«Ein Bürger ohne Waffe ist nur noch ein Steuerzahler»

Bei Pro Tell haben ehrgeizige Kräfte die Macht übernommen. Sie wollen die Organisation aus der Schmuddelecke führen und jede Verschärfung des Waffenrechts stoppen.

«Wir sind nicht die Waffenlobby, wir sind die Freiheitslobby»: Pro-Tell-Generalsekretär Robin Udry inmitten seiner Waffensammlung. Foto: Thomas Egli

«Wir sind nicht die Waffenlobby, wir sind die Freiheitslobby»: Pro-Tell-Generalsekretär Robin Udry inmitten seiner Waffensammlung. Foto: Thomas Egli

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Vor fast vierzig Jahren wurde Pro Tell gegründet. Doch aus der Schmuddelecke herausgefunden hat die Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht in all den Jahrzehnten nicht. Bis heute oszilliert ihr Image irgendwo zwischen stumpenrauchenden Schützen, der US-Waffenlobby NRA und waffenverrückten Sonderlingen. Willy Pfund, bis vor kurzem Präsident, klammerte sich bis ins 78. Altersjahr an die Macht. Und genauso ältlich wirkte auch der Auftritt von Pro Tell.

Robin Udry ist das Gegenteil von alledem. Er ist 45-jährig, smart, kommunikativ und könnte auch als Zürcher Wirtschaftsanwalt durchgehen. Tatsächlich arbeitet Udry bei einer Westschweizer Sicherheitsfirma, er ist Ex-Polizist, Major, CVP-Mitglied, Sportschütze, Jäger — und seit vier Monaten Generalsekretär und Mitglied des komplett erneuerten Vorstands von Pro Tell. Als Udry sein Auto auf engen Strässchen durch die Weinberge oberhalb von Sitten steuert und dabei über die Zukunft redet, wird rasch klar: Die neue Führung möchte das schaffen, woran all ihre Vorgänger gescheitert sind. Sie will Pro Tell in die Mitte der Gesellschaft führen.

Showdown im Albisgüetli

Inzwischen hat Udry sein Auto vor einem Haus in den Rebbergen parkiert. Unten im Keller schliesst er eine gesicherte Tür auf. Dann fällt der Blick auf Karabiner, Winchester, Gewehre aus dem US-Bürgerkrieg, Uniformen, Militärhelme, Bajonette, Säbel, Jagdflinten, Revolver, Pistolen — insgesamt etwa 200Schusswaffen. «Das ist etwa die Hälfte meiner Sammlung», sagt Udry.

Vor vier Monaten, am 17. Juni, stand der gleiche Udry im Zürcher Schützenhaus Albisgüetli vor über 500 aufgebrachten Pro-Tell-Mitgliedern und orchestrierte einen demokratischen Umsturz. Zu diesem Zeitpunkt war Präsident Pfund bereits weg — abgesetzt von seinen eigenen Vorstandskollegen nach 15 Jahren im Amt. Doch Pfunds Abgang genügte den unzufriedenen Mitgliedern nicht. Die Anführer des Aufstands scharten sich um Robin Udry und den SVP-­Nationalrat Jean-Luc Addor, ebenfalls ein Walliser, weil sie fanden, der Vorstand mache generell zu wenig für die Waffenbesitzer. Vor allem unternehme er viel zu wenig gegen die neue EU-Waffenrichtlinie, die die Schweiz übernehmen soll.

Und so setzte die erdrückende Mehrheit der 500 Mitglieder in aufgeheizter Atmosphäre den Vorstand ab und wählte einen neuen. Neuer Präsident ist Hans-Peter Wüthrich, ein Brigadier a. D., der die Abstimmungskampagnen gegen die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» und für den Kampfjet Gripen geleitet hatte. «Mit mir als Präsident ist das heute in der Schweiz gültige Waffenrecht nicht verhandelbar», erklärt Wüth­rich und kündigt das Referendum gegen jede auch noch so geringfügige Verschärfung des Waffenrechts an.

«Wie wenn man sich kastriert»

Für Pro Tell ist der möglichst uneingeschränkte Waffenbesitz Ausdruck eines besonderen Vertrauens, das der Staat in seine Bürger habe. «Ein Bürger ohne Waffe ist nur noch ein Steuerzahler», sagt Udry. Die Verschärfung des Waffenrechts helfe gegen Kriminelle oder Terroristen gar nichts, denn diese könnten sich auf dem Schwarzmarkt weiterhin Waffen beschaffen, sagt er, während er sein Auto zurück nach Sitten steuert. «Stattdessen werden Hunderttausende von legalen Waffenbesitzern unter Generalverdacht gesetzt.» Dann zitiert Udry einen Ausspruch von Clint Eastwood: «Waffen einzusammeln, weil Kriminelle zu viele davon haben, ist dasselbe, wie wenn man sich selber kastriert, weil der Nachbar zu viele Kinder hat.»

Im Hinblick auf den Referendumskampf will Pro Tell ihre Schlagkraft rasch verstärken. Innert einem Jahr wolle er die Mitgliederzahl von 9000 auf 20'000 steigern, versprach der neue Vorstand bei seiner Wahl. Bisher rekrutierte Pro Tell neue Mitglieder an Schützenfesten oder Waffenbörsen. In Zukunft will der Verein auf allen möglichen «Swissness-Anlässen» präsent sein, etwa an Schwing- oder Jodlerfesten. Zudem will Pro Tell in Zukunft vor allen Wahlen auf Bundes- oder Kantonsebene mit Fragebogen die Haltung aller Kandidierenden zum Waffenrecht prüfen. Die Resultate dieser Umfragen will die Organisation dann veröffentlichen.

Für den Referendumskampf strebt Pro Tell ein breites Bündnis mit Schützen, Jägern und Waffensammlern an. Viele dieser Organisationen kämpfen allerdings mit Nachwuchsproblemen. Ist die Waffenlobby mit ihrem Widerstand gegen strengere Waffenvorschriften in der Bevölkerung überhaupt mehrheitsfähig? Udry mag schon den Begriff in dieser Frage nicht: «Wir sind nicht die Waffenlobby, wir sind die Freiheitslobby.» Wenn der Staat die Freiheit der Waffenbesitzer beschneide, seien als Nächstes die Freiheitsrechte einer anderen Gruppe an der Reihe, jene der Autofahrer etwa. Udry glaubt, dass ihr ­Support weit über Pro Tell hinausreicht, und verweist auf die steigende Zahl von Waffenerwerbsscheinen, die in den ­Kantonen beantragt werden.

Neumitglied Ignazio Cassis

Neuerdings ist Pro Tell sogar im Bundesrat vertreten. Vor der Bundesratswahl hatte Pro Tell alle drei FDP-Kandidaten mit einem Fragebogen zu ihrer Haltung zum Waffenrecht befragt. Die Antworten von Ignazio Cassis gefielen Pro Tell am besten. Zudem teilte er der Organisation mit, er würde gerne bei ihr Mitglied werden. Dieses Versprechen hat Cassis am 11.September, nur wenige Tage vor seiner Wahl, eingelöst. «Ignazio Cassis ist der erste Bundesrat überhaupt, der Mitglied von Pro Tell ist», frohlockt Udry.

Das bedeutet, dass Cassis kurz vor seiner Wahl zum Bundesrat einer Lobbyorganisation beigetreten ist, die das Hauptziel hat, ein Gesetzesvorhaben des Bundesrats abzuschiessen: die Anpassung des Schweizer Waffenrechts an die neuen Schengen-Waffenrichtlinien.

Laut Schengen-Recht ist die Schweiz gezwungen, die neuen EU-Waffenricht­linien umzusetzen. Doch das kümmert Pro Tell wenig. Man werde das Referendum ergreifen «unabhängig davon, ob damit der Verbleib der Schweiz im Schengen-Raum infrage gestellt wird», sagt Präsident Wüthrich. Damit zieht der Alt-Brigadier in den Kampf gegen seine eigene Regierung. Und in dieser Regierung selber zählt Pro Tell auf die Hilfe ihres Neumitglieds Ignazio Cassis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 21:26 Uhr

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