganten zu erläutern.

Nach dem Coup gegen Google ist der Frau mit dem Kurzhaarschnitt und dem dezent modischen Auftritt die Aufmerksamkeit gewiss. Vestager schlägt eine andere Gangart ein als ihr Vorgänger Joaquín Almunia. Fünf Jahre schleppte sich in der Ära des spanischen Sozialisten das Verfahren wegen unfairen Wettbewerbs gegen Googles Imperium hin. Almunia nahm drei Anläufe für eine gütliche Einigung mit dem Internetkonzern und verrannte sich. Kaum sechs Monate im Amt, schaltete Margrethe Vestager mit nordischem Charme auf Konfrontation.

Sie gilt seit dem Start als intellektuell brillant und als Pfeiler im Team von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Der Dänin ist nach dem Schlag gegen den US-Konzern der Applaus in Europa sicher. Doch Vestager will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, dass bei ihrem Entscheid Politik oder etwa antiamerikanische Reflexe im Spiel sind. Ihr geht es um die Regeln und die geben ihr viel Macht. Tatsächlich ist Vestager die starke Frau in Brüssel. Als Hüterin über den fairen Wettbewerb im Binnenmarkt ist sie Staatsanwältin und Richterin gleichzeitig. Sie kann im Alleingang Bussgelder verhängen und Auflagen machen, die selbst Konzernen wie Google weh tun.

Dabei ist Google nur der Anfang. Dem Onlinehändler Amazon, dem iPhone-Hersteller Apple und der amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks drohen Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe, wenn die Wettbewerbshüterin die umstrittenen Taxdeals in Luxemburg, Irland beziehungsweise den Niederlanden als verbotene Staatsbeihilfe kassiert.

Doch die Dänin hat nicht nur US-Konzerne im Visier. Vestager will auch eine Klage gegen den russischen Energieriesen Gazprom vorantreiben, der mit seinen Knebelverträgen gegen die Regeln im Energiebinnenmarkt verstösst.

Es heisst, Margrethe Vestager habe ursprünglich Ministerpräsidentin werden wollen. Immerhin war sie Vorbild für die Hauptfigur in der international erfolgreichen dänischen Politserie «Borgen». Die Schauspielerin, die dort als Dänemarks erste Regierungschefin auftritt, hat Vestager einen Tag lang begleitet, als diese in Kopenhagen noch Wirtschaftsministerin war.

Wirtschaft hat die Politikerin der sozialliberalen Partei Det Radikale Venstre ursprünglich auch studiert. In die Politik zog es die Tochter eines lutherischen Pastorenpaares schon mit 25. Ihr Credo: «Politik sollte es Menschen ermöglichen, frei zu entscheiden.» In der knappen Freizeit joggt Vestager oder schaut gern amerikanische Thriller. Sie ist mit einem Lehrer für Mathematik und Philosophie verheiratet, mit dem sie drei Töchter hat. Ein Golden Retriever gehört auch zur Familie, die ihr in den nächsten Monaten von Kopenhagen nach Brüssel folgen soll.

Erstellt: 16.04.2015, 23:48 Uhr

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