«Ich verdiente schon im Gymi 4000 Franken»

Er steht auf der «Forbes»-Liste: Jungunternehmer Raphael Reber über seine Anfänge mit selbstgebrannten CDs und seinen Job als Teilzeit-CEO.

«Seit der Geburt unserer Tochter sage ich öfter Nein»: Raphael Reber. Foto: Adrian Moser

«Seit der Geburt unserer Tochter sage ich öfter Nein»: Raphael Reber. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er gründete als Jugendlicher seine erste Firma, mit 22 die zweite, mit 24 lancierte er in Bern den Innovations-Inkubator Impact Hub: Raphael Reber sagt von sich, er sei nicht besonders mutig, aber sehr konsequent, wenn er etwas verbessern könne. Der 27-jährige Berner ist diese Woche für seine unternehmerische Leistung ausgezeichnet worden.

Herr Reber, das Wirtschaftsmagazin «Forbes» zeichnet Sie in der Ausgabe «30 under 30» als einen der spannendsten jungen Unternehmer der Schweiz aus. Woher haben Sie in jungen Jahren den Mut genommen, eine eigene Firma aufzubauen?
Ich verstehe nicht, warum immer alle von Mut und Risiken sprechen, wenn es um Unternehmertum geht. Wer viele Risiken eingeht, ist nicht besonders mutig, sondern eher ein schlechter Unternehmer. Ich beschäftige mich einfach mit Dingen, die mich interessieren und die einen Nutzen stiften. Das ist für mich nichts Verrücktes, sondern eine sehr natürliche Sache. Die Risiken halte ich so klein wie möglich. Ein eigenes Unternehmen ist der beste Hebel, etwas zu bewirken, mit anderen etwas zu gestalten.

Dass einer schon mit 14 Jahren sein erstes Unternehmen gründet, ist aber ungewöhnlich. Stammen Sie aus einer Unternehmerfamilie?
(Lacht) Nein, meine Eltern sind beide Juristen. Ich war ein introvertierter Teenager; während andere Partys feierten, surfte ich viele Stunden im Internet und staunte, welche neuen Medien und Technologien sich verbreiteten und wie diese traditionelle Industrien veränderten. Mich interessierte, wie man Dinge verbessern, effizienter machen konnte. So entstand auch mein erstes Geschäftsmodell: Ich produzierte und gestaltete Promotions-CDs für Bands, vor allem für aufstrebende Rap-Gruppen. Die CD-Rohlinge bestellte ich in Polen, gebrannt habe ich die CDs zu Hause mit einem Industrieroboter. Mit der Zeit übernahm ich auch das Booking für die Bands. Ich fand das wunderbar, was ich alles aus dem Keller des Elternhauses heraus bewegen konnte. Zudem verdiente ich schon zu Beginn des Gymnasiums bis zu 4000 Franken pro Monat und fühlte mich dadurch sehr unabhängig. Meine Eltern liessen mich gewähren, obwohl sich die CDs bald auch im Estrich und im Arbeitszimmer stapelten.

Trotz frühem unternehmerischem Erfolg haben Sie dann doch die Matura gemacht und ein Wirtschaftsstudium absolviert.
Die Matura war mein Zugeständnis an meine Eltern – und ich bin froh, hab ich den Gymer nicht abgebrochen. Das Betriebswirtschafts- und Wirtschaftsrechts-Studium nahm ich mit dem Ziel in Angriff, herauszufinden, was ich wirklich tun will später, und mir das theoretische Rüstzeug zu holen. Aber mein akademischer Eifer war überschaubar, ich mochte vor allem die praxisnahen Fallstudien und hatte nach 2,5 Jahren die für den Bachelor benötigten Credits in der Tasche. So gründete ich vor fünf Jahren mit zwei Kollegen die Firma Zeilenwerk. CDs waren da schon kein gutes Geschäft mehr; wir konzentrierten uns zunächst auf das Design von Websites, bauten bald ganze Webportale und sind heute ein Digitalisierungshelfer für unsere Kunden. Zu Beginn war der Internetauftritt eher eine Visitenkarte, heute haben wir viele Kunden, die uns für moderne Webportale und Mobile-Apps anfragen und dann realisieren, dass sich durch die neuen Technologien ihr ganzes Geschäftsmodell verändert. Wir werden inzwischen auch geholt, um Dinge zu hinterfragen, neu zu denken.

«Ich bin wohl ein extrovertierter Introvertierter.»

Was heisst das konkret?
Wir haben zum Beispiel das Kundenportal für eine Versicherung gestaltet. Da geht es nicht einfach darum, ein paar Dokumente online bereitzustellen, sondern eine Erlebniswelt zu schaffen, die zum Unternehmen passt und die sich daran ausrichtet, welche Bedürfnisse die Kunden haben und wie sie am einfachsten ans Ziel kommen. Das ist meistens nicht der bequemste Weg fürs Unternehmen. Oder wir haben für die Schweizer Jugendherbergen eine neue App entwickelt. Im Projekt wurde klar, dass das Konzept der Mitgliedschaft grundsätzlich überdacht werden muss. Mitgliedschaft ist alte Schule, damit erreicht man junge Menschen nur schwer. Seit Anfang Mai löst man ein digitales Abo, hat einen Reisebuddy an der Seite, der einem das Check-in und die Reiseplanung erleichtert, und kann sich bald schon im Community-Bereich austauschen. Das gibt den Jugendherbergen einen ganz anderen Auftritt.

2016 waren Sie Teil des sechsköpfigen Teams, das in Bern den Impact Hub gegründet hat, wo sich Freelancer, Konzernangestellte, Politikerinnen und Selbstständige begegnen und Projekte realisieren. Ist der introvertierte Teenager zu einem passionierten Netzwerker geworden?
Ich bin wohl ein extrovertierter Introvertierter. Von Natur aus bin ich nicht sehr gesellig, aber ich liebe es, die richtigen Menschen zusammenzubringen, um etwas zu bewirken. Komplexe Probleme löst man nie alleine, egal, wie gut du bist oder wie viel Geld du hast. All die digitalen Werkzeuge, die uns heute zur Verfügung stehen und die uns oft vom Arbeiten abhalten, können uns auch helfen, uns besser zu verbinden und gemeinsam nach sinnvollen Lösungen für ein Problem zu suchen. Wir haben beispielsweise mit dem Projekt colorsharing.ch eine Plattform für die Wiederverwertung von chemischen Farbabfällen realisiert. Leider ist das Projekt nach einer Pilotphase nicht weitergeführt worden, aber solche Modelle der Zirkulärwirtschaft haben Potenzial. Es wird bestimmt neue Gelegenheiten geben. So würde mich die Realisierung einer genossenschaftlich organisierten Gig-Economy-Plattform wie Uber reizen – mit dem wichtigen Unterschied, dass das Unternehmen nicht einigen wenigen, sondern den Fahrern selber gehören würde.

Sie sind Anfang Februar Vater geworden. Kann man da noch ein rasch wachsendes Unternehmen mit zwölf Angestellten leiten?
Ich hoffe es. Seit wir Zeilenwerk gegründet haben, musste ich mich noch an keinem einzigen Tag überwinden, zur Arbeit zu kommen. Ich arbeite sehr gerne, und ich habe auch viel gearbeitet, vielleicht 60 Stunden pro Woche. Seit der Geburt unserer Tochter bin ich ganz offiziell Teilzeit-CEO. Die Reduktion auf 80 Prozent zwingt mich, mich noch konsequenter mit der Frage zu beschäftigen, was ich alles nicht tue.

«Wer keine Strategien hat, kommt nicht dazu, seine Ziele zu verwirklichen.»

Worauf verzichten Sie denn?
Ich nutze praktisch keine Social-Media-Kanäle als Konsument, habe weder Mails noch andere Benachrichtigungen auf meinem Smartphone aktiviert und den Bildschirm auf Schwarzweiss eingestellt, damit der Körper keine unnötigen Endorphine ausschüttet. Ich gehe seltener an Anlässe, sage oft Nein, verabrede mich weniger und arbeite gerne mit Menschen zusammen, die in vielem besser sind als ich. Dass ich vieles nicht mache, gibt mir den Freiraum und die Energie, Wichtiges konsequent zu machen und neuen Ideen nachzugehen. Unsere Zeit ist so begrenzt. Wer keine Strategien hat, sich vor Verzettelung und Vereinnahmung zu schützen, kommt nicht dazu, seine Ziele zu verwirklichen.

Im ersten Halbjahr 2019 sind in der Schweiz 22'803 Firmen gegründet worden – ein Rekordwert. Wird Unternehmertum langsam salonfähig in der Schweiz?
In Schweden wurden 2017 in einem Jahr knapp 70'000 Firmen gegründet, und das bei einer nur leicht grösseren Bevölkerung. Gleichzeitig gibt es dort vom Staat finanzierte 18 Monate Elternzeit, Start-ups wie Spotify und Klarna sind dort gegründet worden, und Schweden hat nach wie vor sehr liberale Einwanderungsregelungen. Ja, in der Schweiz tut sich was, aber wir haben neben dem Gründen von neuen Unternehmen noch viel Handlungsbedarf, was die Gesellschaftsnormen, die Gleichberechtigung in der gestandenen KMU-Welt und die Gesetzgebung betrifft. Es gibt keinen Anlass, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Und es braucht viele Menschen, die etwas bewegen wollen, statt den Besitzstand zu verwalten.

Erstellt: 12.07.2019, 11:56 Uhr

Artikel zum Thema

«Entscheidend ist, die Dinge mit Hingabe zu tun»

Beruf + Berufung Als 12-Jähriger wusste Stefan Schwitter: Er wollte Wrestling-Kämpfer werden. Heute bietet er ein besonders fokussiertes Krafttraining an, das Anstrengung mit Entspannung verbindet. Mehr...

«Chefs erhalten selten ehrliches Feedback»

Beruf + Berufung Stylistin Fabienne Steffen bereitet Managerinnen und Politiker auf wichtige Auftritte vor – und bewahrt sie vor modischen Fehltritten. Mehr...

Sie schlug alle guten Ratschläge in den Wind

Beruf + Berufung Jutta Jertrum war Geschäftsführerin in einem Schloss. Dann erfand sie einen ökologischen Abflussreiniger und wurde zur Unternehmerin – mit Erfolg. Zum Blog

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...