Firmen wollen ein letztes Mal vom Steuertrick profitieren

Die Steuerreform hat paradoxe Auswirkungen: Unternehmen reizen ein Schlupfloch aus, das Ende Jahr eingeschränkt wird.

Jeder Fall muss individuell beurteilt werden, denn jeder Kanton setzt die Reform anders um: Sitz von Ernst & Young in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Jeder Fall muss individuell beurteilt werden, denn jeder Kanton setzt die Reform anders um: Sitz von Ernst & Young in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

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Er habe leider wirklich keine Zeit für ein Gespräch, ruft der Steuerberater einer grossen Zürcher Kanzlei ins Telefon. «Wir stehen aktuell alle um 4 Uhr morgens auf und arbeiten bis in den Abend.» Er schiebt noch ein «Sorry!» nach. Dann legt er auf.

Die Schweizer Beraterbranche erlebt intensive Zeiten. Der Grund: In gut fünf Wochen, am 1. Januar 2020, tritt die Steuerreform in Kraft, die das Volk im Mai angenommen hat. Für viele Unternehmen bedeutet dies eine massive Umstellung. Die kantonalen Gewinnsteuersätze sinken. Alte Privilegien fallen weg. Je nach Firmendomizil stehen unterschiedliche neue Steuerinstrumente zur Verfügung. Wer sie schlau nutzt, kann ab dem neuen Jahr sehr viel Geld sparen.

Aber optimiert werden muss nicht nur die fiskalische Zukunft, sondern auch die Gegenwart. Mit der Unternehmenssteuerreform hat die Politik entschieden, verschiedene umstrittene Möglichkeiten zum Steuersparen zu beseitigen. Oder mit anderen Worten: Steuerschlupflöcher zu schliessen. Auch das setzt die Wirtschaft unter Druck. Wer noch ein letztes Mal richtig profitieren will, hat nur noch bis zum 31. Dezember Zeit. Rasches Handeln ist jetzt gefragt.

Mit dem Jahreswechsel wird zum Beispiel die steuerfreie Ausschüttung von Dividenden eingeschränkt, die der ehemalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz mit der Unternehmenssteuerreform II eingeführt hat. Bislang besteuert der Bund bei Grossaktionären nur 60 Prozent der ausgeschütteten Dividenden. Ab Januar sind es 70 Prozent. Zusätzlich werden diese Abgaben auch in vielen Kantonen erhöht, teils noch viel stärker als bei der Bundessteuer.

Die Wirkung ist beträchtlich: Bei einer Dividendenausschüttung von einer Million Franken kann die effektive Steuerersparnis rasch mehrere Zehntausend Franken betragen. Da lohnt es sich, den Steuerberater zu konsultieren.

«Streng, aber spannend»

Davon kann zum Beispiel Stefan Piller erzählen. Der Partner und Leiter Pri-vate Clients bei der Treuhand- und Beratungsgesellschaft BDO steht derzeit in besonders engem Kontakt mit seinen Kunden, vor allem KMU und Familienunternehmen. «Wir haben es streng», sagt Piller, «aber es ist spannend.»

Pillers Eindruck aus der Praxis ist eindeutig: «Ja, es gibt eine klare Tendenz, dass jetzt noch eine Dividendenausschüttung geprüft wird.» Viele KMU hätten Reserven aufgespart. «Für sie kann es sich lohnen, diese jetzt noch aufzulösen», sagt Piller. Allerdings komme es jeweils sehr stark auf die individuelle Situation an. «Jeder Kanton setzt die Reform anders um. Deshalb gibt es kein Allgemeinrezept. Wir müssen bei jeder Firma und jedem Aktionär genau hinschauen.» Neben steuerlichen müssten dabei auch juristische und sozialversicherungsrechtliche Fragen berücksichtigt werden.

Piller empfiehlt Unternehmern, die sich bisher nicht mit der Steuerreform auseinandergesetzt haben, rasch über die Bücher zu gehen, vor allem in Bezug auf eine mögliche Dividendenausschüttung. «Es ist jetzt wirklich Last Call», sagt er.

Wie intensiv Firmen versuchen, noch von den günstigen Konditionen zu profitieren, zeigt auch ein Blick in die Kasse des Bundes. Ein guter Indikator dafür, wie üppig Dividenden ausgeschüttet werden, sind die Einnahmen der Verrechnungssteuer. Hier verzeichnete der Bund seit Anfang Jahr einen wahren Geldregen. Ende September lag der Saldo bei 16,6 Milliarden Franken. Das sind 2,8 Milliarden Franken – oder 20 Prozent – mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Dies geht aus einer Informationsnotiz an die Finanzpolitiker im Parlament hervor.

Ärger und Verständnis in der Politik

Zwar sind Zwischenergebnisse bei diesem Einnahmeposten des Bundes mit Vorsicht zu geniessen, bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) vermutet man aber einen Zusammenhang mit der Steuerreform.

«Es gibt Anzeichen dafür, dass ein Teil dieser Mehreinnahmen darauf zurückzuführen ist, dass die Unternehmen vor der Steuerreform noch Dividenden ausschütten», sagt ESTV-Ökonom Alowin Moes. «Für qualifizierende Aktionäre ist es eine letzte Möglichkeit, überschüssiges Kapital steuergünstig auszuschütten.»

Unternehmen, die an einer Schweizer Börse kotiert sind, haben bis Ende Jahr eine weitere Möglichkeit, Steuern zu optimieren. Davon erzählt Olivier Eichenberger, Director der Abteilung Unternehmenssteuern bei KPMG. «Sogenannte Kapitaleinlagereserven können noch bis Ende Jahr in Aktienkapital umgewandelt und dann nächstes Jahr steuerfrei ausbezahlt werden», sagt er. Verschiedene Schweizer Gesellschaften hätten diese Umstellung auch antizipiert. «Diese zeitlich beschränkte Lücke hat der Gesetzgeber aber bewusst in Kauf genommen», so Eichenberger.

«Das ist unschön. Aber leider hat man bei Reformen oft solche Effekte.»Anita Fetz, SP-Ständerätin

Dass Firmen und Grossaktionäre nochmals aus dem Vollen schöpfen, obwohl die Politik entschieden hat, diese Steuertricks abzuschaffen, löst im Bundeshaus unterschiedliche Reaktionen aus. SP-Ständerätin Anita Fetz, die gegen Steuerrabatte bei der Dividendenbesteuerung gekämpft hat, ärgert sich: «Das ist unschön. Aber leider hat man bei Reformen oft solche Effekte.» Nur durch eine rückwirkende Inkraftsetzung liesse sich solches Verhalten verhindern, so Fetz. «Das aber verletzt das Gebot der Rechtssicherheit.»

Ganz anders sieht dies Erich Ettlin. «Selbstverständlich reagieren Firmen und Aktionäre auf eine solche Reform», sagt der CVP-Ständerat und Steuerexperte. «Wenn es innerhalb des Gesetzes die Möglichkeit gibt, die Steuerlast zu reduzieren, warum sollte man es nicht tun? Das macht wohl jeder von uns.»

Erstellt: 23.11.2019, 07:15 Uhr

Eine launische Steuer

Die Verrechnungssteuer wird immer wichtiger für den Bund. 2018 machte sie über 10 Prozent der ordentlichen Ein­nahmen aus. Allerdings ist diese Ein­nahmequelle sehr volatil. Einmalige und unvorhersehbare Sondereffekte können stark ins Gewicht fallen. Zum Beispiel die 2017 von Donald Trump durchgepeitschte US-Steuerreform: Sie hat dem Bund 2018 Erträge von 1,3 Milliarden Franken ­beschert, weil Schweizer Unternehmen Reserven von rund 25 Milliarden Franken in die USA repatriierten. «Weder diese Steuerreform noch die Reaktion der Firmen war für uns zum Zeitpunkt der Budgetierung absehbar», sagt Alowin Moes, Ökonom bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung.

Auch für 2019 mahnt der Experte zur Vorsicht. Obwohl bis Ende September 2,6 Milliarden Franken mehr eingenommen wurden als im Vorjahr, sei «immer noch sehr unsicher», wie die Situation am Ende aussehe, so Moes. (lnz)

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