Glencore drängt im Agrobusiness an die Spitze

Kaum ist das Schuldenproblem gelöst, peilt Ivan Glasenberg den nächsten Milliardendeal an – im Visier hat der Chef des Baarer Rohstoffriesen den US-Konzern Bunge.

Immer auch auf riskante Zukäufe aus: Glencore-Chef Ivan Glasenberg. Foto: Chris Ratcliffe (Bloomberg)

Immer auch auf riskante Zukäufe aus: Glencore-Chef Ivan Glasenberg. Foto: Chris Ratcliffe (Bloomberg)

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Grosse Deals sind das Lebenselixier des gebürtigen Südafrikaners, der Glencore zum grössten Rohstoffhändler der Welt und der Nummer vier im Bergbau­geschäft gemacht hat. Kurz vor Weihnachten 2016 verkündete Glencore-Chef Ivan Glasenberg, der Konzern habe sich unter dem Börsenkurs an Russlands Ölkonzern Rosneft beteiligt, zusätzlich einen Ölliefervertrag herausgeholt – und er stellte klar, das Unternehmen riskiere mit dem Deal maximal 300 Millionen Euro Aktienkapital.

Seit diesem Schnäppchen ist noch kein halbes Jahr vergangen, und schon drängt es ihn zum nächsten grossen Deal. Glasenberg ist nicht nur der Chef von Glencore, sondern mit 8,4 Prozent nach dem Staatsfonds des Ölemirats Katar der zweitgrösste Aktionär. In seiner Rolle als Architekt und aktiv im Unternehmen tätiger Grossaktionär ist es ihm offenbar ein besonders dringendes Anliegen, eine empfindliche Lücke des weltumspannenden Rohstoffriesen mit Sitz in Baar ZG zu schliessen. Im Agrobusiness ist er nämlich nicht der Grösste, sondern bisher bestenfalls Mittelmass. Im Handel, im Transport und in der Verarbeitung von Agrarprodukten dominieren nämlich vier andere Grosskonzerne: Es sind mit ADM, Bunge und Cargill gleich drei US-Konzerne – und die Louis Dreyfus Company mit Sitz in Amsterdam, deren Mehrheitsaktionärin Margarita Louis-Dreyfus an der Zürcher Goldküste residiert.

Eigene Agrarsparte gerettet

Glencores Position im Agrargeschäft schmerzt Glasenberg umso mehr, als er sich 2013 genötigt sah, sich im schlimmsten Fall vom bestehenden Agrobusiness von Glencore zu trennen, um Schulden abzubauen. Nach dem Platzen der Blase an den Rohstoffbörsen war der Kurs von Glencore abgestürzt. Einen Verkauf der Agrarsparte konnte Glasenberg verhindern. Er lagerte das Geschäft in eine separate Firma aus und überzeugte letztes Jahr zwei kanadische Pensionskassen, in das neue Konstrukt einzusteigen: Der Verkauf einer Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent am Agrobusiness brachte Glencore damals über 3 Milliarden Franken ein.

Inzwischen ist der Schuldenberg, den Glencore in Boomzeiten über Firmenkäufe und im 2013 mit der Fusion mit dem Bergbaukonzern Xstrata angehäuft hatte, auf ein erträgliches Mass abgebaut. Die Nettoschulden sind von 30 Milliarden Dollar unter das angepeilte Ziel von 20 Milliarden Dollar gefallen. Der Konzern weist derzeit Nettoschulden von 15,5 Milliarden Dollar aus, hat finanziell also wieder Spielraum für einen grossen Zukauf.

Im Visier hat die verselbstständigte Agrarsparte von Glencore den 1818 in Amsterdam gegründeten Getreidehändler Bunge, der früh nach Südamerika und in die USA expandierte. Bis zum Börsengang im Jahr 2001 war Bunge eine Familienfirma. Heute hat das Unternehmen seinen Geschäftssitz 20 Kilometer nördlich von New York. Glasenberg bestätigte diese Woche Marktgerüchte: Glencore habe Bunge «informell» für einen «einvernehmlichen Zusammenschluss» angegangen. Soren Schroder, der Chef von Bunge, reagierte kühl: Er führe keine Gespräche mit Glencore. Schroder hat indes unlängst in Interviews gesagt, es brauche mehr Kooperation in der Branche, und Bunge sei offen für einen Deal, der Sinn ergebe. Die Börse reagierte jedenfalls enthusiastisch auf die Avancen von Glencore: Bunge legte an der New Yorker Börse umgehend 16 Prozent zu.

Eine leichte Beute wird Bunge nicht. AMD und Cargill muss Glasenberg allerdings nicht fürchten, sie würden bei einem Kauf von Bunge an den Wettbewerbshütern scheitern. Louis Dreyfus ist da in einer etwas besseren Position. Konkurrenz droht indes aus Asien. Speziell China ist, wie der Kauf von Syngenta zeigt, sehr darauf erpicht, im Agrargeschäft eine starke Rolle zu spielen, um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung des Riesenlandes breiter abzustützen.

Bunge hat viel zu bieten. Der Konzern ist in Nord- und Südamerika sehr stark, aber auch in Europa etabliert. Bunge ist einer der weltgrössten Händler von Weizen, Mais, Soja, Sonnenblumen und Raps, transportiert und lagert die Rohstoffe aber auch – und verarbeitet sie zu Ausgangsprodukten für die Nahrungsmittelindustrie oder zu Viehfutter. Und Bunge besitzt Dutzende grosser Speicher, Hafenanlagen und Mühlen.

Der Deal könnte teuer werden

Glasenberg ist wohl nur zu bewusst, dass Bunge nicht nur sein Problem lösen kann, sondern auch die Bedürfnisse etwa von China bestens abdecken würde. An der Börse wird Bunge derzeit mit rund 11,4 Milliarden Dollar bewertet. Zehn Anlagefonds halten gegen 40 Prozent der Aktien von Bunge. Diese professionellen Investoren werden also letztlich den Ausschlag geben, wer den Zuschlag erhält – und nicht die skeptische Führungsspitze von Bunge. Will Glasenberg sicherstellen, dass Glencore zum Zuge kommt, kann der Kauf von Bunge also teuer werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2017, 22:47 Uhr

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