Fifa findet neue Geldgeber in China

Westliche Konzerne meiden den Verband, asiatische springen ein. Präsident Infantino ist darauf angewiesen.

Von einem Image-Verlust der Fifa ist in China nichts zu spüren: Eine Arbeiterin stellt in der chinesischen Stadt Dongguan Replikas des WM-Pokals her. Foto: Bobby Yip (Reuters)

Von einem Image-Verlust der Fifa ist in China nichts zu spüren: Eine Arbeiterin stellt in der chinesischen Stadt Dongguan Replikas des WM-Pokals her. Foto: Bobby Yip (Reuters)

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Die Fifa hat ein Herz für Elefanten und Kamele, Schweine und Schlangen. Jahrelang war sie Hauptsponsorin des Zoo-Fäscht in Zürich, des Fests zum Wohl der Zootiere. Dieses Jahr strich sie den Beitrag. Spareffekt: gut 100'000 Franken.

Liest man die Episode im aktuellen Kontext – der Fussball-Weltverband hat in den letzten drei Jahren 700 Millionen Franken Verlust gemacht, Reserven schwinden, Sponsoren springen ab –, gerät nun die Fifa in Geldnot? Ihr Finanzchef Thomas Peyer verneint: «Die Fifa steht finanziell sehr solide da. Wir erwarten, unsere Budgetziele für den WM-Zyklus 2015 bis 2018 zu übertreffen.»

Der Grund für die Zuversicht ist die WM, die diese Woche beginnt. Sie ist der Höhepunkt im Kalender der Fifa, dem Verein, der als Firma geschäftet. Auf den Weltmeisterschaften baut das Geschäftsmodell auf: TV-Einnahmen, Sponsoring und das Ticketing sorgen dafür, dass der Weltverband Milliarden einnimmt.

Das mässige Image der Fifa

Doch das WM-Geschäft lief auch schon leichter. Bis zu 36 Sponsorenplätze hat die Fifa im Angebot. Knapp die Hälfte davon ist verkauft. Für das Turnier in Russland hat die Fifa neu 20 regionale Sponsorenplätze geschaffen. Auch hier sind weniger als die Hälfte verkauft, die meisten an russische und chinesische Firmen. Westliche Markenunternehmen halten zunehmend Abstand zur Fifa. Konzerne wie Sony, Johnson & Johnson, die BP-Tochter Castrol und der Reifenhersteller Continental verlängerten ihre bisherigen Sponsoringverträge nicht.

Bei der Fifa relativiert man. Im Gesamtkontext würden die regionalen Partner nur einen vergleichsweise kleinen Beitrag beisteuern, erklärt Peyer. Die Sponsorenabgänge haben ihre Gründe. «Das Image der Fifa ist alles andere als positiv», erklärt Professor Gerd Nufer, Direktor vom Deutschen Institut für Sportmarketing. Er verweist auf die Korruptionsskandale 2015, als die Polizei im Auftrag der US-Justiz hochrangige Fifa-Funktionäre in Zürich verhaftete. Der Skandal hat Spuren hinterlassen, im aktuellen WM-Zyklus 2015 bis 2018 plant die Fifa mit Einnahmen von 5,7 Milliarden Franken. Das ist weniger, als sie beim vorangegangenen Zyklus der WM in Brasilien 2011 bis 2014 erzielt hat.

Infantino braucht das Geld. Er ist auch darum Präsident geworden, weil er den Verbänden dreimal mehr Geld versprach.

Beim Blick in den Finanzbericht der Fifa fällt zudem auf, dass die Reserven des Verbandes seit einigen Jahren sinken, auf zuletzt 930 Millionen Franken. Lebt die Fifa also von der Substanz? Finanzchef Peyer erklärt die Abnahme mit neuen Bilanzregeln des Standards IFRS. Im Gegensatz zur Vergangenheit werden Erträge nicht über den vierjährigen Zyklus verteilt, sondern erst im WM-Jahr verbucht. «Diese neuen Regeln führen dazu, dass wir in den ersten drei Jahren tiefere Erträge ausweisen und im WM-Jahr deutlich höhere», sagt Peyer. Die Reserven sollen nach dem Turnier wieder auf 1,7 Milliarden anwachsen.

Fifa-Präsident Gianni Infantino im Gespräch mit Chinas Präsident Xi Jinping im Juni letzten Jahres. Foto: Fred Dufour (Pool, Reuters)

Fifa-Präsident Gianni Infantino braucht das Geld. Er ist 2016 vor allem darum Präsident geworden, weil er den 211 Mitgliedsverbänden dreimal so viel Geld wie noch unter Blatter versprochen hatte. So erhält ein Landesverband künftig in vier Jahren bis zu 5 Millionen. Oder für die Gesamtrechnung: Über 4 Milliarden Franken fliessen dafür in der nächsten Dekade aus dem Hause Fifa.

Neues Geld aus China und Katar

Also hat Infantino neue Geldquellen gesucht – und gefunden. In Katar. In China. In autokratischen Ländern. Neue Geldgeber sind Katar Airways oder der chinesische Milchprodukte-Anbieter Mengniu. Bei den Top-Sponsoren der Fifa hat sich neben Adidas und Coca-Cola der chinesische Mischkonzern Wanda eingekauft. «Vor zwei oder drei Jahren hätten chinesische oder asiatische Firmen wahrscheinlich nicht einmal die Chance bekommen, Fifa-Sponsor zu werden», sagt Wanda-Präsident Wang dem «Guardian». «Aber da einige westliche Firmen herausgefallen sind, bekamen wir die Chance.»

Marketing-Experte Nufer erklärt diese Entwicklung so: «Die Chance, im Rahmen einer Fussball-WM weltweit bekannt zu werden, scheint für chinesische Firmen signifikant grösser zu sein als die Gefahr des umstrittenen Image des Gesponserten, der Fifa.»

Die Erlöse aus TV-Rechten machen über 50 Prozent der Einnahmen aus.

Wichtiger als die Sponsorengelder sind für die Fifa die Erlöse aus TV-Rechten: Sie machen über 50 Prozent der Einnahmen aus. Und sie wachsen weiter: «Seit 25 Jahren wird uns die Frage gestellt, ob wir den Höhepunkt bei den TV-Preisen gesehen haben», sagt Tim Bridge von der Unternehmensberatung Deloitte. «Bis jetzt ist das nicht der Fall.»

Das erlaubt Fifa-Boss Infantino, seine Mitgliedsverbände weiter mit Geld zu unterstützen. Diese Gelder haben durchaus ihre Berechtigung. Das zeigen Beispiele aus der Fussballwelt. Wie etwa in Somalia, dort hat man in die Nachwuchsförderung und Ausrüstung investiert; die Resultate der Junioren-Nationalteams verbesserten sich stetig.

Andererseits besteht das Fifa-Universum aus unzähligen Zwergstaaten wie Samoa, Macao oder Guam. Für diese sind die 5 Millionen aus der Fifa-Zentrale ein hoher Betrag. In Gibraltar zum Beispiel gibt es nicht mehr als zehn Fussballplätze und ein paar Hundert aktive Fussballer. Auf den Cook-Inseln mit 19'000 Einwohnern übersteigt der Fifa-Zustupf sogar das Budget des Sportministeriums. Wofür dort die Gelder benötigt werden, ist unklar, kommt aber den Fussballfunktionären sicher nicht ungelegen. Im Gegenzug sind Infantino die Sympathien der Zwergstaaten gewiss. Wenn 2019 über seine Wiederwahl abgestimmt wird, hat der Verband der Cook-Inseln genauso viel Stimmkraft wie der Schweizerische Fussballverband.

Streit um neue Wettbewerbe

Und Infantino will noch mehr Geld verdienen: Die WM soll auf 48 Mannschaften ausgebaut werden, was die TV-Rechte noch wertvoller macht. Zudem möchte er eine neu gestaltete WM der 24 Top-Vereine auf die Beine stellen und eine Liga für Nationalmannschaften gründen. Berichten zufolge wollen sich Investoren aus dem Nahen Osten und Asien für 25 Milliarden Dollar die Rechte für drei Austragungen sichern. Es hagelte Kritik für Infantinos Pläne. «Die Diskussionen gehen weiter», heisst es aus dem Fifa-Hauptquartier.

Am nächsten Mittwoch wird über den WM-Ort 2026 abgestimmt. Es bewerben sich Marokko und das Projekt United mit den Ländern USA, Kanada und Mexiko. Infantino gilt als Befürworter des amerikanischen Projekts. Ein Grund, viele sagen der Hauptgrund: Bei United gibt es mehr Geld zu verdienen. Die Amerikaner sehen das ähnlich und bestreiten mit dem Argument gar ihren Wahlkampf: 7 Milliarden Dollar lassen sich an der WM in Amerika mehr erzielen als in Marokko. Infantino sagt dazu: «Geld ist ein Faktor, aber nicht der einzige.» Jedoch wohl ein sehr wichtiger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 20:48 Uhr

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