Kampf gegen Alzheimer: Rückschlag für Schweizer Forschung

Schon andere Multis sind gescheitert, jetzt traf es auch Roche.

Bei Alzheimer sterben massiv Gehirnzellen ab: Links ein geschädigtes Hirn, rechts ein gesundes. Foto: Keystone

Bei Alzheimer sterben massiv Gehirnzellen ab: Links ein geschädigtes Hirn, rechts ein gesundes. Foto: Keystone

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Erneut haben zwei Pharmafirmen einen herben Rückschlag bei der gemeinsamen Entwicklung eines Alzheimermedikaments einstecken müssen. Gestern gaben die Basler Roche und das Unternehmen AC Immune aus Lausanne bekannt, dass sie zwei Studien frühzeitig beenden. Die Unternehmen hatten den Wirkstoff Crenezumab in zwei Phase-3-Studien an Alzheimerpatienten getestet. Bei den Kranken wurden aber keine deutlichen Verbesserungen festgestellt.

Die Liste der gescheiterten Firmen, die an einer Substanz gegen das fortschreitende Vergessen tüfteln, ist damit um zwei Unternehmen länger. Das Gleiche ist anderen Pharmakonzernen wie Eli Lilly, Astra-Zeneca, Johnson & Johnson oder Merck passiert.

Am deutlichsten zeigte vor einem Jahr Pfizer, dass es mittelfristig nicht damit rechnet, Medikamente gegen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson auf den Markt zu bringen. Pfizer als weltweit grösster Pharmakonzern hat die Forschung im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen 2018 komplett eingestellt. 300 Mitarbeiter verloren in den USA den Job.

Kein Nutzen für die 1500 Studienteilnehmer

Ob der Rückschlag nun bei ­Roche Stellen kosten könnte, ist ungewiss. «Da wir die Resultate kurzfristig erhalten haben, werden wir allfällige Auswirkungen prüfen», sagt Roche-Sprecherin Anja von Treskow. Anleger an der Börse zeigten sich gestern unbeeindruckt. Das Unternehmen legt heute seine Jahresbilanz vor.

Als Belastung erwies sich die Einstellung der Studien allerdings für AC Immune, deren Kurs an der US-Technologiebörse Nasdaq dramatisch einbrach und im Vergleich zum Vortag zwischenzeitlich über 60 Prozent an Wert verlor. Für Andrea Pfeifer ist der Stopp der Studien «eine grosse Enttäuschung». Die Chefin von AC Immune relativiert ­indes die Zahlen: «Wir haben bis 2024 eine gesicherte Finanzierung und werden die Zeit nutzen, unsere Pipeline weiter auszubauen.» Die Alzheimerkrankheit ist die ­häufigste Form einer Demenz, an der weltweit rund 50 Millionen Menschen leiden. Jährlich werden 10 Millionen neue Fälle diagnostiziert. In der Schweiz sind laut der Organisation Alzheimer Schweiz schätzungsweise 151'000 Menschen von einer Demenz betroffen. Die Zahlen können sich bis 2040 ­wegen der demografischen ­Entwicklung hierzulande auf 300'000 Kranke erhöhen.

Bisher gibt es keine Wirkstoffe, welche die Ursachen der Alzheimerkrankheit bekämpfen. Bei den Patienten sterben im Laufe der Krankheit massiv Gehirnzellen ab. Vermutlich ist dafür ein Eiweiss-Bruchstück verantwortlich, genannt Beta-Amyloid, das sich im Gehirn ablagert und die Nervenzellen schädigt. Substanzen wie der von AC Immune entwickelte Antikörper Crenezumab fischen das schädliche Beta-Amyloid aus dem Gehirn. Offenbar aber ohne deutlichen Nutzen für die 1500 Studienteilnehmer.

Noch früher ansetzen

In Analystenkreisen kursieren unterschiedliche Einschätzungen zu den Erfolgschancen des Beta-Amyloid-Ansatzes. Die Bank Vontobel berücksichtigt diesen Therapieansatz beispielsweise nicht bei der Bewertung von Roche.

Bei der Investmentbank Jefferies war dem Medikament Crenezumab hingegen zwischenzeitlich ein Potenzial von mehreren Milliarden Dollar Jahresumsatz zugetraut worden. Gestern schrieb ein Jefferies-Analyst laut Reuters, dass sich der aktuelle Rückschlag auch auf die Forschung weiterer Unternehmen auswirken könnte, die in diesem Feld arbeiten.

Dabei sind die Rückschläge nicht neu. Auch die meisten anderen Substanzen aus den rund 100 gescheiterten Studien bekämpften das Beta-Amyloid. Andrea Pfeifer hält den Ansatz dennoch für sinnvoll. «Wir müssen noch früher mit der Behandlung der Kranken beginnen», sagt sie, obwohl in den nun gestoppten Studien bereits Patienten in einem sehr frühen Alzheimerstadium Crenezumab erhielten.

Zellen sind irreversibel tot

Das Problem sei, dass die Prozesse im Gehirn schon zu weit fortgeschritten seien, wenn Patienten die ersten Symptome zeigen und krankhaft vergesslich werden. Die verlorenen Nervenzellen können nicht wieder hergestellt werden. Das Ziel ist nun, dass sie gar nicht erst absterben.

Im Moment läuft deshalb eine andere Studie mit demselben Wirkstoff bei Bewohnern eines kolumbianischen Dorfs. Sie bekommen wegen einer genetischen Veränderung schon ab 40 Jahren Alzheimer und nicht wie die Patienten bei der sporadischen und sehr viel häufigeren Form der Krankheit ab 60 Jahren.

Die Hoffnung der Forscher ist, potenzielle Alzheimerbetroffene vor dem Nervensterben zu schützen, solange sie noch gesund sind. Roche und AC Im­mune haben weitere Studien am Laufen. Im Gehirn der Alzheimerkranken treten noch andere Veränderungen auf, beispielsweise durch ein Eiweiss namens Tau. Je häufiger sich Tau ablagert, desto vergesslicher sind die Patienten. Auch da führen Roche und AC Immune eine allerdings noch frühe Patientenstudie durch.

Roche wird sich weiterhin an der Entwicklung neuer Medikamente gegen Alzheimer beteiligen, betont Anja von Treskow. Die Neurowissenschaften seien ein wachsender Bereich bei Roche und ein Schwerpunkt neben der Krebsforschung und Augenheilkunde. Und Andrea Pfeifer appelliert auch an die Gesellschaft: «Wir müssen global etwas tun, um den Alzheimerkranken zu helfen.»

Mitarbeit: Patrick Griesser

Erstellt: 30.01.2019, 21:10 Uhr

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