Gleichberechtigung am Arbeitsplatz gibt es erst in 257 Jahren

Geht es in diesem Tempo weiter, werden Frauen wirtschaftlich noch lange nicht gleichgestellt sein. Auch die Schweiz hinkt hinterher, wie ein internationaler Vergleich zeigt.

Alltag in der Schweiz: Eine Angestellte nimmt Anweisungen ihres Chefs entgegen. Foto: Keystone

Alltag in der Schweiz: Eine Angestellte nimmt Anweisungen ihres Chefs entgegen. Foto: Keystone

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Zum elften Mal in Folge ist Island auf der Spitzenposition im Ranking zur Gleichberechtigung der Geschlechter des Weltwirtschaftsforums WEF gelandet. Das Land habe die Lücke zwischen Männern und Frauen mittlerweile zu fast 88 Prozent geschlossen, urteilte das WEF in seinem heute veröffentlichten «Global Gender Gap Report».

Auf die Plätze zwei bis vier im Ranking schafften es mit Norwegen, Finnland und Schweden drei skandinavische Länder. Dahinter gibt es einige Überraschungen, etwa Ruanda, das sich noch vor Deutschland klassiert – und auch vor der Schweiz. Diese verbesserte sich in der internationalen Vergleichsstudie um zwei Plätze und kommt nunmehr auf den 18. Rang.

Weltweit habe es im Vergleich zum Vorjahr insgesamt Fortschritte bei der Gleichberechtigung gegeben, betont das WEF – allerdings würden die meisten von uns die Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr erleben. Gehe es im gleichen Tempo weiter wie bisher, dauere es bis dahin noch 99,5 Jahre.

Die Organisation untersuchte in 153 Staaten vier Bereiche: Zugang zu Bildung, Wirtschaft – etwa Gehälter und Chancen auf Führungspositionen –, Gesundheit und politische Mitwirkungsmöglichkeiten. Am wenigsten Gleichberechtigung gibt es weiterhin in der Politik, auch wenn die Zahl der weiblichen Abgeordneten in vielen Ländern zugelegt hat. Allerdings halten Frauen nur ein Viertel der untersuchten Parlamentssitze und nur ein gutes Fünftel der Ministerämter.

In fast jedem Land verbringen Frauen doppelt so viel Zeit mit Betreuungs- und Freiwilligenarbeit.

Ein grosses Problem ist laut dem WEF die Stagnation in der Wirtschaft – dem einzigen Bereich, wo es keine nennenswerten Fortschritte gibt. So bleibt der Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt weiterhin tief: Nur gut die Hälfte der erwachsenen Frauen hat einen Job, bei den Männern sind es mehr als drei Viertel. Auch die Gehalts- und Einkommenslücke bleibe gross, hiess es. Weltweit seien zehn Prozent der Mädchen und jungen Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren Analphabeten, vor allem in Entwicklungsländern.

Aber auch in Industriestaaten sind Frauen wirtschaftlich benachteiligt. Oft arbeiten sie in Berufen, die am stärksten von der Automatisierung betroffen sind, etwa im Einzelhandel. Ausserdem entscheiden sich nicht genügend Frauen für jene Berufe, die den grössten Lohnanstieg verzeichnen. Zudem fehlen Angebote für Kinderbetreuung. In fast jedem vom WEF untersuchten Land verbringen Frauen mindestens doppelt so viel Zeit mit Betreuungs- und Freiwilligenarbeit. Das ist Zeit, die ihnen nicht zur Verfügung steht, um in ihre Karriere zu investieren.

Wenn sich die Beteiligung von Frauen an Macht und Wohlstand in der Wirtschaft im gleichen Tempo verbessert wie bisher, wird es sogar noch 257 Jahre dauern, bis Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

Die Schweiz erreicht laut der Studie gute Resultate, wenn man auf die Alphabetisierungsrate, die Hochschulbildung und die Geburtenrate schaut. Nachholbedarf attestieren die Autoren der Studie dagegen etwa in Bezug auf die berufliche Teilhabe und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Geschlechter, wo sich im Ländervergleich noch Gräben zeigen.

So ist in der Schweiz der Frauenanteil im Aufsichtsrat von Unternehmen viel tiefer als beispielsweise in Frankreich, Italien und Deutschland. Hierzulande machen Frauen nur gut ein Fünftel aller Aufsichtsräte aus. Von den Nachbarländern weist nur Österreich einen tieferen Wert auf.

(wig./sda)

Erstellt: 17.12.2019, 09:04 Uhr

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