Im grossen Stil Gelder verschoben

Um sein luxuriöses Leben zu finanzieren, griff Anwalt Jörg Rappold in die Taschen von Freunden und Kunden.

Anwalt und langjähriger FDP-Kantonsrat: Jörg Rappold 1995 in seinem Büro in Zürich. Foto: Keystone

Anwalt und langjähriger FDP-Kantonsrat: Jörg Rappold 1995 in seinem Büro in Zürich. Foto: Keystone

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Jörg Rappold schied vor zwei Jahren aus dem Leben. Ihm drohte ein Strafver­fahren. Nach dem Ableben lobten die Medien den langjährigen Zürcher FDP-Kantonsrat und bekannten Wirtschaftsanwalt mit Kanzlei am Limmatquai als freisinniges Vorbild. «Ein liberaler Gentleman», hiess es. Dann kam ein anderes Bild zutage. Und nun zeigt sich, dass Rappolds Leben am Ende ein Scherbenhaufen war.

Insgesamt liegen Schulden von 28 Millionen Franken vor. Dem stehen mögliche Forderungen und Vermögenswerte zwischen 2 und 12 Millionen ge­gen­über. Entscheidend wird sein, ob 10 Millionen Franken in Form von Aktien einer Immobilienfirma, die Rappold treuhänderisch verwaltete, in der Konkursmasse landen oder den Auftraggebern ausgehändigt werden. Das entscheiden die Richter.

Rappold habe «am Schluss weder über ein geregeltes Einkommen noch über eine solide Altersvorsorge» verfügt, hält der Vize-Notar des zuständigen Konkursamtes Zürich-Riesbach in seinem 12-seitigen Zirkular vom 19. Januar zuhanden der Gläubiger des Verstorbenen fest. Das Papier liegt Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor. Für die Gläubiger folgen weitere Überraschungen. Laut dem Konkursbeamten hatte Rappold «massiv über seine Verhältnisse» gelebt – ohne dass dies nach aussen rechtzeitig klar geworden wäre.

Der Griff in die Taschen anderer

Wie Rappold seinen tatsächlichen finanziellen Zustand bis zu seinem Suizid im Alter von 80 Jahren vor den Gläubigern und der Öffentlichkeit geheimhalten konnte, geht aus Aufstellungen der Zürcher Kantonspolizei und der Staatsanwaltschaft hervor. Diese wurde aufgrund einer Strafanzeige aktiv, die ohne Kenntnis des bereits erfolgten Suizids Anfang Februar 2015 eingereicht worden war. Die Ermittler eruierten die Geldflüsse über Rappolds Konten in den zurückliegenden fünf Jahren.

Statt seine laufenden Ausgaben fürs Wohnen, Essen, Ferien und Vergnügen auf ein akzeptables Niveau zu reduzieren, griff Rappold in der Endphase seines Lebens in die Taschen von Freunden und Kunden. Dort holte er sich die Mittel, die er selbst nicht mehr hatte, auf die er aber unter keinen Umständen verzichten wollte. «Zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes und Bezahlung von Schulden musste er auf ihm anvertraute Vermögenswerte» zurückgreifen, notiert dazu der Konkursverwalter in seinem Zirkular.

Die Nachkommen wurden «von den traurigen Ereignissen überrollt».

Geschädigt wurde insbesondere eine Gläubigerin, die Rappold blind vertraut hatte. Es handelt sich um eine langjährige Vertraute Rappolds und enge Freundin der Familie des vermeintlich honorigen FDP-Mannes. Man verbrachte viel Zeit zusammen, die Kinder der beiden Familien waren in ihrer Jugend mit den beiden Elternpaaren in den Ferien. Der Gatte der Frau war ein bekannter Werber und Organisator von Jazzkonzerten. Er empfahl ihr, das Vermögen, das sie von ihm erben würde, nach seinem Tod von Rappold verwalten zu lassen. Es ging um eine tiefe zweistellige Millionensumme. Die Frau trug Rappold auf, dieses sicher anzulegen. Das tat der Anwalt nicht. Vielmehr habe er von diesen Assets «mehrere Millionen zu seinen Gunsten» abgezogen, hält der Vize-Notar von Riesbach fest. Auf Anfrage wollte sich der Beamte mit Verweis auf das Amtsgeheimnis nicht zum Konkursverfahren «über die Erbschaft von Jörg Niklaus Rappold» äussern.

Zum Konkurs über den verstorbenen Ex-Prominenten war es gekommen, weil dessen Nachkommen, die Kinder und die Ehefrau, das Erbe ausgeschlagen hatten. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet hatte Adrian Rappold, Jurist und ein Sohn des Verstorbenen, im Frühling 2015 gesagt, die Familie habe «über die geschäftlichen Verpflichtungen und Aktivitäten (…) keine Informationen gehabt», als der Vater noch gelebt habe. Man sei «von den traurigen Ereignissen überrollt» worden und habe entschieden, «den Nachlass auszuschlagen» (zum Artikel vom 8. Mai 2015).

Rappold war längst pleite

Gemäss den Ermittlungen der Zürcher Kantonspolizei versuchte Rappold, mit immer verzweifelteren Manövern die Löcher zu stopfen. Rappold habe «keine seriösen Vermögensanlagen getätigt», wie es «nach aussen den Anschein hätte haben können». Vielmehr sei es nur noch um das «Verschieben von Geldern im grossen Stil» gegangen, schreibt der Notar. Eine horrende Summe kommt zum Vorschein. Allein in den fünf Jahren vor der Eröffnung des Konkurses habe Rappold «Transaktionen von rund 25 Millionen Franken in Auftrag» gegeben. Der Grossteil dieser Gelder sei «von ihm selbst verbraucht» worden.

Rappold war somit längst pleite. Statt sich selbst anzuzeigen, verschob er Millionen, um das Eingeständnis, anvertraute Gelder abgezweigt zu haben, so lange wie möglich hinauszuschieben.

Vor allem die Familienfreundin, die Ende 2014 Verdacht schöpfte, als sie feststellte, dass Rappold ihr Gold aus einem Banktresor genommen hatte, zahlt nun einen hohen Preis. Sie und die übrigen Gläubiger können im besten Fall mit einer Konkursdividende von 30 Prozent rechnen – dann nämlich, wenn die Immobilienaktien in der Masse bleiben. Sonst sinkt die Quote auf 6 Prozent. Um mehr zurückzuerhalten, muss die Geschädigte mit einer eigenen Klage gegen ein US-Ehepaar Erfolg haben. Dessen Schwarzgeld bei der Bank Julius Bär hatte Rappold auch veruntreut und nach einer Intervention des bekannten Zürcher Anwalts Peter Nobel zur Hälfte zurückerstattet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 21:31 Uhr

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