Innovationskraft der Schweiz wird überschätzt

Das WEF kürte die Schweiz wiederholt zum innovativsten Land der Welt. Berücksichtigt man den wirtschaftlichen Nutzen von Patenten, landet sie allerdings nur auf Platz 9.

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Die Schweiz ist stolz auf ihre Innovationskraft. Laut dem World Economic Forum (WEF) ist sie nicht nur die wettbewerbsfähigste, sondern auch die innovativste Volkswirtschaft der Welt. Zu diesem Urteil kommt auch der Global ­Innovation Index, den die Weltorganisation für geistiges Eigentum zusammen mit der französischen Eliteschule Insead und der US-Privatuniversität Cornell ermittelt hat. Ihr Urteil beruht auf einer ganzen Reihe an Messgrössen, wie etwa den Forschungsausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, der Zahl der Patente oder dem Verhältnis von Lehrern zu Schülern.

Zu einem ganz anderen Schluss kommt eine Studie der Konjunkturforschungsstelle BAK Economics. Demnach liegt die Schweiz in der Liste der innovativsten Staaten lediglich auf Rang neun. Zu diesem Ergebnis kommt das Inno­vationsrating, das BAK Economics gemeinsam mit dem Eidgenössischen Insti­tut für geistiges Eigentum zusammengestellt hat.

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Die Unterschiede der Studien erklären sich in der Methodik. «Technischer Fortschritt verläuft nicht zentral, sondern dezentral auf Unternehmensebene und muss auch dort gemessen werden. Das geht am besten mit Patenten», erklärt BAK-Projektleiter Kai Gramke. Um die Forschungsaktivitäten der Unternehmen mess- und vergleichbar zu machen, haben er und sein Team eine quantifizierbare Grösse ermittelt: die Weltklassepatente. Statt einfach nur auf die Zahl der Patente zu schauen, ermitteln die Experten den wirtschaftlichen Wert der Patente.

Das geschieht auf zwei Wegen: «Je stärker ein Unternehmen an den Erfolg eines Patents glaubt, in desto mehr Ländern wird das Patent angemeldet, was mit hohen Kosten verbunden ist», sagt Gramke. Der zweite Indikator erfasst, wie wichtig ein Patent für eine bestimmte Technologie ist. Er wird dadurch ermittelt, wie oft ein Patent durch Dritte zitiert wird, etwa in anderen Patentanmeldungen. Beide Indikatoren ergeben eine Kennziffer pro Patent.

Nestlé liegt sogar vor Novartis

Auch dieser Ansatz zur Vermessung der Innovationsfähigkeit von Ländern hat Mängel. So gibt es Innovationen, die nicht patentiert werden, etwa Durchbrüche in der Grundlagenforschung. Darüber hinaus verzichten Unternehmen wie Tesla bewusst darauf, Erfindungen patentieren zu lassen. Denn dafür müssten sie ihre Neuerungen in der Patentschrift detailliert beschreiben und damit den Wettbewerbern offenlegen.

Dennoch erlaubt der Ansatz von BAK Economics interessante Vergleiche. Werden nur die Weltklassepatente herangezogen, so sind die USA mit grossem Abstand das innovativste Land der Welt mit mehr als 171'000 Patenten. Platz zwei belegt Japan, mit grossem Abstand vor Deutschland. Die Schweiz kann laut der Erhebung zufolge gut 9600 Weltklas­sepatente vorweisen.

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Trotz des auf den ersten Blick vielleicht enttäuschenden neunten Platzes im Weltranking stellt BAK-Experte Gramke der Schweiz ein gutes Zeugnis aus: «Die Schweiz mischt ohne Zweifel in der ersten Liga mit.» Von allen europäischen Ländern belegt sie den vierten Rang. Sie wird nur von den deutlich bevölkerungsreicheren Ländern Deutschland, Frankreich und Grossbritannien übertroffen.

Erstaunliches fördert die Analyse der innovativsten Unternehmen der Schweiz zutage. Dort schiebt sich der Nahrungsmittelriese Nestlé auf Platz zwei, knapp hinter dem Pharmakonzern Roche, aber noch vor Novartis. Nestlé gibt nach eigenen Angaben pro Jahr rund 1,7 Milliarden Franken für Forschung und Entwicklung aus. Ein Patent, auf das Nestlé grosse Hoffnungen setzt, betrifft ein neues Produktionsverfahren für Zucker. Normaler Zucker ist kristallförmig, was verhindert, dass er sich schnell auflöst. Die hauseigenen Forscher, unter anderem aus dem neuen Forschungszentrum in Lausanne, haben Zuckerpartikel entwickelt, die eine weniger geordnete Struktur haben. «Somit lösen sie sich schneller auf und können ihre Süsskraft besser entfalten», erklärt Nestlé. Der Konzern will dank des neuen Verfahrens den Zuckergehalt in seinen Produkten senken, ohne dass der Geschmack leidet.

Schweiz bei Biotech führend

Überraschen mag auch die gute Platzierung des Uhrenkonzerns Swatch Group. Zu diesem gehört zu 50 Prozent die Batterietochter Belenos, die an einer revolutionären Autobatterie arbeitet. Die Batteriezellen basieren auf dem chemischen Element Vanadium und sollen bis zu 30 Prozent mehr Leistung liefern als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Laut einem Konzernsprecher hat die Swatch Group auch in den Bereichen Sensorik und in der Mikromechanik neue Patente angemeldet, allein im vergangenen Jahr waren es 180.

Infografik: Die innovativsten Unternehmen der SchweizGrafik vergrössern

Doch auch Weltklassepatente haben nicht alle den gleichen Wert. Daher hat BAK 40 so genannte Zukunftstechno­logien ermittelt, um die Analyse weiter zu verfeinern.Diese besonders als ­zukunftsträchtig erachteten Technologien sind zum Beispiel Biotechnologie, Robotik oder künstliche Intelligenz. Auf diese Weise ist es möglich, zu vergleichen, welche Länder und Regionen bei den Weltklassepatenten in diesen Toptechnologien vorne liegen. In dieser Analyse rückt die Schweiz weiter nach vorne im Weltranking: Sie erreicht den siebten Platz. Die meisten Weltklasse­patente gibt es hierzulande in den Zukunftstechnologien Pharma, Biotechnologie und Medizinaltechnik – ein Ergebnis, das wenig überrascht. Mit Blick auf die Stärken der Schweiz fällt zudem auf, dass der Bereich Sensorik stark zugenommen hat. Dieser ist ein wichtiger Baustein für die digital vernetzte industrielle Fertigung, die sogenannte Industrie 4.0.

In einigen wichtigen Feldern findet die technische Entwicklung aber offenbar weitgehend ohne die Schweiz statt. Weder bei den Top-30-Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz noch bei Fintech findet sich ein Schweizer Unternehmen. Das geht aber auch den anderen europäischen Ländern so, denn bei beiden Themen ist die Dominanz der USA erdrückend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 06:34 Uhr

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