Ecole 42 – gratis und ohne Vorzeugnis zum Tech-Nerd

Milliardär Xavier Niel hat bei Paris eine Schule der besonderen Art gegründet.

70'000 Schüler drängen jährlich an die Ecole 42, zugelassen werden 900. In den als Cluster bezeichneten Klassenzimmern lernen sie programmieren. Foto: Denis Allard (REA, Laif)

70'000 Schüler drängen jährlich an die Ecole 42, zugelassen werden 900. In den als Cluster bezeichneten Klassenzimmern lernen sie programmieren. Foto: Denis Allard (REA, Laif)

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Der Eingang der Ecole 42 im äussersten Norden von Paris wirkt wie die Kulisse eines Zukunftsfilms: Waschbeton am Boden, Schranken aus gebürstetem Aluminium, automatisch sich öffnende Glas­türen, an den Wänden Kunst. Wenn die Studenten die Schranken öffnen mit ihrem Badge, werden sie von einer Stimme aus dem Lautsprecher namentlich ­begrüsst. Bonjour Nico, Salut Marie.

Der französische Selfmademan Xavier Niel, laut Wirtschaftsmagazin «Forbes» neunfacher Milliardär, steht hinter dieser Inszenierung. Die Ecole 42 ist sein Werk, und als sie vor bald zwei Jahren eröffnet wurde, wurde Niel, ihr Gründer, von vielen für verrückt gehalten. 70 Millionen Euro hat er investiert, sein Ziel ist es, «die Bill Gates von morgen auszubilden». In einer Hochschule, die nichts kostet und die von ihren Studenten noch nicht einmal einen Schul­abschluss verlangt. «Man kann heutzutage», sagt Niel, «auch ohne Matura der brillanteste Programmierer seiner Generation sein.»

Die Ecole 42 ist das exakte Gegenmodell zur französischen Eliteschule. Es gibt keine Professoren, keine Vorlesungen, keine Bücher und natürlich auch keine Noten. Learning by doing ist das Prinzip. Die drei Klassenräume heissen Cluster, in jedem stehen 300 brandneue Apple-Computer. Man setzt sich hin, wo Platz ist und wann immer einem der Sinn nach Arbeit steht. Im Intranet wartet stets die nächste Aufgabe, die es zu lösen gilt.

Die Schule ist rund um die Uhr geöffnet, an sieben Tagen in der Woche. In der Kantine steht ein Tischfussballkasten, es gibt einen Konferenzraum mit den neusten Spielkonsolen, auf dem Dach steht ein Jacuzzi. Das einzige Auditorium des Hauses ist mit bunten Kissenwürfeln möbliert und wirkt nicht wie ein Hörsaal, sondern wie das Spielzimmer einer schicken Kinderkrippe. Gespielt wird: innovatives Lernen.

Land der Hyperspezialisierung

Der Run auf die ungewöhnliche Schule hat die Kritiker verstummen lassen. Jedes Jahr versuchen 70'000 Kandidaten ihr Glück. Nach Onlinetests sind es noch 3000, die ins «Schwimmbad» eingeladen werden, der letzten Prüfung, bei der nach einer ­Woche 900 Kandidaten übrig bleiben, die einen der begehrten Studienplätze ergattern. «Wir wollen Studenten, die kreativ sind», sagt Kwame Yamgnane, Mitbegründer und stellvertretender ­Direktor. «Disruptives Denken», nennt er das ganz modisch. Früher hätte man gesagt: Querdenker sind gefragt.

Yamgnane, an dem alles gross wirkt, sitzt in einem futuristischen Séparée aus Filz, trinkt Tee und philosophiert darüber, wie man das System aufbrechen und verändern muss. «Mein Vater ist ­Togolese, meine Mutter Bretonin, meine Frau Norwegerin. Ich habe in den USA gearbeitet und in China. Grenzen interessieren mich nicht.» Höchstens, um sie zu sprengen.

In einem Land der Hyperspezialisierung müsse es neutrale Orte geben, um Verbindungen zu schaffen zwischen Wissenschaftlern, Universitäten, Unternehmern, Designern, Architekten, Ärzten, sagt Yamgnane. Dann entstehen neue Schnittmengen, neue Möglichkeiten, Zukunft, Fortschritt.

Die Begriffe illustrieren das Gegenteil der aktuellen Wahrnehmung Frankreichs. Wer Frankreich sagt, denkt Krise, denkt an eine reformunwillige Nation mit verkrusteten Strukturen, an ein Land, das international zurückfällt, Exportanteile einbüsst, als Staat versagt. Wahrnehmung und Realität müssen nicht unbedingt deckungsgleich sein. Deshalb glaubt Telecommilliardär Niel, dass man das eigene Denken hin und wieder gegen den Strich bürsten muss.

Frankreich ist in diesen Jahren dabei, sich zu einem Paradies für Start-up-Unternehmen zu entwickeln. In vielen Städten sind Technologie-Hubs entstanden, Inkubatoren für Start-up-Firmen, Akzeleratoren, Co-Working-Spaces.

Das Pariser Sentier-Viertel, einst Hochburg des Konfektionsgewerbes, wo in kleinen Ateliers Anzüge und Kleider zusammengenäht wurden, hat inzwischen den Spitznamen Silicon Sentier. Das Facebook-Management hat Anfang Juni angekündigt, in Paris ein Labor für künstliche Intelligenz zu eröffnen. Yann LeCun, Forschungsdirektor bei Facebook wird mit den Worten zitiert: «Frankreich, vor allem Paris, verfügt über eine sagenhafte Dichte von Talenten der unterschiedlichsten Kulturen.»

Es gibt viele Beispiele für eine blühende Dotcom-Industrie in Frankreich: der Online-Werbevermarkter Criterio wird inzwischen an der US-Börse Nasdaq gehandelt, die digitale Mitfahrzentrale BlablaCars ist schon in 13 Ländern präsent und hat gerade deutsche Konkurrenten aufgekauft. La French Tech heisst das Label, unter dem die fran­zösische Regierung die IT-Branche jetzt zusammengefasst hat, um über die Landesgrenzen hinaus auf die ungewöhnlichen Bedingungen für Investoren und Jungunternehmer hinzuweisen.

Axelle Lemaire, Staatssekretärin fürs Digitale, zählt gerne die Vorteile auf: Frankreich verfügt über eine kreative Elite, Ingenieure kosten hier weniger als in den USA, und wissenschaftliche ­Recherche ist steuerlich absetzbar. ­Inzwischen gibt es sogar ein «tech visa» für ausländische Unternehmer.

4000 Start-ups sind in Paris ansässig, viermal so viel, wenn man die Vororte mitrechnet. Wie viele es in ganz Frankreich sind, weiss noch niemand so genau, wird aber bald bekannt sein, weil die findige Unternehmerin Stéphanie Cassin Wismer eine einschlägige App­likation entwickelt hat: Mit ihrer App Biilink, ursprünglich dafür gedacht, Unternehmerfrauen zu vernetzen, will sie in Zukunft weltweit Start-up-Unter­nehmen verbinden.

Frankreich mischt vorne mit

Vergangenen Monat hat sie in ­einer ehemaligen Sattlerei im Silicon Sentier ihre Plattform lanciert, eine Art Facebook für Jungunternehmer der IT-Branche. Die neue Site ist sofort zum Marktplatz ­geworden: Unternehmer, Designer, Grafiker, Programmierer, Anwälte tun sich dort um und finden sich womöglich. «Meistens scheitern Start-ups nicht am Geld», sagt Firmengründerin Wismer, «sondern weil sie nicht sichtbar genug waren und sich nicht haben helfen lassen». Bis Ende des Jahres will die 36-Jährige 50 000 Mitglieder auf Biilink versammeln – und bislang hat sie alles geschafft, was sie sich vorgenommen hatte.

Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas mussten Branchenbeobachter Anfang des Jahres einräumen, dass Frankreich mit seinen 66 vertretenen Firmen «talk of the show» war, der eindeutige Gewinner der digitalen Leistungsschau. Regelmässig schneidet es auf den ersten drei Plätzen ab, wenn es darum geht, die innovativsten Unternehmen aus­zuzeichnen. Auf dem Deloitte-Ranking organisiert von der gleichnamigen globalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das die 500 am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen in Europa, dem Nahen Osten und Afrika vergleicht, sind französische Jungunternehmen am stärksten vertreten. Selbst das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist», das nicht unter dem Verdacht steht, frankophil zu sein, schreibt in seiner jüngsten Ausgabe über «Paris: the Start-up City».

Im äussersten Norden der Stadt, wo der Mäzen Xavier Niel seine Träume verwirklicht, werden bald die ersten Studenten der Ecole 42 das Level 21 erreicht haben. Dann ist Schluss für sie an der coolsten Uni, die man sich vorstellen kann. Level 21 – das ist, wie in einem Videospiel, das höchste erreichbare Level, danach stehen den Absolventen viele Türen offen.

Niel ein Steve Jobs à la française

Xavier Niel hat selbst gezeigt, dass man es auch ohne Abitur sehr weit bringen kann. Als Teenager fing er an, für Minitel, den Vorläufer des deutschen Bildschirmtextes, Erotikchat-Programme zu entwerfen. Gern wird er als «Hacker, Uni-Abbrecher und Sexshop-Betreiber» apostrophiert. Fest steht: Mit zwanzig war er Millionär. Heute ist der Chef der Telecomfirma Free und Anteilseigner von Iliade mehrfacher Milliardär und ist liiert, erzählt man sich in Paris, mit Del­phine Arnault, Tochter von LVMH-Chef Bernard Arnault, Platz zwei auf der französischen «Forbes»-Liste. Eine schö­ne Verbindung aus altem und neuem Geld.

Der Aufsteiger, Niel, wird gern der «französische Steve Jobs» genannt, vielleicht ist das ein bisschen viel Ehre, in jedem Fall sind es Leute wie er, die Frankreich voranbringen und auf lange Sicht vielleicht auch sein schlimmes Image wieder heilen.

Warum eigentlich Schule 42? Eingeweihte verstehen die Anspielung sofort: Die Zahl ist – in Douglas Adams Science-Fiction-Klassiker «Per Anhalter durch die Galaxis» die Antwort auf die Frage «nach dem Sinn, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest». Das Motto der Uni, die der grossen Frage nachspürt, lautet: «born to code». Geboren, um zu programmieren.

Anwenden können die Absolventen ihre Kenntnisse vielleicht bald schon im Osten von Paris. Dort lässt Xavier Niel in einem ehemaligen Bahndepot den grössten Technologie-Hub bauen, den die Welt bislang gesehen hat: Auf ­einer Fläche von drei Fussballfeldern entstehen Arbeitsräume, Labors, Kon­ferenzsäle, Fabriken, Restaurants. «1000-Start-ups» hat Niel das Projekt getauft, das geschätzte 170 Millionen Euro kostet und lediglich mit zehn Prozent von öffentlichen Mitteln getragen wird. Ende nächsten Jahres soll es fertig sein. Auf der offiziellen Website der Stadt ­Paris wird schon geschwärmt. «Dieser allein aufgrund seiner Grösse einzig­artige Inkubator wird dazu beitragen, aus Paris eine digitale Stadt zu machen, die innovativste Hauptstadt Europas.» Aber das klingt, für den Moment, doch noch sehr nach 1001 Nacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2015, 07:52 Uhr

Unternehmer Xavier Niel. Foto: PD

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