Ein Privatkonto bei der Nationalbank?

In einer Wirtschaft ohne Bargeld könnten die Notenbanken auch elektronisches Buchgeld schaffen. In Schweden ist das wohl bald Tatsache. Und in der Schweiz?

Welche Rolle spielt Bargeld in der Zukunft? Eine Frau beim Geldabheben. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Welche Rolle spielt Bargeld in der Zukunft? Eine Frau beim Geldabheben. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Hat Bargeld eine Zukunft? Und bereiten sich die Notenbanken bereits auf eine mögliche Wirtschaft ohne Bargeld vor? Vor allem der letzten Frage geht ein heute veröffentlichter Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – einer Institution der weltweiten Notenbanken – nach. Konkret geht es darum, ob Letztere künftig nicht mehr nur Noten schaffen und Reserven für Banken, sondern auch elektronisches Buchgeld.

Der Bericht zeigt das Ergebnis einer Umfrage unter den Notenbanken der Welt. 63 davon haben sich beteiligt, deren Geldpolitik damit laut BIZ knapp 80 Prozent der Weltbevölkerung betrifft. Aus der Schweiz war die Nationalbank mit dabei, doch der Bericht nennt keine auf Länder bezogenen Resultate der Umfrage.

Möglich wäre elektronisches Notenbankgeld grundsätzlich auf zwei Arten: Erstens, indem die Notenbanken nicht wie bisher nur Banken ein Konto einräumen, sondern auch der Allgemeinheit. In diesem Fall könnten die Leute Notenbankgeld wie ihre heutigen Bankguthaben elektronisch für Zahlungen verwenden. Das jeweilige Konto bei der Notenbank würde dann entsprechend belastet. Eine zweite Form könnte darin bestehen, dass Notenbanken eine Art Kryptogeld wie Bitcoin schaffen, das dann direkten Wert hat und nicht mehr auf Konten basiert.

SNB ist gegen Notenbank-Konten für Private

Laut der BIZ-Umfrage befassen sich 70 Prozent der befragten Notenbanken mit dem Thema, selbst elektronisches Bargeld zu emittieren. 31 Prozent davon untersuchen die Möglichkeit, solches elektronisches Geld der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, 13 Prozent denken nur an eine erweiterte Anwendung für Finanzinstitutionen. 56 Prozent der Notenbanken prüfen beide Verwendungsarten. Nur fünf sind aber zu Pilotprojekten übergegangen, um Anwendungen in der Praxis zu testen.

Als Hauptmotivation nennen die Befragten in erster Linie eine grössere Zahlungssicherheit und eine höhere Effizienz im inländischen Zahlungsverkehr. Für Notenbanken in Schwellenländern spielt diese Effizienz sogar die Hauptrolle, weil dort das Bankensystem oft weniger ausgebaut ist. An zweiter Stelle folgt dort aus dem gleichen Grund die finanzielle Inklusion. Das heisst, dass über elektronisches Notenbankgeld sehr viel mehr Leute überhaupt Zugang zu einem elektronischen Zahlungsverkehr haben würden.

Trotz dem bekundeten grossen Interesse am Thema sieht mit 85 Prozent der grösste Teil der Befragten die Wahrscheinlichkeit dennoch als gering oder sehr gering an, elektronisches Notenbankgeld in naher Frist (innerhalb der nächsten drei Jahre) auch einzuführen. Immerhin planen zwei Notenbanken in diesem Zeitraum Notenbankgeld für das breite Publikum. Damit sind vermutlich die Notenbank von Schweden und jene von Uruguay gemeint, die sich am weitesten auf solches Geld vorbereitet haben. Auch über einen längeren Zeitraum von bis zu sechs Jahren will die Mehrheit der Notenbanken aber kein solches Geld einführen.

Das gilt auch für die Schweiz, wie aus der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zu erfahren war. Ihr Präsident Thomas Jordan hat in einer Rede im letzten Jahr der Idee eine klare Abfuhr erteilt, nachdem sie aus Kreisen der Wirtschaftswissenschaften vorgeschlagen wurde – damals vor allem als Alternative zur Vollgeldinitiative. Wie Jordan ausführte, würden private Konten bei der Nationalbank die Geschäftsbanken konkurrenzieren. Und wenn es zu einer Krise kommt, bestünde deshalb die Gefahr, dass die Leute ihre Bankkonten räumen und ihr Geld zur Nationalbank verschieben, was das Finanzsystem noch zusätzlich gefährden würde. Diese und weitere Bedenken teilt man auch bei der BIZ, wie eine Studie der Institution aus dem letzten Jahr zeigt.

Kryptowährungen finden kaum Beachtung

Das grösste Hindernis für die Entwicklung von digitalem Notenbankgeld bietet sich überall dort, wo das bisherige Notenbankgeld – die Noten – noch immer eine grosse Rolle spielen. Das ist in der Schweiz der Fall, wo der Bargeldgebrauch auch in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Mit der Herausgabe der neuen Banknotenserie unterstreicht die SNB, dass sie für das Bargeld weiterhin eine Zukunft sieht.

In Ländern, wo die Verwendung von Bargeld dagegen stark schrumpft, ist die Einführung von elektronischem Notenbankgeld sehr weit oben auf der Agenda. Das betrifft vor allem Schweden und Uruguay. Nur auf diese beide Länder geht der BIZ-Bericht vertieft ein. Schweden plant eine E-Krone als Ergänzung zum noch vorhandenen Bargeld. Bereits ab dem Jahr 2017 hat Uruguay ein Pilotprogramm mit einem E-Peso durchgeführt und im April des vergangenen Jahres abgeschlossen. Das Programm galt als Erfolg. Vor weiteren Versuchen und einer definitiven Einführung will die Notenbank des Landes das Ergebnis des Versuchs bis in die Details auswerten.

Kein Grund für die Einführung von elektronischem Notenbankgeld sind für Notenbanken die bestehenden Kryptowährungen, die vor allem durch Bitcoin bekannt sind. Laut der BIZ-Umfrage erachten 58 Prozent der befragten Institute die Bedeutung dieser Geldarten für den inländischen Zahlungsverkehr als sehr gering bis bedeutungslos, weitere 28 Prozent antworteten, deren Gebrauch sei auf Nischengruppen beschränkt, und 14 Prozent haben keine Kenntnis darüber.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.01.2019, 19:19 Uhr

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