Eine Wohnung anschauen, ohne in die Warteschlange zu stehen

Immobilienfirmen entdecken die Virtual Reality und vermarkten ihre Wohnungen mit digitalen Rundgängen.

Wohnungsbesichtigung mit 3-D-Brille: Die Mieter wollen mehr sehen als nur Bilder und Pläne. Foto: Doris Fanconi

Wohnungsbesichtigung mit 3-D-Brille: Die Mieter wollen mehr sehen als nur Bilder und Pläne. Foto: Doris Fanconi

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Die 3-D-Brille liegt schwer auf der Nase, es wird schnell heiss darunter. Im Sichtfeld ist eine neue Wohnung, mit Holz­decke, viel Weiss, modern eingerichtet. «Sie können auch Gegenstände aufheben und umplatzieren, mit dem linken Joystick», sagt eine scheinbar körperlose Stimme. Sie gehört Marcel Frick, einem durchaus realen Vermietungsmanager, der in der virtuellen, von der 3-D-Brille gezeigten Welt aber nicht existiert.

Frick steht neben seinen Kunden, wenn sie neue Wohnungen per Virtual Reality erkunden. Frei bewegen können sie sich dabei nicht, weil der Showroom, in dem die 3-D-Tour stattfindet, kleiner ist als die gezeigten Wohnungen. Darum müssen sie mit einem Joystick von Raum zu Raum hüpfen, sich beamen sozusagen. Das erschwert die Orientierung. Und auch die Auflösung ist noch nicht besonders scharf, aber die Wohnung ist detailgetreu nachgebildet: Von der Vorhangschiene bis zur Duschbrause lässt sich alles inspizieren.

(Quelle: Raumgleiter)

Für viele Kunden reicht das 3-D-Erlebnis offenbar aus, um einen Mietvertrag zu unterschreiben: 45 der 256 neuen Wohnungen, die auf dem riesigen Areal neben dem Showroom in Winterthur gerade gebaut werden, sind bereits vergeben.

Wachsende Konkurrenz unter Vermietern

Es ist schon das zweite interaktive Virtual-Reality-Projekt, das Marcel Frick von der Immobiliendienstleisterin Privera durchführt. In Lausen im Kanton Basel-Landschaft bewirbt die Firma seit März auf diese Weise die 106 Wohnungen einer Neubausiedlung. Knapp einen Monat vor dem Bezugstermin ist laut Frick etwa die Hälfte der Objekte vergeben. «Bis Ende Jahr sollte der grösste Teil der Wohnungen besetzt sein.»

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Die Showrooms dienen laut Frick dem Zweck, die Vermietung zu beschleunigen. «Früher begnügten sich die Kunden mit Plänen und Bildern. Das reicht ihnen heute oft nicht mehr.» Wer das Angebot virtuell besichtigen könne, tue sich leichter damit, einen Vertrag ­abzuschliessen. Das sei gerade für nicht sehr zentrale Orte wie beispielsweise Lausen besonders wichtig. «Die Gemeinde hat rund 5000 Einwohner. Wer dort 100 neue Wohnungen vermieten will, muss mehr Aufwand betreiben als in Zürich-City.»

Testen Sie hier die virtuelle Wohnungsbesichtigung.

Das liegt auch an der ständig wachsenden Konkurrenz unter Vermietern. Laut einer Studie der Grossbank UBS lag die Quote leer stehender Mietwohnungen 2016 bei rund 2 Prozent – also doppelt so hoch wie beim Tiefststand 2009.

50'000 Wohnungen pro Jahr

In jeder vierten Gemeinde stehen derzeit mehr als 5 Prozent der Mietwohnungen leer. Vor drei Jahren war die Quote erst in jeder sechsten Gemeinde so hoch. Das Überangebot entstand, weil einerseits die Bevölkerung nicht mehr so stark wächst. Andererseits wurden in der Schweiz seit 2011 jährlich mehr als 50 000 neue Wohnungen gebaut. Es dürfte also kein Zufall sein, dass gerade jetzt neue Vermarktungsinstrumente populär werden.

Privera nutzt die neuen Technologien nicht nur, um Neubauten zu vermarkten. Die Firma hofft auch auf mehr Effizienz beim Vermieten von bestehenden Wohnungen. «Unsere Mitarbeiter müssen teilweise von weit her anreisen, um Interessenten durch eine Wohnung zu führen. Oft merken diese dann schon nach wenigen Minuten, dass ihnen das Objekt nicht gefällt», sagt Frick. Je besser sich eine Wohnung digital präsentieren lasse – zum Beispiel über 360-Grad-Touren oder Skype-Konferenzen –, desto eher könnten solche Leerläufe vermieden werden.

«Der Geruch im Treppenhaus, die Geräusche, die in der Wohnung zu hören sind. Solche Dinge lassen sich nur vor Ort erfahren – vorerst.»Marcel Frick, Vermietungsmanager Privera

360-Grad-Bilder werden seit kurzem auch von grossen Onlineportalen wie Immoscout24 oder Homegate (das wie der TA zu Tamedia gehört) angeboten. Die Kunden könnten sich mit 3-D-Brillen oder sogenannten Smartphone-Card­boards schon im Vorfeld einen realitätsnahen Eindruck verschaffen, sagt eine Immoscout24-Sprecherin. «Das macht die Wohnungsvermittlung effizienter, schneller, und die Zahl an Wohnungsbesichtigungen kann reduziert werden.»

Grosse Anbieter steigen ein

Die virtuellen Besichtigungen können die realen laut einer Homegate-Sprecherin in vielen Fällen schon ersetzen. Aber nicht in allen, sagt Marcel Frick. «Der Geruch im Treppenhaus, die Geräusche, die in der Wohnung zu hören sind. Solche Dinge lassen sich nur vor Ort erfahren – vorerst.»

Die Technologie für die Showrooms in Lausen und Winterthur stammt von Raumgleiter, einem Zürcher Architekturvisualisierungsbüro, das sich auf 3-D-Dienstleistungen spezialisiert hat. Es hat laut Geschäftsführer Martin Meier schon für fast ein Dutzend Firmen ähnliche Modelle entworfen.

Warteschlangen bald passé?

Die angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt beschleunige die Entwicklung, sagt Meier. «Je verständlicher ein Vermieter seine Wohnungen machen kann, desto schneller und zu besseren Preisen lassen sie sich verkaufen.» Der Aufwand, der betrieben werden müsse, sei im Vergleich dazu klein. «Mit geeigneten Aufnahmen und einer 3-D-Brille können wir alle Wohnungen detail­getreu nachbilden.»

Wer in der Stadt wohnt und weiss, wie anstrengend die Wohnungssuche sein kann, dürfte aufhorchen: Sind Warteschlangen bei Besichtigungen mit Hunderten Interessierten, die bis aufs Trottoir hinaus und die Strasse hinunter anstehen, bald passé? «Das muss unser Ziel sein», sagt Meier. «Bis es so weit ist, dürften aber noch einige Jahre vergehen.» Dafür müsse die 3-D-Technologie erst zu einem festen Bestandteil unseres Alltags werden.

Video: Mit Virtual Reality auf den Mount Everest

Der höchste Berg der Welt kann nun von zu Hause aus erklommen werden. (Tamedia/Solfar Studio)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 21:39 Uhr

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