Ein Megadeal als Testlauf für Clinton

Die Fusion von AT & T und Time Warner stösst auf politischen Widerstand. Auch Konsumentenorganisationen befürchten eine gefährliche Machtballung der US-Medien in wenigen Händen.

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Die geplante Übernahme des Medienkonzerns Time Warner durch den Telecomgiganten AT & T erinnert an den grössten Flop einer Firmenfusion in den USA überhaupt. 2000 kaufte der damals führende Internetanbieter AOL Time Warner zum surrealen Preis von 162 Milliarden Dollar. Die Integration der beiden Firmen misslang gründlich. AOL sackte zusammen und wurde vor kurzem für nur noch 4,4 Milliarden an den Telecomanbieter Verizon verkauft. Steve Case, der für den Flop verantwortliche AOL-Chef, reagierte auf den jüngsten Versuch, Time Warner zu kaufen, leicht sarkastisch: «Déjà vu», twitterte er.

Doch die Skepsis gegenüber dem Deal ist breit wie selten zuvor. Politiker beider Parteien und Konsumenten­organisationen lehnen das Vorhaben ab und befürchten, die Konzentration der Medien- und Unterhaltungsindustrie nehme gefährliche Ausmasse an. Auch die Anleger zeigten sich verunsichert und schickten die Aktien beider Firmen zu Wochenbeginn auf Talfahrt.

Es wäre der grösste Zusammenschluss im Kommunikationsbereich seit 2001.

Die Fusion eines dominanten Kabel-und-Internet-Anbieters mit einem führenden Fernseh- und Filmkonglomerat soll 85 Milliarden Dollar kosten. Es wäre der grösste Zusammenschluss im Kommunikationsbereich seit 2001, als Comcast das Netz von AT & T für 72 Milliarden kaufte und sich eine monopolartige Situation verschaffte, die von den Konsumenten äusserste negativ beurteilt wird. Comcast kommt in Kundenumfragen wegen seiner Preis- und Angebotspolitik regelmässig auf die hintersten Rängen. Ähnliche Befürchtungen könnten nun auch den Deal von AT & T gefährden. Die Analysten der UBS und der Credit Suisse sind sich in dieser Hinsicht einig. Die Zulassungsbehörden werden eine langwierige Untersuchung von absehbar mehr als einem Jahr durchführen, so die Analysten, deren Ausgang sei ungewiss.

Wahlen könnten entscheiden

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Beamten einer Regierung rund um Hillary Clinton das Vorhaben beurteilen. Federführend ist das Justizministerium, und dabei fällt ins Gewicht, dass Justizministerin Loretta Lynch bereits im kommenden Januar zurücktreten will und ihr Nachfolger von Clinton ernannt wird. Allerdings muss der Senat diese Nomination bewilligen. Gewinnen die Demokraten nicht nur das Weisse Haus, sondern auch die Mehrheit im Senat, worauf die Umfragen hindeuten, dann hat es die neue Präsidentin in der Hand, eine Justizministerin zu bestimmen, die dem Megadeal skeptisch gegenübersteht und bereit ist, ihn zurückweisen. Der designierte Vizepräsident Tim Kaine legte die Messlatte bereits hoch: «Eine geringere Konzentration, insbesondere bei den Medien, ist willkommen.»

Die Skepsis gegenüber dem Monsterdeal ist mit dem letzten vergleichbaren Deal zu erklären. Die Behörden erlaubten 2011 dem Kabelnetzbetreiber Comcast den Kauf des Fernseh- und Filmkonzerns NBC/Universal. Dies allerdings nur unter einer Reihe von Bedingungen, um sicherzustellen, dass andere Anbieter nicht benachteiligt werden. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass diese Bedingungen zu komplex waren und nicht wirksam durchgesetzt werden konnten. Kleine Konkurrenten sahen sich benachteiligt.

Konsumentengruppen kritisieren, dass die Fusion nicht wie erwartet zu tieferen Preisen geführt und die Auswahl nicht vergrössert habe.

Michael Bloomberg etwa beklagte, dass Comcast den Bloomberg-Wirtschaftssender auf der Programmliste weit nach unten gerückt und den eigenen Wirtschaftssender CNBC bevorzugt habe. Konsumentengruppen kritisieren, dass die Fusion nicht wie erwartet zu tieferen Preisen geführt und die Auswahl nicht vergrössert habe. «Konsumenten profitieren nur dann, wenn Unternehmen gegeneinander antreten und Preise verhandeln müssen», macht Craig Aaron von der Konsumentenschutzorganisation Free Press geltend. Mit einer Fusion von AT & T und Time Warner werde der Wettbewerb noch einmal verringert.

Die Unsicherheit über den Ausgang der kartellrechtlichen Prüfung schlug auch an der Börse durch. Die Aktien von AT & T und Time Warner kamen gestern unter Druck und verloren rund zwei Prozent.

Murdoch abgewiesen

Die treibende Kraft des Vorhabens ist AT&T-Chef Randall Stephenson. Aus seiner Sicht ist ein Zusammenschluss zwischen zwei nicht im gleichen Markt tätigen Firmen – eine vertikale Integration – für die Konsumenten nicht problematisch: «Wir sind überzeugt, dass der Deal mit einigen Auflagen zustande kommen wird.» Allerdings wurde der Telecomkonzern bereits einmal gebremst, als er 2007 dem Mobil-Telecomanbieter T-Mobile kaufen wollte. Die Aufsichtsbehörden gingen sogar vor Gericht, um diese Integration von zwei direkten Konkurrenten zu stoppen. Seither versucht AT & T das zunehmend bedrohte Kern­geschäft mit Zukäufen im Kommunikationsmarkt aufzubessern.

Time Warner, das unter anderem die Fernsehsender CNN und HBO sowie die Warner-Filmstudios kontrolliert, ist seit langem ein attraktiver Übernahmekandi­dat. Vor zwei Jahren schon streckte der Medienkonzern der Murdoch-Familie, 21st Century Fox, die Finger nach Time Warner aus. Obwohl Rupert Murdoch einen höheren Preis zahlen wollte, als es AT & T heute tut, wurde seine Avance ­zurückgewiesen. Interesse an Time Warner hatte angeblich auch Apple, doch führten die Sondierungsgespräche dieses Frühjahr nicht zu einer Kaufofferte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2016, 09:15 Uhr

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