Erst ja, dann ahh? Die Amnesty-Kampagne zielt daneben

Für Sex brauche es die Zustimmung der Beteiligten: Die Plakate stellen die Bevölkerung unter Generalverdacht.

Wie ein Softporno: So will Amnesty darauf hinweisen, dass beim Sex alle Beteiligten zustimmen müssen. Foto: Amnesty International

Wie ein Softporno: So will Amnesty darauf hinweisen, dass beim Sex alle Beteiligten zustimmen müssen. Foto: Amnesty International

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Stellen Sie sich vor, Sie werden mit jemandem intim. Tun Sie das einfach so, ohne Einwilligung des Gegenübers? Falls ja, so legen Sie die ­Zeitung jetzt bitte weg und stellen Sie sich der Polizei. Denn Sex braucht die Zustimmung aller Beteiligten. Implizit oder explizit, aber unmissverständlich. Alles andere ist Vergewaltigung und gehört bestraft.

Das wissen alle, sogar Vergewaltiger. Dennoch weist uns Amnesty mit einer Kampagne auf diese Grundregel des menschlichen Zusammenlebens hin. Plakate und Videoclips zeigen sexuell erregte Gesichter und die Botschaft «erst ja, dann ahh». Ist das sinnvoll?

Nein. Man muss die Menschen nicht an Werte erinnern, die sie nie aufge­geben haben. Und man sollte es auch nicht. Denn mit der Unterstellung, grosse Teile der Bevölkerung hätten ihren Anstand verloren, brüskiert man die Menschen. Und man verängstigt sie, denn es wird der Eindruck ver­mittelt, dass für viele Sex ohne ­Zustimmung des Partners normal sei.

Statt Sensibilisierung entsteht Sensibilität

Amnesty sagt, man wolle auf ­sexuelle Gewalt aufmerksam machen, insbesondere die Jungen. Doch die holt man so nicht ab. Im Gegenteil: Die einen dürften sich vor den Kopf gestossen fühlen. Den anderen vermittelt man ein verqueres Menschenbild, über das sie sich dann empören können. Anstatt Sensibilisierung entsteht Sensibilität – für die verquere Botschaft, alles Verhalten sei angelernt. Im schlimmsten Fall gelangen Jugendliche zur Ansicht, sie dürften alles tun, solange es nicht mit Plakaten geregelt wird.

Welche Ironie, dass sich ausgerechnet eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe des Softporno-Formats bedient.

Ja, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind eine traurige Realität, und unser Sexualstrafrecht verträgt ein Update. Aber deswegen die ­Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen, ist verfehlt. Die mitschwingende Botschaft ist: «Ihr seid Grüsel, und wir sagen euch jetzt, was sich gehört.» Das kommt nicht gut an. Und Vergewaltiger werden sich dadurch nicht zur Vernunft bringen lassen.

Welche Ironie, dass sich ausgerechnet eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe des Softporno-Formats bedient. Das ist nicht nur unpassend, sondern wirkungslos. Denn bei Werbung mit Sexszenen kommt es zum Vampir-Effekt: Es wird Aufmerksamkeit erzeugt – aber für Sex, nicht für das Beworbene. Amnesty sagt, man habe positiv und lustvoll kommunizieren wollen, ohne Schockbotschaften. Das ist ehrenvoll, schlägt aber fehl.

Der gesellschaftliche Frieden nimmt Schaden

Die Kampagne suggeriert, der Mensch sei von Natur aus böse. Aber der Mensch kommt eben nicht als weisses Blatt zur Welt, barbarisch und brutal. Er wird nicht erst durch Erziehung gebändigt. Der Umgang mit seines­gleichen ist ihm angeboren wie ­anderen Säugetieren. Die Details werden durch Lernerfahrungen im Sandkasten, im Spiel, im Umgang miteinander feiner herausgearbeitet. Vergewaltigung aber ist kein Detail. Daran braucht man uns nicht zu erinnern.

Es wird der Eindruck ver­mittelt, dass für viele Sex ohne Zustimmung des Partners normal sei.

Ist es denn nicht so, dass sich ­Ver­gewaltigung für Männer, die von der Fortpflanzung ausgeschlossen waren, in der Geschichte als egoistische Notlösung erhalten haben könnte? Oder dass sich Vergewaltigung für Männer aus evolutionärer Perspektive grundsätzlich auszahlt, damit sie ihre Gene möglichst breit weitergeben können? Mitnichten, denn die Vergewaltiger unter unseren Vorfahren wurden getötet oder ausgeschlossen – und konnten sich nicht fortpflanzen. Das hat Spuren in unseren Genen hinterlassen.

Kein Zweifel, Amnesty hat es gut gemeint. Aber wer sich im Stil von Sozialingenieuren an die Bevölkerung richtet, um deren Verhalten zu ver­ändern, lädt Verantwortung auf sich – zu viel in diesem Fall. «Kritik an uns ist immer erwünscht», sagt ihr Sprecher. «Wir planen, die Wirkung der Kampagne zu überprüfen und daraus zu lernen.» Das ist gut. Noch besser wäre es, Amnesty würde die soziale Sprengkraft ihrer Kampagnen künftig vorher prüfen, nicht nachher. Die Machart und die Intensität der Kampagne zeigen, dass Amnesty keine Kosten gescheut hat. Leider geht dies auf Kosten des gesellschaftlichen Friedens, der Schaden nimmt.

Erstellt: 01.09.2019, 19:46 Uhr

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