Junge verlieren in der Pensionskasse Milliarden

Versicherte zahlen derzeit in der 2. Säule Zuschüsse an Rentner. Und das ziemlich üppig. «Kritische Grenze erreicht», heisst es jetzt.

«Eine Reform zur Sicherung der Altersvorsorge duldet keinen weiteren Aufschub»: Pierre Triponez von der Aufsicht über die zweite Säule.
Video: Keystone

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Wer heute in einer Pensionskasse für die Altersvorsorge spart, wird finanziell bestraft. Denn die Vorsorgeeinrichtungen stopfen damit auch Finanzierungs­lücken bei Rentnern. Dazu liegen erstmals zuverlässige Zahlen vor. Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK) hat diese erhoben, und die Pensionskassen sind verpflichtet, ihr Auskunft zu geben. Gemäss den gestern veröffentlichen Resultaten wurden seit 2014 jährlich mehr als 7 Milliarden Franken von aktiven Versicherten und Arbeitgebern zu Rentenbezügern umverteilt. Bei einem Kapital von 100'000 macht das bei einem Versicherten durchschnittlich 1300 Franken aus. Pro Jahr. Und damit nicht genug: Die Versicherten müssen sich später einmal mit tieferen Renten begnügen als die heutigen Bezüger, da die Umwandlungssätze sinken. Wer derzeit mit Lohnbeiträgen für die Altersvorsorge spart, ist so gesehen also doppelt im Nachteil.

Der Grund für die Deckungslücken liegt in den gesetzlich garantierten Renten. Als sie vor Jahrzehnten festgelegt wurden, ging die Rechnung noch auf. Doch seither ist einerseits die Lebenserwartung deutlich gestiegen, weshalb die Renten für längere Zeit ausbezahlt werden müssen. Andererseits sind die Zinsen gefallen und verharren seit Jahren auf tiefem Niveau, was die Rendite auf dem Vorsorgekapital schmälert.

Tieferer Umwandlungssatz

Die neuen Zahlen zeigen, dass Korrekturbedarf besteht. Für die OAK stehen zwei Empfehlungen im Vordergrund. Erstens soll der Umwandlungssatz gesenkt und flexibilisiert werden. Der Mindestsatz in der obligatorischen Versicherung liegt heute bei 6,8 Prozent. Das ist die Rente, die auf dem angesparten Kapital ausbezahlt wird. Dieser Satz ist gesetzlich verankert. Das Stimmvolk lehnte im vergangenen Herbst mit dem Nein zur Altersvorsorge 2020 eine Senkung auf 6,0 Prozent ab. Der Markt gibt derzeit allerdings noch weniger her. Das widerspiegeln die Umwandlungssätze bei der überobligatorischen Vorsorge, wo es kein solches gesetzliches Korsett gibt: Hier liegen die Sätze in der Regel bei 5,5 Prozent oder tiefer. Solche Senkungen im überobligatorischen Bereich sind auch der Grund für den Rückgang der Umverteilung im Jahr 2017.

Zweitens empfiehlt die OAK eine transparente Nachfinanzierung. Wenn also schon jüngere Versicherte aus ihrer Vorsorge Zuschüsse an die Rentner leisten müssen, so soll dies auf transparente Weise geschehen. Der umverteilte Betrag müsste so auf dem Pensionskassenausweis zum Beispiel als Beitrag zur Stabilisierung der Vorsorgeeinrichtung aufgeführt werden. Heute ist diese Quersubventionierung für die Versicherten in der Tat nicht transparent. Sie kommt unter anderem in einem tieferen Deckungsgrad zum Ausdruck. Auch bei den Risikozuschlägen – Versicherungen gegen Tod und Invalidität –gibt es dafür Handlungsspielraum.

«Kritische Grenze erreicht»

Laut OAK-Präsident Pierre Triponez ist der Reformdruck gross: «Die jährliche Umverteilung von aktiven Versicherten zu den Rentnern hat eine kritische Grenze erreicht.» Das strapaziere die Solidarität in der beruflichen Vorsorge. Hinter der etwas abstrakten Solidarität stecken folgende Überlegungen: Bei hoher Umverteilung steigt der Anreiz, zum Beispiel mehr Geld aus der Pensionskasse für eine Hausfinanzierung zu beziehen und die Altersvorsorge anderweitig voranzutreiben. Zudem gibt es die Möglichkeit, dass Einkommen über 127'000 Franken in Pensionskassen eigenverantwortlich angelegt werden können. Leute mit hohen Einkommen können sich so der Umverteilung entziehen. «Eine Reform zur Sicherung der Altersvorsorge duldet keinen weiteren Aufschub», folgert Pierre Triponez aus diesen Gründen.

Die gute Performance der Aktien bescherte den Pensionskassen im vergangenen Jahr gute Zahlen, womit das Problem vorübergehend etwas entschärft wurde. Sinken aber die Aktienkurse über längere Zeit, dürfte Triponez in seiner Warnung bestätigt werden.

Doch bis die Weichen neu gestellt werden, verstreicht noch einige Zeit. Nach dem Scheitern der Altersvorsorge 2020 hat der Bundesrat eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Sozialpartner von Arbeitgebern und Gewerkschaften eingesetzt. Sie haben sich im April mit Innenminister Alain Berset getroffen. Innerhalb eines Jahres sollen sie Reformvorschläge ausarbeiten.

Mit dabei ist Martin Kaiser vom Arbeitgeberverband. Über Inhalte redet er noch nicht. Gemäss aktuellem Zeitplan geht er aber davon aus, dass die Reform der beruflichen Vorsorge frühestens 2022 in Kraft treten könnte. Bis dahin dürften etliche weitere Milliarden umverteilt worden sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2018, 06:47 Uhr

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