«Eine achtseitige, sexistische Abhandlung»

Frauen und Tech, das passe nicht zusammen, schrieb ein Google-Mitarbeiter. Jetzt bekam er die Quittung.

Sexismus im Silicon Valley: Das Dokument hat sich rasend schnell verbreitet.

Sexismus im Silicon Valley: Das Dokument hat sich rasend schnell verbreitet. Bild: Jeff Chiu/Keystone

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Das antifeministische Manifest hat mehr als 3300 Wörter und füllt fast zehn Seiten. Ein Google-Programmierer (männlich, weiss) hat es verfasst, und es klingt, als ärgere er sich schon lange darüber, dass Leute wie er gezwungen werden, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht männlich und nicht weiss sind.

Sein Argument grob zusammengefasst: Frauen können es einfach nicht. Allerdings sei das nicht ihre Schuld, sondern die ihrer Gene. Frauen hätten schlicht andere Talente als Technik. «Die Verteilung von Vorlieben und Fähigkeiten zwischen Männern und Frauen unterscheidet sich auch aus biologischen Gründen, und diese Unterschiede könnten erklären, warum wir keine gleiche Vertretung von Frauen in Tech-Führungsrollen haben», schrieb der Google-Mitarbeiter in einem internen Memo. Die Bemühungen um mehr Frauen und Minderheiten als Mitarbeiter seien diskriminierend für weisse Männer, Political Correctness schade dem Suchmaschinenkonzern.

Entlassen: Der Google-Mitarbeiter bekommt die Quittung für seine Texte. (Video: Tamedia/Reuters)

Diese Meinung teilt sein Chef, Google-CEO Sundar Pichai, allerdings nicht. Kollegen zu unterstellen, dass sie aufgrund genetischer oder biologischer Merkmale weniger geeignet seien, für den Konzern zu arbeiten, sei «beleidigend und nicht okay», schreibt er in einem internen Memo an die Kollegen.

Pichais Antwort wurde vertwittert:

Der Entwickler teilte unterdessen mit, er sei gefeuert worden. Google selbst hat sich dazu bislang nicht geäussert.

Ganz viele bei Google denken wie er

Das Manifest hatte sich rapide verbreitet, erst im Google-Konzern, dann per E-Mail im Silicon Valley, dann per Internet in der Welt. Die einen schicken es weiter, weil sie glauben, dass er insgesamt recht hat. Die anderen, weil sie befürchten, dass er in einem Punkt recht hat: Ganz viele bei Google, womöglich in der ganzen IT-Branche, denken wie er, trauen sich aber nicht, es auszusprechen. Er habe sehr viel Anerkennung dafür erhalten, die Sache ans Licht zu bringen, schrieb der Programmierer. Googles «linksgerichtete» Firmenpolitik führe zu einer «Monokultur», welche die freie Meinungsäusserung von Leuten wie ihm unterdrücke. Medien zufolge erntet er in einer Google-internen Diskussions-App Lob für seinen Mut – und Kritik für Sexismus und erfundene Theorien über biologisch bedingte Begabungen der Geschlechter.

«Enttäuscht, aber nicht überrascht» sei sie, schrieb die frühere Google-Programmiererin Erica Baker in einem Blog. «Das ist kein ganz neues Verhalten. Neu ist nur, dass dieser Mitarbeiter sich sicher genug fühlte, um eine achtseitige, sexistische Abhandlung zu schreiben und intern zu verbreiten.» Das Manifest passt in die Zeit. In den USA debattiert man über Diskriminierung - nicht von Minderheiten, sondern der Mehrheit. Laut Umfragen halten sich Donald Trumps weisse Wähler für die unterdrückteste Gruppe. Das Justizministerium will die «Weissen-Diskriminierung» etwa bei der Universitäts-Aufnahme untersuchen und unterbinden.

Video: Ivanka Trump, Angela Merkel und Christine Lagarde machen sich für die Sache der Frau stark

Gemeinsames Votum am Frauengipfel im April in Berlin.

Belege, dass weisse Männer es bei Google schwer haben, gibt es jedenfalls nicht, im Gegenteil. Das US-Arbeitsministerium wirft dem Konzern vor, Frauen für dieselbe Arbeit weniger Gehalt zu zahlen. Google bestreitet das. In einem neuen Bericht gibt der Konzern an, dass nur 31 Prozent Mitarbeiter Frauen sind. 56 Prozent sind weiss, weltweit, nur zwei Prozent schwarz. Nur ein Viertel der Führungsposten und ein Fünftel aller Technik-Jobs sind mit Frauen besetzt. Seit Jahren ist das kaum verändert. Um für mehr Vielfalt zu sorgen, hat der Konzern eine neue Kulturchefin engagiert. Danielle Browns erste Tat war, auf das Manifest zu antworten: «Es verbreitet inkorrekte Vermutungen über Geschlechter», schrieb sie. «Vielfalt und Inklusion sind wesentlicher Teil unserer Werte.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 08.08.2017, 11:08 Uhr

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