Ein unbelehrbarer Falke

Seit Jahren spielt Jeffrey Lacker innerhalb der US-Notenbank den einsamen Warner. Die ständigen Niederlagen scheinen ihn nur noch mehr anzuspornen.

Behält sich eine kritische Sichtweise auf die Geldpolitik der US-Notenbank vor: Jeffrey Lacker. Foto: Joshua Roberts (Bloomberg)

Behält sich eine kritische Sichtweise auf die Geldpolitik der US-Notenbank vor: Jeffrey Lacker. Foto: Joshua Roberts (Bloomberg)

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Wenn die US-Notenbanker heute das Ergebnis ihrer zweitletzten Sitzung des Jahres bekannt geben, sind zwei Resultate praktisch sicher. Die Gruppe um Janet Yellen wird die Leitzinsen erneut nicht anheben – und Jeffrey Lacker wird erneut anderer Meinung sein als die Mehrheit. Kein Mitglied des 17-köpfigen Zinsausschusses der Federal Reserve ist in den letzten zehn Jahren öfter in die Opposition gegangen als der Chef der Notenbank in Richmond. Seine Sorge: Die ultralockere Geldpolitik schafft über kurz oder lang eine Teuerungswelle, die zu stark ist, als dass die Notenbank dagegen ankommen könnte. Kritische und Janet Yellen nahestehende Ökonomen betrachten Lacker aber als uneinsichtig und zunehmend isoliert.

Lacker gehört seit 2004 der US-Notenbank an und vertritt als Chef der Filiale in Richmond die fünf rund um die Hauptstadt liegenden Bundesstaaten. Was den 60-jährigen gelernten Ökonomen mit seinen Kollegen im Süden und im Mittleren Westen der USA verbindet, ist die Skepsis gegenüber der Wirksamkeit der Geldpolitik und damit bis zu einem gewissen Grad auch der zentralen Steuerung der Wirtschaft.

So stemmte sich Lacker 2009 gegen das erste Kaufprogramm von 300 Milliarden Dollar, mit dem die Notenbank den kriselnden Wallstreet-Banken faule Kreditpapiere abnehmen wollte. Lacker begründete sein Nein mit dem Konzept des «too big to fail»: Die Wallstreet und die Regierung würden eine fatale Verbindung eingehen, die den Banken eine faktische Staatsgarantie gebe und sie immun gegen Strafverfolgungen mache. Diese Meinung wird inzwischen auch vom damaligen Chef von Lacker, Ben Bernanke, geteilt.

Für Zinserhöhungen gestimmt

Doch zieht Lacker aus seiner Kritik andere Schlüsse als die Mehrheit der Kollegen. Er suchte nicht den Konsens, wie es üblich ist, um nach aussen Einigkeit und Kohärenz zu zeigen. Er opponiert und etabliert sich als der «Superfalke» unter den von Yellen angeführten «Tauben» der Notenbank. So stimmte Lacker bereits 2006 viermal in Folge für eine weitere Zinserhöhung, obwohl die Notenbank zuvor den Zinssatz in nicht weniger als 17 Schritten auf 5,25 Prozent angehoben hatte.

2012 dann votierte er zum ersten Mal für den Ausstieg aus der Nullzinspolitik, da er die Wirtschaft bereits als stark genug sah. Kurz darauf verweigerte er sich einer weiteren Runde der quantitativen Zinssenkungen. Und im September fiel er erneut auf, weil er als erstes Mitglied der Notenbank in diesem Jahr für höhere Zinssätze stimmte. Die Begründung blieb sich immer gleich: Die US-Wirtschaft brauche keine tieferen Zinsen, sie habe sogar eine gefährliche Abhängigkeit von der lockeren Notenbank entwickelt. Mit einer Inflationswelle sei nun jederzeit zu rechnen, warnt Lacker seit langem, offensichtlich unbeeindruckt von den tiefen und sinkenden Teuerungsraten.

Die «gefährlichste Idee»

Die Notenbank-Filiale in Richmond hat eine lange Tradition der kritischen Sicht auf die Geldpolitik. Lacker ist insofern keine Ausnahme; auch die Vertreter anderer konservativer Regionen halten Dis­tanz zur Notenbank-Zentrale in Washington. Doch glauben kritische Beobachter, dass Lacker seine kritische Position überspielt und nicht mehr willens ist, sie der Realität anzupassen. «Es gibt keinen einzigen Fall, mit dem Lacker mit seiner abweichenden Stimme eine echte Einsicht in den aktuellen Zustand der Wirtschaft bewiesen hätte», kritisiert Brad DeLong, Wirtschaftsprofessor in Berkeley.

Das Ökonomen-Ehepaar Christina und David Romer sieht es ähnlich. In einem stark beachteten Paper warfen sie Lacker 2013 vor, mit seinem Dauerpessimismus punkto Geldpolitik «die gefährlichste Idee in der Geschichte der Federal Reserve überhaupt» zu vertreten. Sicherlich könnten die Notenbanker mit einem zu grossen Selbstvertrauen Schaden anrichten, schreiben Romers. Aber die von Lacker für sich beanspruchte «Zurückhaltung» habe in den letzten 100 Jahren mindestens ebenso viel Unheil gebracht. Und Wirtschafts­professor Allen Meltzer sagte der «New York Times», Lacker habe sich mit seiner unbelehrbaren Opposition isoliert und stehe nun «ausserhalb des Clubs».

Ruhe auf der Rennpiste

Lacker wirkt in seinem Auftreten ­jugendlich und locker. Sein Hobby sind schnelle Autos, sein Idol ist der finnische Rennfahrer Kimi Räikkönen. Er fährt einen Porsche Boxster, und ­ zwar rennmässig. Die Piste sei sicher, sagt er, da frage niemand nach den ­Leitzinsen. An der Sitzung dieser Woche wird er zum zweitletzten Mal dieses Jahr entscheiden können. 2016 dann verliert er turnusgemäss das Stimmrecht für ein Jahr.

So wie es aussieht, könnte Lacker im Dezember seine Zinsforderung doch noch erfüllt sehen. Die vorsichtige Frau Yellen hat seit dem Sommer angedeutet, dass sie einen ersten Zinsschritt vor Ende Jahr wagen möchte. Allerdings bleiben die Wirtschaftsnachrichten aus den USA zwiespältig; und die Sicht auf Europa und Asien macht einen Zinsentscheid nicht einfacher.

Ansteckende Ungewissheit

Entsprechend zersplittert erscheint die Notenbank. Von den 17 Mitgliedern dürften 6 abwarten wollen – und ebenfalls 6 die Position von Lacker stützen. In der Mitte sehen 4 Mitglieder. Von 3 neuen Mitgliedern ist nicht klar, wie sie befinden werden. Diese Ungewissheit ist ansteckend. Eine Umfrage des «Wall Street Journal» von führenden Ökonomen zeigt, dass ­64 Prozent von einer Zinserhöhung im Dezember ausgehen. Die Futures-Kontrakte allerdings spiegeln die Chance dafür bei nur 35 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 21:45 Uhr

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