Dr. med. Ignazio Cassis und sein neuer Sponsor, der Tabakkonzern

Die Partnerschaft des EDA mit Philip Morris sei «sehr bedenklich», sagt die WHO – und will auf internationaler Ebene intervenieren.

Philip Morris war «Goldsponsor»: Ignazio Cassis bei der Eröffnungsfeier der Schweizer Botschaft in Moskau: <nobr>Foto: Yuri Kochetkov, Keystone</nobr>

Philip Morris war «Goldsponsor»: Ignazio Cassis bei der Eröffnungsfeier der Schweizer Botschaft in Moskau: Foto: Yuri Kochetkov, Keystone

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Er ist der erste Arzt im Bundesrat seit über hundert Jahren. Doch nun stösst ausgerechnet er Gesundheitsexperten vor den Kopf. In mindestens zwei Fällen ermöglicht das Departement von Ignazio Cassis (FDP) dem grössten Tabakkonzern der Welt grosse Werbeauftritte. Bei der Er­öffnung der neuen Botschaft in Moskau im Juni war Philip Morris «Goldsponsor». Und nächstes Jahr macht das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) den US-Konzern zu einem von zwei «Hauptsponsoren» des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung in Dubai.

Auf diese enge Partnerschaft reagiert nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO). «Tabak tötet weltweit pro Jahr acht Millionen Menschen», erklärt die Zentrale der WHO in Genf. Trotzdem versuche die Tabakindus­trie die Präventionsanstrengungen von Regierungen und internationalen Organisationen zu unterlaufen. «Dass nun ausgerechnet die Schweiz als Sitzstaat der WHO eine Sponsoring-Partnerschaft mit einem Tabakkonzern eingeht, ist sehr bedenklich.» Die WHO sagt, sie habe in Bern «bei hohen Stellen inter­veniert».

Image soll abfärben

Laut WHO ist der Deal mit Philip Morris unzulässig. Die Expo in Dubai untersteht der Aufsicht des Bureau International des Expositions (BIE). Mit dieser Organisation bestehe seit 2010 eine Vereinbarung, wonach Tabaksponsoring an Weltausstellungen untersagt sei, sagt die WHO – und kündigt an, beim BIE zu intervenieren. «Wir werden darauf drängen, dass die Vereinbarung auch im Schweizer Pavillon in Dubai eingehalten wird.»

Die Partnerschaft mit dem EDA lässt sich Philip Morris viel Geld kosten: 45'000 Franken für die Botschaftseröffnung in Moskau, 1,8 Millionen für den Pavillon in Dubai. Im Gegenzug verspricht das EDA seinen Sponsoren einen «Imagetransfer». Das heisst: Das gute Image der Schweiz soll auf Philip Morris und andere Geldgeber abfärben.

«Die Zusammenarbeit steht im Widerspruch zu unserer Präventionsstrategie.»Bundesamt für Gesundheit

Dagegen wird jetzt auch im Inland die Kritik immer lauter. Die Lungenliga, der Verband Sucht Schweiz und die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention haben Cassis per Brief ihr Unverständnis kundgetan. «Indem die offizielle Schweiz Philipp Morris als Sponsor akzeptiert, ist es letztlich sie selber, die für Produkte wirbt, die Millionen von Menschen abhängig machen», sagt Verena El Fehri von der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention.

Sogar das Bundesamt für Gesundheit kritisiert das EDA: «Die Zusammenarbeit mit einem Tabakkonzern im Rahmen der Expo in Dubai steht im Widerspruch zu unserer Präventionsstrategie», erklärt das Amt gegenüber den CH-Media-Zeitungen, die den Fall Dubai letzte Woche publik machten.

Die SP will das Sponsoring durch Philip Morris im Parlament stoppen. Sie werde in der zuständigen Kommission einen entsprechenden Antrag einreichen, sagt die Schaffhauser SP-­Nationalrätin Martina Munz. Es gehe nicht, «dass die Schweiz jedes Jahr viele Millionen in die Tabakprävention steckt und dann ihren Expo-Pavillon für Tabakwerbung hergibt».

«Für die Schweiz besonders heikel»: Ausgerechnet der Arzt Ignazio Cassis stösst Gesundheitsexperten vor den Kopf. Foto: Yuri Kochetkov, Keystone

Sogar aus Cassis’ Partei kommt Kritik. Der langjährige FDP-Ständerat und Präventionsmediziner Felix Gutzwiller hält Sponsoring von offiziellen Anlässen zwar für zulässig. Die Partnerschaft mit einem Tabakkonzern sei aber «problematisch» und «für die Schweiz besonders heikel». Denn: Philip Morris und andere Tabakkonzerne stellen hierzulande besonders schädliche Zigaretten für die Dritte Welt her, die in der Schweiz und der EU verboten sind.

Wie in den Zeiten Jesu

Das EDA verteidigt sich. Es verweist darauf, dass das Parlament beschlossen hat, die Hälfte der 15 Millionen Franken, die der Schweizer Pavillon an der Expo 2020 kostet, mittels Sponsoring zu beschaffen. Zudem sei Philip Morris ein wirtschaftlich wichtiges Unternehmen mit Europa-Sitz in der Schweiz.

«Selbstverständlich», so das EDA, werde es alles tun, «um sicherzustellen, dass in keiner Weise der Eindruck entsteht, dass der Bund den Konsum von Tabakerzeugnissen fördert». Die Sichtbarkeit von Philip Morris im Schweizer Pavillon sei zudem eingeschränkt und konzentriere sich auf eine Bar auf der Dachterrasse. Diese sei nur für Personen über 21 Jahren zugänglich.

Dort, auf der Dachterrasse, will Philip Morris ausschliesslich ihre neue elektrische Zigarette IQOS bewerben – so wie schon in Moskau. Laut SP-Nationalrat Fabian Molina, der vor Ort war, hat Philip Morris die Geräte dort sogar verkauft. «Eine völlige Zweckentfremdung des Botschaftsgeländes», kritisiert Molina – und vergleicht den Vorgang mit den Händlern, die zu Jesu Zeiten den Tempel in Jerusalem entwürdigt haben.

Heikles Sponsoring: Philip Morris und weitere Firmen finanzierten die Botschaftseröffnung in Moskau mit. Foto: Yuri Kochetkov, Keystone

Solche E-Zigaretten bewerben die Tabakfirmen derzeit als Alternative zu traditionellen Zigaretten – mit dem Argument, sie seien weniger schädlich. Fachleute sehen dies aber kritisch. Zwar enthielten die neuen Produkten keinen Teer, sagt etwa Präventivmediziner Gutzwiller. Das Nikotin bleibe aber – und werde sogar noch verstärkt. «Die Folgen sind wissenschaftlich noch viel zu wenig erforscht.»

Erstellt: 21.07.2019, 21:55 Uhr

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