In 15 Minuten zum Schuh, der millimetergenau passt

Handwerk trifft auf Technologie: Dominik Risch produziert digital designte Massschuhe, indem er die Füsse seiner Kunden scannt.

Was bei Anzügen weitverbreitet ist, hat Risch für die Schuhindustrie erfunden: Die Massanfertigung 2.0. Foto: Reto Oeschger

Was bei Anzügen weitverbreitet ist, hat Risch für die Schuhindustrie erfunden: Die Massanfertigung 2.0. Foto: Reto Oeschger

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Bevor Dominik Risch einem neuen Kunden Schuhe verkauft, muss sich dieser seine Füsse scannen lassen. Der gelernte Schuhmacher will mehr erfahren als nur die Schuhgrösse. Risch erfasst die Daten – oder wie er es nennt: die «Foot-DNA». Dafür zieht der Kunde Nylonsocken mit einem Gitternetzmuster an und steht einige Sekunden still auf einer Platte. Ein 3-D-Scanner misst die Füsse aus. Mit den Daten wird ein millimetergenaues digitales Abbild erstellt.

Risch, einst Einkaufs- und Entwicklungschef bei Bally sowie Inhaber eines Schuhgeschäfts in Schaan FL, hat den Verkauf von klassischen Herrenschuhen auf eine neue Ebene gebracht. Was bei Hemden und Anzügen weitverbreitet ist, hat Risch für die Schuhindustrie erfunden und patentieren lassen: Die Massanfertigung 2.0.

Rücksendungen als «ökologischer Irrsinn»

«Der traditionelle Schuhverkauf spürt wie die ganze Modebranche den stark wachsenden Onlinehandel», sagt der 51-Jährige. Jedes fünfte Paar Schuhe wird mittlerweile im Internet gekauft. Das führt dazu, dass traditionelle Schuhgeschäfte verschwinden (Bata), geschluckt werden (Navyboot, Vögele Shoes) oder reihenweise Filialen geschlossen werden (Pasito).

Vor neun Jahren hat sich Dominik Risch mit seinem eigenen Label Risch Shoes selbstständig gemacht. Den Branchenkenner stört weniger, dass zunehmend online eingekauft wird. Vielmehr geben ihm die oftmals mangelnde Qualität und die vielen Rücksendungen zu denken. Bis zu 70 Prozent aller bei Amazon oder Zalando gekauften Schuhe werden zurückgesandt. «Ein ökologischer Irrsinn», bilanziert Risch. Er habe sich deshalb zum Ziel gesetzt, einen qualitativ hochstehenden Herrenschuh herzustellen, «der immer passt und ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis bietet», sagt er.

Tradition trifft auf Technologie: Dominik Risch analysiert die Fussdaten eines Scans. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Für das digitale Vermessen von Füssen benötigt Dominik Risch in seinem Showroom in der Stadt Zürich rund eine Viertelstunde. Anhand der digitalen Daten ermittelt ein Softwareprogramm die ideale Passform. Risch Shoes hat pro Schuhmodell gegen 50 Passformen. «Damit haben wir für alle Fusstypen und Ausprägungen eine Vorlage», sagt der Firmengründer. Bis heute hat er über 10'000 Füsse vermessen.

Dominik Risch designt und entwickelt die Schuhe. Gefertigt werden sie in Italien. Das liege nicht nur daran, dass hierzulande die Lohnkosten höher seien, sagt er. «In der Schweiz fehlt das Branchenumfeld; es hat nicht genügend ausgebildete Fachkräfte, auch die unmittelbare Nähe zur Lederindustrie fehlt.» Dieses Branchenumfeld findet man in der Toskana, dem Herzstück der italienischen Modeindustrie, wo auch Firmen wie Armani, Gucci, Jimmy Choo oder Hugo Boss ihre Kollektionen produzieren lassen. Die Region ist für die Schuhmacherei, was der Jura für die Uhrenbranche ist.

Kunden erhalten die Schuhe nach fünf bis sechs Wochen nach Hause geschickt. Sie kosten 320 bis 480 Franken.

Risch Shoes lässt bei drei toskanischen Familienunternehmen fertigen. Von der Bestellung bis zum fertigen Schuh vergehen rund vier Wochen. Der Kunde erhält seine Bestellung nach fünf bis sechs Wochen per Post nach Hause geschickt. Je nach Modell kosten die Schuhe zwischen 320 und 480 Franken.

Das einstige Start-up Risch Shoes ist nach fast zehn Jahren ein «gut rentierendes Unternehmen, das pro Jahr einige Tausend Paar Schuhe verkauft», wie Dominik Risch verrät. Um neue Kunden zu gewinnen, tourt der Unternehmer regelmässig durch die Schweiz und bietet Vermessungstermine an.

Dominik Risch ist es gelungen, ein traditionelles Handwerk ins digitale Zeitalter zu führen. Derzeit plant er den nächsten Expansionsschritt: die Einführung einer Damenkollektion.

Erstellt: 02.07.2019, 18:43 Uhr

Schuhland Schweiz

Die Schweiz war einst ein Zentrum der Schuhproduktion. Allen voran die 1851 in Schönenwerd SO gegründete Bally. Sie stand für Qualitätsschuhe «made in Switzerland». Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschäftigte Bally in der Schweiz über 7000 Personen und produzierte mehr als 4 Millionen Paar Schuhe pro Jahr. Andere bekannte Marken sind Raichle (Wander- und Skischuhe) oder Künzle (Sport- und Gesundheitsschuhe). Sie haben die Herstellung aus Kostengründen ins Ausland verlegt. Nur wenige Marken produzieren noch in der Schweiz. Dazu zählen Fretz Men (Fahrwangen AG), Kandahar (Gwatt BE) oder Kybun (Sennwald SG). (eme)

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