Hongkong: Verkauf von Schweizer Luxusuhren bricht ein

So wirken sich die Proteste auf den Umsatz von Swatch und Richemont aus.

Ein Uhrmacher bei der Arbeit: Schweizer Uhren im Wert von 3,2 Milliarden Franken wurden 2018 nach Hongkong exportiert. Foto: Bloomberg

Ein Uhrmacher bei der Arbeit: Schweizer Uhren im Wert von 3,2 Milliarden Franken wurden 2018 nach Hongkong exportiert. Foto: Bloomberg

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Es sind widersprüchliche Signale, welche die Schweizer Uhrenindustrie und deren knapp 58'000 Angestellte derzeit erreichen: Der hiesige Wirtschaftsmotor brummt, und die Branche schafft neue Stellen. Gleichzeitig stört die Weltpolitik die wichtigsten Absatzmärkte der Branche: Hongkong, die USA und China.

«Die Uhrenindustrie reagiert äusserst sensibel auf die internationale Lage», sagt François Matile, Generalsekretär des Arbeitgeberverbands der Uhrenindustrie. «Die weltweiten Ereignisse sind ein Unsicherheitsfaktor, dessen Folgen noch nicht absehbar sind.» Matile meint damit nicht nur den Handelskrieg zwischen den USA und China, sondern auch die Proteste in Hongkong.

Seit Juni wehren sich Demonstranten in der Sonderverwaltungszone gegen eine Aushöhlung des Rechtssystems durch die Volksrepublik China. Mit der Schliessung des Flughafens Hongkong am 12. August erreichten die Proteste einen neuen Höhepunkt. Das kommunistische Regime in Peking droht damit, die Demonstrationen mit Gewalt zu beenden.

Drehscheibe für Südostasien

Das schreckt die wichtigste Besuchergruppe ab: Chinesen vom Festland. Sie stellen mehr als die Hälfte aller Touristen, die nach Hongkong reisen. Doch die Chinesen bleiben fern und kaufen somit weniger Schweizer Luxusuhren. Hongkong ist aber nicht nur eine beliebte Shoppingdestination für edle Zeitmesser, sondern auch ein Drehkreuz für die Nachbarländer. Von dort aus versorgt die Schweizer Uhrenindustrie die umliegenden Märkte in Südostasien. Das macht die Metropole zum wichtigsten Exportmarkt vor den USA und China.

Die Proteste schlagen sich bereits in den Geschäftsergebnissen nieder. Der Wert der Ausfuhren von Schweizer Uhren nach Hongkong brach im ersten Semester im Vergleich zum Vorjahr um knapp sieben Prozent auf 1,44 Milliarden Franken ein. Allein im Juni betrug der Rückgang knapp 27 Prozent. Die bedeutenden Uhrenhersteller melden ebenfalls Einbussen. Weltmarktführer Swatch Group musste im ersten Halbjahr in Hongkong einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen. Die Gruppe bezeichnet die Sonderverwaltungszone als «wichtigen Absatzmarkt mit attraktiven Margen». Zum Unternehmen gehören Marken wie Omega, Swatch und Tissot. Beim Genfer Luxusgüterkonzern Richemont liefen dort die Geschäfte im Frühlingsquartal April bis Juni ebenfalls weniger gut als 2018. Richemont besitzt Marken wie IWC oder Cartier.

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Branchenkenner sind sich einig, dass eine lange Dauer der Proteste der Uhrenindustrie schaden könnte. Da die Uhrenindustrie oder andere Branchen durch ihr lokales Geschäft in Hongkong Teil der Wirtschaft in der Metropole seien, «sind Auswirkungen auf die Schweizer Industrie in anhaltend turbulenten Zeiten nicht auszuschliessen», sagt Esther Nägeli. Sie ist Präsidentin des Wirtschaftsverbands Schweiz-Hongkong.

Die Bank Vontobel warnt ebenfalls vor den Konsequenzen andauernder Unruhen: «Wenn wir für die kommenden Monate mit einem Rückgang von 20 bis 30 Prozent in Hongkong rechnen, liegt das Wachstum bei den Uhrenexporten insgesamt noch bei 0 bis 2 Prozent», sagt Analyst René Weber. Ursprünglich ging die Bank fürs laufende Jahr von einem Plus von 4 Prozent aus. Derzeit hat der Arbeitgeberverband der Uhrenindustrie jedoch keine Hinweise darauf, dass sich die Branche auf schlechtere Zeiten einstellt und beispielsweise einen Stellenabbau erwägt. «Bevor es so weit ist, setzt die Industrie zuerst andere Massnahmen um», sagt Generalsekretär Matile. Denn der gewünschte Effekt von Kündigungen – Kosten einsparen – setze erst mit einer gewissen Verzögerung ein. Vielmehr halten die Uhrenhersteller zuerst ihre Mitarbeiter an, Ferien und Überstunden abzubauen. Oder sie stellen keine temporären Angestellten mehr an.

Kurzarbeit wegen Protest

Es ist nicht abwegig, dass weltpolitische Wirren die Angestellten der Uhrenindustrie treffen. Diese Erfahrung musste die Branche im Jahr 2014 machen, als es ebenfalls in Hongkong zu Protesten kam. Damals gingen Einwohner für mehr Demokratie bei der Wahl ihres Verwaltungschefs auf die Strasse. Hersteller wie Richemont verordneten 230 Angestellten der Marke Cartier im freiburgischen Villars-sur-Glâne vorübergehend Kurzarbeit. Zuvor hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass während der Monate April bis August 2014 die Verkäufe in Hongkong, Macao und China eingebrochen waren.

Erstellt: 19.08.2019, 14:23 Uhr

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