Digitale Dienste ersetzen den Anwalt

Neue, günstige und einfache Anwendungen vereinfachen es Betroffenen, sich juristisch durchzusetzen.

Gestrandete Passagiere sollen sich dank Legaltech künftig einfacher wehren können. (Foto: Elise Derwin/Getty Images)

Gestrandete Passagiere sollen sich dank Legaltech künftig einfacher wehren können. (Foto: Elise Derwin/Getty Images)

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Der Flughafen Zürich zählte im Jahr 2016 rund 27,67 Millionen Passagiere. Gemäss der Flugüberwachung Skyguide waren 3,2 Prozent der Flüge verspätet – demnach sind 885 325 Reisende in Zürich zu spät gelandet oder abgeflogen – und viele davon haben das Recht auf eine Entschädigung, denn bei Verspätungen von mehr als drei Stunden muss die Fluggesellschaft in den meisten Fällen etwas zahlen, je nach Flug bis zu 600 Euro. Durchschnittlich fordert bisher jedoch nur einer von zehn Passagieren diese ein, die meisten scheuen sich vor dem Papierkrieg oder dem Gang zum Anwalt. «Das wollen wir ändern und den Fluggästen zu ihrem Recht ­verhelfen, und zwar unkompliziert und schnell», erklärt Edoardo Köppel, einer der vier Köpfe hinter dem neuen Onlinedienst www.cancelled.ch.

Mit wenigen Klicks prüft die Applikation den Anspruch auf Entschädigung und gibt eine erste Einschätzung, ob der Flug anspruchsberechtigt ist. Die Juristen setzen die Forderung dann bei der Airline oder nötigenfalls vor Gericht durch. Die Idee ist nicht neu, es setzen sich bereits einige ausländische Websites für die Durchsetzung von Flug­gastrechten ein, doch der zu teilende Kuchen ist bei weltweit rund 40 Millionen Flügen im Jahr gross genug. «Zudem unterscheidet sich die Situation in der Schweiz in juristischer Hinsicht leicht von jener in der EU», argumentiert der Jurist und Jungunternehmer Köppel.

Nach Fintech: Legaltech

Damit ist die Juristerei die nächste Branche, die von der Digitalisierung auf den Kopf gestellt wird. Nachdem Anbieter wie Paypal und andere Fintechs viele Bereiche des Finanzsektors neu erfunden haben, knöpfen sich die Legaltechs nun die juristische Welt vor. Einfache Rechtsgeschäfte werden standardisiert und können so wesentlich günstiger angeboten werden – und wesentlich einfacher: Statt einen Brief zu schreiben oder eine Anwaltspraxis aufzusuchen, füllt der Kunde online ein Formular aus.

Die Idee mit den Fluggastrechten ist dabei nur eine von vielen. Die Welle der Legaltech rollt gerade erst an und wird noch weitere Nischenbereiche erfassen. Denn an Ideen mangelt es den digital ­affinen jungen Rechtswissenschaftlern nicht. Wie das Beispiel der Applikation www.easyscheidung.ch zeigt, die verspricht, eine Ehescheidung im günstigsten Fall für 748 Franken abzuwickeln. Hinter der Seite steckt das 2015 von Rechtsanwalt Christian Kläy gegründete Start-up-Unternehmen Nextlex, eines der ersten Legaltechs im Schweizer Netz mit der Vision, «Rechtsdienstleistungen für alle erschwinglich zu machen».

Von der Patientenverfügung über die Mietzinsreduktion bis hin zum Vertrag für den Autoverkauf oder die Unter­nehmensgründung bietet Nextlex einen Dokumenten-, Vertrags- und auch einen persönlichen Rechtsberatungsdienst für Privatleute und Firmen. Mit wenigen Klicks und preisgünstig erhalten die Kunden rechtsgültige Verträge.

Eine Studie der Hamburg Bucerius Law School kommt zum Ergebnis, dass 30 bis 50 Prozent der Anwaltsarbeit künftig von intelligenten Programmen erledigt werden könnten. «Der wesentliche Kern der anwaltlichen Tätigkeit wird sich aber nicht durch Software ersetzen lassen. Somit werden Anwälte auch in Zukunft nicht entbehrlich sein, aber sie werden anders arbeiten müssen als heute», urteilt René Rall, Generalsekretär des Schweizerischen Anwaltsverbands, der dem Trend der Legaltechs «mit grossem Interesse begegnet». Die Legaltechs krempeln auch den Alltag der klassischen Kanzleien um, indem sie Programme entwickeln, welche die internen Prozesse digitalisieren.

Radikaler Wandel am Markt

Intelligente, selbstlernende Programme sind bereits dazu in der Lage, hundertseitige Verträge zu analysieren und zu verwalten. Arbeiten, die bislang von Anwälten zu teilweise happigen Stundensätzen erledigt wurden, werden so zum Futter von Datenbanken-Algorithmen. Nicht zuletzt deshalb beschleicht immer mehr Rechtsanwälte die Erkenntnis, dass sich der «Rechtsberatungsmarkt in einem radikalen Wandel befindet», wie es ein Anwalt auf der Fachtagung Finance & Law in Zürich nannte. «Die ­Entwicklung von Legaltech steht hierzulande noch ganz am Anfang», bestätigt Antoine Verdon, Mitbegründer des Schweizer Branchenverbands der Legaltechs (SLTA).

Auch er sieht viele Parallelen zu den Fintechs, die seit rund fünf Jahren die Banken und Versicherungen in Angst und Schrecken versetzen. «Bei den Legaltechs wird es aber letzten Endes vielfach auf Kooperationen hinauslaufen. Die eingesessenen Kanzleien brauchen das Know-how der jungen Start-ups, und die Jungen brauchen das Geld und die Erfahrung der Etablierten», prognostiziert Verdon. Profitieren werden am Ende beide Seiten und ganz am Schluss der Konsument, der künftig keine Unsummen mehr für die Unterschrift eines Anwalts zahlen muss. Denn «viele dokumentbasierte Prozesse im Bereich Kaufrecht, Mietrecht, Schuld­betreibungs- und Konkursrecht oder Arbeitsrecht werden automatisiert, sodass gerichtliche Fälle in Zukunft deutlich günstiger zum Paketpreis angeboten werden können», ist Legaltech-Anwalt Christian Kläy überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 19:32 Uhr

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