«Es gibt nur eine reale Angst, die Angst vor dem Tod»

Multimilliardär Ernesto Bertarelli rät Start-up-Unternehmern, mittelmässige Ideen rasch fallen zu lassen.

Ernesto Bertarelli: «Das Verbreiten von falschen Tatsachen ist einfach geworden.»<br />Foto: Georges Cabrera

Ernesto Bertarelli: «Das Verbreiten von falschen Tatsachen ist einfach geworden.»
Foto: Georges Cabrera

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Herr Bertarelli, wir sind im Campus Biotech, dem ehemaligen Sitz ihres Pharmaunternehmens Serono. Sie verkauften Firma und Gebäude 2006 dem Pharmakonzern Merck. 2012 kauften sie das Gebäude zurück. Was war Ihr Antrieb?
Die Ideen. Mich fasziniert, dass wir in diesem Gebäude Ideen zirkulieren lassen und Fortschritte erzielen können. Was hier passiert, reicht weit über die Mauern hinaus. Dieses Gebäude steht für den offenen Geist einer ganzen Stadt und Region, der Universitäten, der Spitäler und der Besucher mit vielfältigsten Interessen.

Als das Stimmvolk Ja zur Masseneinwanderungsinitiative sagte, zeigte das Land aber ein anderes Gesicht.
Tatsächlich umgibt uns eine Unsicherheit. Als ich hier vor 25 Jahren als Unternehmer begann, gab es viel weniger Unsicherheit. Die Gesellschaft war stabiler. Es gab klare Hierarchien zwischen der Gesellschaft und Institutionen, aber auch den Generationen. Mit der Geschwindigkeit, mit der heute alles vor sich geht, ändern sich unsere Werte. Werte haben an Bedeutung verloren.

Wie meinen Sie das?
Wir sind ganz auf unsere Freiheit ausgerichtet, aber haben vergessen, dass wir auch eine Verantwortung haben. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, auf eine kulturelle und religiöse Identität, auf den Respekt vor Sitten und dem Gesetz. Der Wertezerfall macht den ­Leuten Angst. Zum Glück leben wir in der Schweiz aber nach wie vor in einer transparenteren und gesünderen Welt als anderswo.

Spielen Sie auf Donald Trump an?
Die USA durchlaufen eine Periode grosser Konfusion. Aber der Präsident ist nicht die USA. Die Ost- und Westküste sind von einer grossen Toleranz geprägt. Weniger das Zentrum des Landes. Aber das ist auf der ganzen Welt so.

Warum sind Küstenorte offener?
Ich bin ein Mensch des Ozeans. Ich liebe das Wasser. Das Meer ist ein Ort, um Dinge zu transportieren und auszutauschen. In der Schweiz haben wir Seen, Flüsse, sind im Zentrum Europas. Europäer ziehen durch unser Land, um von Italien nach Deutschland zu gelangen oder von Frankreich nach Österreich. Die Gesellschaften, die dem ausgesetzt sind, sind per Definition viel offener.

«Die Schweiz ist ein Land, das negative Gefühle sehr offen diskutiert und darum ein klares Bewusstsein hat.»

Aber genau die Lage im Zentrum Europas weckt Ängste in der Schweiz: vor Grenzgängern, Migranten, dem Identitätsverlust und wirtschaftlicher Konkurrenz.
Die Angst limitiert immer. Sie blockiert. Das ist die Natur des Menschen. Er ängstigt sich vor vielem. Aber viele Ängste sind gar nicht reell. Hier im Campus Biotech gibt es eine Abteilung, die genau dies erforscht: unser Bewusstsein. Ich glaube, die einzige reale Angst ist die Angst vor dem Tod. Die Furcht verlassen oder nicht akzeptiert zu werden, ist keine Angst, sondern Beklommenheit. Die Schweiz ist ein Land, das negative Gefühle sehr offen diskutiert und darum ein klares Bewusstsein hat.

Und darum Populisten wie Trump kritisiert, weil sie Ängste wecken, um an die Macht zu kommen?
Man muss akzeptieren, dass Donald Trump amerikanischer Präsident ist. Es gibt Leute, die das immer noch nicht tun. Wir müssen uns anpassen und mit Trump fertigwerden. Über Trump zu urteilen, ist auch gefährlich. Es ist vielleicht langfristig gar nicht so schlecht, wenn wir wegen Trump über unsere Werte nachdenken.

Auch wenn er genau jene Werte zerstört, die Ihnen wichtig sind.
Mit allen protektionistischen Entscheiden hat er sich bislang in den eigenen Fuss geschossen. Die Entscheide waren vor allem schlecht für die USA. Glauben Sie mir, die Amerikaner sind nicht verrückt. Ich glaube, man sollte nicht allzu beunruhigt sein. Die Dinge werden sich wieder ausgleichen.

Hält Trump Sie von Investitionen in den USA ab?
Überhaupt nicht. Genau darum geht es: Keine Angst zu haben, selbst wenn er mit Ängsten spielt. Bislang hat er keine fundamentalen Dinge geändert. Seine Druckversuche auf Google, Apple und Facebook wirkten nicht. Glücklicherweise waren keine Angestellten meiner Firmen von seinen Einreisebestimmungen betroffen. Aber auch hier: Es war gut, dass Trump das gemacht hat. Die Gerichte haben seine Dekrete gestoppt.

Dass Populisten an die Macht kommen und Grossbritannien aus der EU austritt, hängt auch damit zusammen, dass man den Eliten misstraut. Sie sind ein Vertreter der Eliten. Sehen Sie das Problem?
Ich bin mir dessen bewusst. Wir müssen in unseren Ideen und Absichten aufrichtig sein. Wir müssen unsere politischen Führer verstehen und unterstützen und sollten nicht immer das Haar in der Suppe suchen. Sonst interessieren sich gute Leute nicht mehr für die Arbeit zugunsten der Allgemeinheit. Der Biotech Campus ist ein gutes Beispiel. Ohne die Politik gäbe es ihn nicht. Wir haben sehr viel über die Rechtspopulisten wie Trump gesprochen, aber wenn ich die Reden von französischen Linken anhöre, tun sie genau dasselbe. Sie verbreiten falsche Fakten und wecken Ängste. Das Verbreiten von falschen Tatsachen ist einfach geworden.

Wollen Sie als Unternehmer in der Politik nicht mitreden?
Nein. Das ist nicht meine Berufung. Ich habe Kontakte zu Politikern, um ihnen meine Ideen zu präsentieren, wie im Fall des Biotech Campus. Das reicht.

Was soll aus dem Campus werden?
Idealerweise sollen an diesem Ort Medikamente und neue Therapieformen erfunden werden, Firmen und Arbeitsplätze entstehen, und ich hoffe, dass auch Nobelpreise dazu kommen.

Noch fehlen die Pharmariesen Roche und Novartis auf dem Campus. Und vielleicht wäre es auch interessant, Nestlé hier zu haben, weil sich Nestlé immer stärker auf gesundheitsfördernde Nahrungsmittel spezialisiert.
Es gibt Kollaborationen, aber es ist noch zu früh, die grossen Pharmakonzerne hier zu haben. Im Moment prägen die Universitäten die Landschaft auf dem Campus. Aber er ist voll ausgelastet. Es gibt vielversprechende Forschungs­projekte. Wir sind auf einem guten Weg. Es gibt ein reges Interesse am Campus. Politiker und Diplomaten besuchen den Ort und immer wieder Hochschul­rektoren aus aller Welt.

Der zurückgetretene EPFL-Präsident Patrick Aebischer sprach gerne vom Health Valley. Ist das bloss Marketing?
Den Begriff gibt es seit 30 Jahren. Schon mein Vater sprach davon. Von Zeit zu Zeit zählt man auch Basel zum Valley. Wir haben viele Biotechfirmen hier, gute Hochschulen und auch den Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der in die Gesundheitsforschung investiert. Ich glaube, das Health Valley ist eine Realität.

«Ich fühle mich als Schweizer, weniger als Genfer, Waadtländer oder Berner. Meine Werte und meine Wurzeln sind europäisch.»

Sie und Nestlé scheinen immer mehr Konkurrenten zu werden. Im Silicon Valley investieren Sie in das Start-up-Unternehmen Before Brands, das Baby-Nahrungsmittel zum Schutz des menschlichen Immunsystems entwickelt. Auch Nestlé sucht die Kombination von Life-Science und Nahrungsmitteln.
Sie übertreiben. Ich sehe da keine Konkurrenz. Wenn ich Tennis spielte, wäre ich ja auch nicht plötzlich ein Konkurrent von Roger Federer. Before Brands versucht, den Körper von Kleinkindern zu immunisieren und gegen Allergien zu schützen. Aber nicht, in dem wir Babys ernähren, sondern Nahrungsmittel mit immunisierenden Zusätzen kombinieren. In Life-Science und der Bekämpfung von Allergien kennen wir uns aus. Aber wir werden nicht in die Nahrungsmittelindustrie vordringen.

Sie sind in Boston und im Silicon Valley tätig, leben je ein halbes Jahr in der Waadt und im Kanton Bern, sind in Italien aufgewachsen, haben in den USA studiert. Als was fühlen Sie sich eigentlich?
Ich fühle mich als Schweizer, weniger als Genfer, Waadtländer oder Berner. Meine Werte und meine Wurzeln sind europäisch. Meine Ausbildung und wie ich Firmen führe und entwickle sind amerikanisch geprägt. Ich finde die Dynamik in Regionen wie Boston und San Francisco nach wie vor absolut faszinierend, weil alles so anders ist als hierzulande.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir das Beispiel eines Schweizer und eines amerikanischen Start-ups. Das Schweizer Start-up unternimmt alles, um seine Innovation zum Erfolg zu bringen.

Was logisch ist und auch Sie als Investor beruhigen sollte.
Ein amerikanisches Start-up hingegen unternimmt alles, um zu wissen, ob seine Innovation überhaupt Erfolg hat. Das ist ein grosser Unterschied. Wenn Sie ein Kind haben, können Sie es von morgens bis abends beschützen. Aber wenn das Kind erwachsen ist, hat es vielleicht Allergien. Es gibt aber auch die Möglichkeit, es in den Sandkasten zu schicken und es dort allen möglichen Bakterien auszusetzen. Schweizer Start-up-Unternehmer sind sehr protektionistisch. Ich glaube, Sie müssten brutaler sein mit ihren Innovationen. Was wenig Erfolg versprechend ist, sollte man sein lassen und nach neuen Ideen suchen. Es gibt nicht genügend Kapital, um mittelmässige Ideen zu verwirklichen.

Aber dass Start-up-Unternehmer hierzulande alles tun, um ihre Innovation zum Erfolg zu bringen, ist doch nachvollziehbar. In den USA sind Niederlagen einfacher zu verkraften.
Alle Unternehmer fürchten sich vor dem Scheitern, auch die Amerikaner. Aber die Realität ist, dass das Scheitern oft zum Erfolg führt. Wenn man rascher scheitert, hat man mit einer neuen Idee vielleicht rascher Erfolg. Das müssen auch die Investoren akzeptieren. Wenn sie Geld in ein Biotech-Start-up investieren und auf einen hohen Gewinn hoffen, dann müssen sie das Risiko eines Scheiterns einkalkulieren. Das ist das Geschäft mit dem Risikokapital. Eine In­vestition ist eine Ehe zwischen Kapital und Risiko.

Für Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sind Investitionen in Biotech-Firmen eine Art Lotterie. Man muss viel Geld haben und breit investieren, um Erfolg zu haben.
So ist es. Man muss sich Karten kaufen, die Karten ausspielen und Risiken eingehen. Aber das ist nicht unbedingt eine Lotterie. Die Lotterie ist nur Glück. Die Analogie mit Roulette ist vielleicht treffender. Man muss auf verschiedene Nummern setzen. Fällt die Kugel auf eine der Nummern, bekommt man ein Mehrfaches des Einsatzes ausbezahlt und das Risiko zahlt sich aus.

Erstellt: 07.04.2017, 23:30 Uhr

Ernesto Bertarelli

Unternehmer und Investor

Ernesto Bertarelli (51) übernahm 1996 das Familienunternehmen Serono von seinem Vater Fabio. Bertarelli, lange Zeit das «Enfant terrible» der Familie, bewies in der Folge grosses unternehmerisches Geschick. 2006 verkaufte er den Mehrheitsanteil der Familie für über 12 Milliarden Franken dem deutschen Pharmakonzern Merck. Als Merck 2012 den Firmensitz in Genf schloss, kaufte Bertarelli mit dem Milliardär Hansjörg Wyss den Firmensitz zurück und stellte ihn als Biotech-Campus der Forschung zur Verfügung. Bertarelli lebt mit seiner Frau Kirsty und seinen drei Kindern in der Waadt und im Berner Oberland. Der erfolgreiche Segler, der mit dem Team Alinghi zweimal den America’s Cup gewann, ist Unternehmer und Investor. Zwischen 2002 und 2009 sass er im Verwaltungsrat der UBS. Am Donnerstag verlieh ihm die schweizerisch-ameri­kanische Handelskammer für seine Verdienste als Unternehmer, Sportler und Philanthrop in Genf den Gallatin-Award. (phr)

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