Gebohrt, gebaut, gewonnen

Wie der Gotthard den Baukonzern Implenia auf Trab gebracht hat und wie dieser die Schweiz nun umbauen will.

Bei der Neat auf Kurs: Implenia mit den Arbeitsgemeinschaften Transco und Tat ist für drei der fünf Tunnelbaulose beim Bau der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale zuständig. Ein Grossauftrag, der sich gelohnt hat. Bild: AlpTransit Gotthard AG

Bei der Neat auf Kurs: Implenia mit den Arbeitsgemeinschaften Transco und Tat ist für drei der fünf Tunnelbaulose beim Bau der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale zuständig. Ein Grossauftrag, der sich gelohnt hat. Bild: AlpTransit Gotthard AG

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«Die Neat wird die Schweiz verändern», sagt Anton Affentranger, Chef des grössten Schweizer Baukonzerns Implenia. Prognosen gehören zum täglichen Brot des 59-jährigen Managers. So einfach und folgenlos wie diese sind sie allerdings fast nie. Man braucht in der Tat kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass die Neue Alpentransversale die Schweiz abermals ein gutes Stück zusammenrücken lässt. «Die Zürcher, die mir nach der Eröffnung des Lötschbergs an den Wochenenden in Zermatt plötzlich und immer häufiger begegnet sind, waren anfänglich kein Grund zur Freude für mich», sagt Affentranger mit dem scherzhaften Unterton, den man bei ihm, der selber in der Limmatstadt wohnt, nur erwarten würde.

Auch die Germanisierung des Tes­sins, die seit der Inbetriebnahme des Gotthard-Strassentunnels am 5. September vor exakt 35 Jahren ein offenkundiges Phänomen im Südkanton geworden ist, wird sich im kommenden Jahr nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels weiter akzentuieren. «Man wird in Locarno wohnen und in Zug arbeiten können – ein Wahnsinn», sinniert der Mann mit dem schmalen Kopf unter seinem etwas übergross wirkenden Bauhelm. Wir sitzen im 18. Stock eines Rohbaus in Oerlikon und überblicken einen neuen, grossen Stadtteil in der nördlichen Peripherie Zürichs. In dessen Gestaltung und Aufbau ist Implenia seit mehreren Jahren stark involviert. Nach Affentrangers Vorstellungen wird die Schweiz in den nächsten Jahren einen deutlich geringeren Anteil am Geschäftsvolumen von Implenia haben als die rund 90 Prozent, die es bisher waren.

Die ganze Röhre gebaut

«Die Neat hat auch uns verändert», stellt der CEO unter Bezugnahme auf das eigene Unternehmen fest, und das mit unüberhörbarer Zufriedenheit. 1999, als der Bau des Gotthard-Basis­tunnels begann, erhielt die damalige Firma Batigroup den Zuschlag für das Mittelstück und Zschokke gewann das Los für den südlichen Teil. 2006 schlossen sich die beiden Gesellschaften zur Implenia-Gruppe zusammen und Affentranger kann rückblickend mit Stolz feststellen: «Wir haben fast die ganze Röhre selber gebaut.»

Ein Meisterstück: Der mit 57 Kilometern bis heute längste Tunnel weltweit wird nicht nur pünktlich beziehungsweise sogar etwas früher als geplant der Öffentlichkeit übergeben, das Bauwerk lässt sich auch punkto Kalkulation als nahezu mustergültig vorzeigen. Die Kostenüberschreitungen der Neat fallen, je nachdem von welchem Punkt in der Zeitachse sie gerechnet werden, etwas grösser oder kleiner aus, sicher aber sind sie mit maximal 20 Prozent für ein Grossprojekt dieser Dimension im zulässigen Rahmen. Für die Kostenüberschreitungen waren überdies nicht die Baufirmen, sondern vielmehr die Bauherren mit ihren nachträglich verlangten Projektanpassungen verantwortlich. «Implenia hat mit der Neat jedenfalls Geld verdient», betont Affentranger. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt das Trauerspiel um den 1994 eröffneten 50 Kilometer langen Eurotunnel. Das Projekt wurde nicht nur mit jahrelanger Verspätung abgeschlossen, auch die Kosten von 15 Milliarden Euro fielen doppelt so hoch aus wie anfänglich kalkuliert.

«Der Erfolg am Gotthard hat unser Unternehmen gestärkt und ein Selbstbewusstsein geschaffen, von dem wir noch lange zehren werden», schwärmt der Implenia-Chef. Für die Firma ist die Neat eine unschlagbare Referenz: «Bei jeder Präsentation, die wir machen, zeigen wir ein Video vom Gotthardbau, und wenn wir auf Akquisition sind, fragt uns keiner, ob wir diesen oder jenen Tunnel tatsächlich auch bauen können.»

Die Überlegenheit von Bilfinger

Angetrieben vom Erfolg am Gotthard und beseelt vom Gedanken, den in diesem Projekt erworbenen Wissens- und Erfahrungsschatz nicht einfach verstauben zu lassen, hat Affentranger Implenia eine ausländische Wachstums­offensive im Infrastrukturbau verschrieben. Nach dem Kauf einer norwegischen Spezialtiefbaufirma vor vier Jahren haben die Schweizer im März auch die Infrastrukturgruppe des schwächelnden deutschen Bauriesen Bilfinger an Bord geholt. Das neue Team umfasst rund 1800 Spezialisten in Deutschland, Skandinavien und Österreich und lässt die Implenia-Belegschaft auf 7300 Mitarbeiter anschwellen.

Was Affentranger schon lange kennt, aber verständlicherweise erst jetzt an die grosse Glocke hängt, sind die Qualitäten der Bilfinger-Equipe: «Die waren am Gotthard in unserer Arbeitsgemeinschaft und was ihre technischen Fertigkeiten anbelangt, sind sie uns teilweise sogar hoch überlegen», lobt er. «Bilfinger, das ist seit dem 19. Jahrhundert die Referenz deutscher Baukunst schlechthin.»

Zu klein für die Schweiz

Nach Jahren der Vernachlässigung innerhalb eines strategisch entgleisten Grosskonzerns brennt Bilfinger nur so darauf, endlich wieder richtig buddeln und pflastern zu dürfen. Erste Erfolge sind bereits sichtbar. Beim Bau des 27-Kilometer-Tunnels durch den österreichischen Simmering ist Implenia ebenso mit von der Partie wie bei der Erstellung einer grossen Stadtumfahrung in Stockholm. «Vor allem um letztere Projekt hätten wir uns ohne Bilfinger wohl gar nicht erst beworben», sagt Affentranger.

Werner Helfenstein, während neun Jahren Chef der Batigroup und damit ein ausgewiesener Kenner der Schweizer Baubranche, kann den Expansionsplänen seines Nachfolgers durchaus eine gewisse Logik abgewinnen. «Für Grossfirmen wie Implenia gibt es in der Schweiz zu wenig Potenzial.» Das Bauvolumen von derzeit jährlich rund 55 Milliarden Franken verteilt sich zum allergrössten Teil auf kleine und mittelgrosse Familienbetriebe. Implenia muss sich als klare Marktführerin mit einem Anteil von weniger als zehn Prozent zufriedengeben. Implenia kann den Schritt über die Grenzen deshalb durchaus als eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit vertreten. Helfenstein glaubt aber, dass in der Bauwirtschaft häufig auch eine ganze Reihe irrationaler Reflexe mitspielen. «Die Bauleute haben einfach Freude am Bauen. Da spielen Emotionen und viel Prestigedenken mit und das betriebswirtschaftliche Gewissen kommt oft erst spät hintennach.» Für Helfenstein ist dies ein wichtiger Grund, weshalb es bei vielen, vor allem grossen Bauprojekten oft zu ruinösen Preiskämpfen kommt. «Gemessen am Risiko und am investierten Kapital sind die Erträge der Bauunternehmen notorisch zu gering», weiss der pensionierte Manager aus eigener Erfahrung.

«Neat ist eine echte Sensation»

Affentranger sagt, er kenne diese Gefahren und führe das Unternehmen mit eiserner Disziplin anhand von Renditezielen. Vor allem aber weiss der Implenia-Chef, dass ihm das Schweizer Geschäft eine hervorragende Grundlage für die neuen Abenteuer im Ausland liefert.

«In Berlin hören wir das Klagen unserer Kunden über den Bau des Flughafens, der einfach nicht fertig werden will, und das Projekt Stuttgart 21 mutiert schon fast zum Prüfstein für die deutsche Demokratie. Vor diesem Hintergrund ist die per Volksabstimmung beschlossene und ohne allzu grosse Streitereien zum Abschluss gebrachte Neat eine echte Sensation. Ein weltweiter Showcase, nicht nur in technischer, sondern auch in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht.» Die Schweiz habe diese Kultur, die ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Bauherren, Auftragsnehmern und allen anderen Interessengruppen möglich mache. «Als Schweizer sage ich mit Stolz: Der Neat-Bau ist ein sensationelles Ergebnis für das ganze Land.»

Energiewende als Geschäft

Mit der Neat findet das für lange Zeit mit Sicherheit grösste Infrastrukturprojekt der Schweiz seinen Abschluss. In Erwartung dieser Zäsur hat Implenia die Weichen in Richtung Ausland gestellt. Doch Arbeit gibt es auch in der Schweiz noch lange mehr als genug, ist Affentranger überzeugt. «Jetzt beginnt die Zeit des Umbaus.»

Ohne substanzielle Modernisierung der Bausubstanz könne der Bundesrat die Erreichung seiner in der Energiestrategie 2050 festgelegten Ziele schlicht vergessen. Die Energiestrategie umfasst unter anderem eine Reduktion des CO2-Ausstosses pro Kopf der Bevölkerung von sechs auf höchsten 1,5 Jahrestonnen sowie eine massive Reduktion beim Strom- und Energieverbrauch. «Wir stehen hier mitten in einem neuen Stadtteil Zürichs, aber dieses Bild ist nicht repräsentativ», sagt Affentranger und lässt den Blick noch einmal über die weite Landschaft mit zahllosen modernen Büro- und Wohnbaukomplexen schweifen.

«Der grösste Teil des Schweizer Baubestandes wurde irgendwann bis Mitte Achtzigerjahre erstellt. Die meisten dieser Gebäude sind gemessen an den heutigen Standards energietechnisch vollkommen ineffizient und verfügen über eine nicht mehr zeitgemässe Raumaufteilung. Die Modernisierung dieses Baubestandes, die hauptsächlich von den Pensionskassen als grösster Eigentümerin veranlasst werden muss, ist seit vier Jahren eine strategische Zielsetzung von uns, und das Geschäft läuft sensationell.»

Das Modernisierungsgeschäft ist Implenias grösster Wachstumstreiber in der Schweiz. Wirklich überraschend ist das nicht: Die Konferenz der kantonalen Energiedirektoren beziffert die Kosten für den energietechnischen Sanierungsbedarf der Schweizer Gebäudesubstanz auf 280 Milliarden Franken. Mit solchen Aussichten kann Implenia den Abschluss des Neat-Projekts in der Tat gut verschmerzen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.08.2015, 10:29 Uhr

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Anton Affentranger

Anton Affentranger steht seit 2011 als CEO an der Spitze von Implenia, doch so war das eigentlich nicht geplant. Der 59-Jährige war 2006 als Verwaltungsratspräsident der Zschokke-Gruppe im Zug der Fusion mit Batigroup zum Präsidenten der neu geformten Implenia ernannt worden, und daran hätte sich nach dem ursprünglichen Drehbuch auch nichts mehr ändern sollen. Doch bei der Suche einem Nachfolger für den ersten operativen Implenia-Chef, Christian Bubb, lief so vieles schief, dass Affentranger nach zwei Fehlbesetzungen das Zepter wohl oder übel selber in die Hand nehmen musste. Heute ist der frühere Finanzspezialist begeistert von seinem Job, wie er selber sagt. Als ehemaliger UBS-Spitzenmanager, kurzzeitiger Roche-Finanzchef, Partner der noblen Genfer Privatbank Lombard Odier und Start-up-Investor blickt Affentranger auf eine wechselvolle und spannende Berufslaufbahn zurück. In Argentinien als Sohn eines aus­gewanderten Luzerner Käsers und der Tochter einer aus Spanien geflüchteten Antifaschistin geboren, hat Affentranger seine Heimat von Kindsbeinen an auch von aussen gesehen. Vielleicht drängt es ihn auch deshalb mit Implenia über die Grenze.

(Bild: Keystone )

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