Kampf um die letzten Tropfen

Kalifornien erlebt die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Die Bauern graben sich gegenseitig das Wasser ab.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Cannon Michael über seine topf-ebenen, noch frischen Ackerflächen blickt, sieht er die Geschichte seines Ururururgrossvaters. Henry Miller, ein armer Einwanderer aus Süddeutschland, kaufte hier vor mehr als 150 Jahren ungenutztes Weideland, züchtete Rinder und stieg zu einem der mächtigsten Viehbarone im Westen auf. Schon Cannon Michaels berühmter Vorfahre kämpfte ums Wasser. Nur die Zucht von widerstandsfähigen Rindern half ihm über Dürreperioden hinweg und erlaubte ihm, bankrotten mexikanischen Züchtern ihr Land abzukaufen.

Henry Miller war laut einer Biografie einer der ersten «industriellen Cowboys». Und er war einer der Ersten, die das Land mit einem komplexen System von Stauwehren und Kanälen fruchtbar machten. «Seine Bewässerungsanlagen haben uns über sechs Generationen hinweg gut gedient», sagt Cannon Michael. «Doch jetzt ist unsere Wasserversorgung erstmals akut bedroht.» Er befürchtet, dieses Jahr 30 Prozent der Anbauflächen brach legen und einige der 60 Angestellten entlassen zu müssen.

Grundwasser akut bedroht

Die anhaltende Dürre, die ins vierte Jahr geht, ist dabei nur einer der Gründe für die teilweise Stilllegung des Betriebs, der mit fast 4500 Hektaren zu den ganz grossen der Region zählt.

Was Bauern wie Michael mehr Sorge macht, sind die Kanäle und Reservoirs, die oft vor Jahrzehnten angelegt wurden und die Bewässerung der Böden sicherstellen. Immer mehr Agrarbetriebe in Kalifornien haben seit dem letzten Jahr kein Wasser mehr beziehen können. Sie bohren deshalb selber und immer tiefer in die Grundwasserreservoirs. Im Tulare-Becken, wo noch bis vor 110 Jahren ein grosser See lag, ist der Boden teilweise um bis zu 20 Meter abgesackt, weil tiefe Lehmschichten wegen der Wasserbohrungen eingebrochen sind. Diese Entwicklung ist alarmierend.

Das Central Valley von Bakersfield bis Redding verbraucht heute zweimal mehr Grundwasser, als die Natur durch Regen und Schneefall zu geben vermag. Die Folge für Farmer wie Michael: Dank vererbter Quellwasserrechte hat er zwar eigentlich selber genug Wasser. Aber weil seine Nachbarn tiefer denn je bohren, ist deren Land abgesunken – weshalb die Bewässerungskanäle sich nun in die falsche Richtung neigen. «Wasser fliesst auch bei uns nicht bergauf», sagt Michael. Diesen Sommer muss er deshalb Teile des Bewässerungssystems umbauen. Wie lang es dann hält, hängt von den Nachbarn ab.

Asien liebt kalifornische Nüsse

Erschwert wird diese ungemütliche Lage dadurch, dass Kalifornien als einziger Staat im Westen keine übergeordnete Kontrolle des Grundwassers hat. Gouverneur Jerry Brown will dies ändern. Doch hat die industrielle Agrarlobby eine Anpassungsfrist bis 2040 herausgeholt – viel zu lang, um den aktuellen Wassernotstand zu beheben.

2015 könnte sich als Katastrophenjahr schlechthin erweisen. Die Schneedecke in den Bergen der Sierra Nevada befindet sich auf einen Rekordtief. «Wir stehen vor einem fundamentalen Wandel», erklärt Peter Gleick, Präsident des Pacific Institute, einer führenden Umweltschutz- und Forschungsgruppe. «Selbst in nassen Jahren verbrauchen wir zu viel Grundwasser. Nun verschärfen sich die Dürrezyklen wegen des Klimawandels. Die Temperaturen steigen, was den Verbrauch der Landwirtschaft steigen lässt. Kalifornien droht die letzten Grundwasserreserven zu verlieren.»

Die Bauern im trockenen Innern von Kalifornien verlassen sich seit Jahrzehnten darauf, dass sie über Kanäle aus den Bergen genügend Wasser erhalten. Doch wegen der seit 2012 herrschenden Dürre haben die Behörden die Zuteilungen um bis zu 80 Prozent gekürzt, während sie Frischwasser für die Umwelt – namentlich die Fische im Delta des Sacramento River – stabil hielten. Dabei ist das Central Valley eines der weltweit fruchtbarsten Agrargebiete. Auf über 24'000 km2 – einer Fläche mehr als halb so gross wie die Schweiz – werden mehr Früchte, Gemüse, Nüsse und Beeren produziert als irgendwo sonst in den USA. Im Winter kommen sogar über 80 Prozent der Frischwaren aus dem sonnigen Westen.

Nusspflanzer als bevorzuges Feindbild

Doch nicht nur die US-Konsumenten, auch die neue asiatische Mittelschicht liebt kalifornische Produkte. Insbesondere Mandeln, Baumnüsse und Pistazien sind gefragt – ausgerechnet jene Agrargüter, die am meisten Wasser brauchen. 80 Prozent aller Mandeln weltweit kommen aus Kalifornien. Eine Ernte verbraucht so viel Wasser wie Los Angeles in drei Jahren konsumiert. Zwei Baumnüsse benötigen mehr Flüssigkeit als ein Geschirrspüler pro Waschgang. Kein Wunder, sind die Nusspflanzer zum bevorzugten Feindbild der Umweltorganisationen geworden.

Craig McNamara weiss um die Kritik. Aber, sagt er, der Markt diktiere die Preise. «Wasser ist so kostbar, dass es doch Sinn macht, das herzustellen, was am meisten gefragt ist.» McNamara produziert in der Nähe von Sacramento auf einer 180 Hektaren grossen Farm fast 600 Tonnen Baumnüsse. Er stellte schon vor mehr als 30 Jahren auf den biologischen Landbau um und sagt, er beziehe sämtliches Wasser aus eigenen Quellen. «Was soll ich tun? Soll ich aufhören und zulassen, dass Baumnüsse in anderen Ländern hergestellt werden, die weniger strikte Bestimmungen und Kontrollen haben als Kalifornien? Das macht doch keinen Sinn.» McNamara, Sohn des früheren Verteidigungsministers unter Präsident John F. Kennedy verschweigt nicht, dass ihm die grosse Nachfrage nach Biobaumnüssen ein kaum je erwartetes Einkommen erlaubt. «Die Preise für meine Baumnüsse bewegen sich derzeit jenseits aller Rekorde.»

Krach mit Umweltschützern

Aber sogar McNamara ist verunsichert. Die Wasserkrise hat Umweltschützer und Bauern gegeneinander aufgebracht und droht die Kluft zwischen Stadt und Land zu vergrössern. Gouverneur Jerry Brown hat dieses Jahr zum ersten Mal ein Zwangssparen verhängt: Haushalte und Industriebetriebe müssen ihren Verbrauch um maximal 35 Prozent reduzieren. Auf ihr Konto gehen jedoch nur 10 Prozent, während die Landwirtschaft 80 Prozent des kontrollierten Wassers bezieht. «Die Bauern verbrauchen klar zu viel Wasser und glauben, ein Recht darauf zu haben», sagt Caitrin Phillips Chappelle vom Public Policy Institute of California. «Dennoch können wir ihnen nicht vorschreiben, was sie anbauen. Mandeln beispielsweise sind ein Risiko. Ihre Produktion muss auf Jahrzehnte geplant und finanziert werden.» McNamara etwa hat seine Baumnussplantagen auf 50 Jahre hinaus angelegt.

Die Gefahr ist, dass die Bauern die Wasserkrise aussitzen, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Erfahrung lehrt schliesslich, dass Dürren zu Kalifornien gehören wie Erdbeben. Sowohl der Biobauer wie auch der industrielle Farmer warnen vor einer solchen Gleichgültigkeit. «Wir haben eine Verantwortung für die Versorgung des Landes mit Gemüse und Früchten», sagt Michael. Er habe deshalb entschieden, den an sich lukrativen, aber wasserintensiven Anbau von Baumwolle aufzugeben und sich auf Tomaten zu konzentrieren. «Die Trockenheit ist dort kein Nachteil. Meine Tomaten wachsen sogar besser, wenn sie wenig Wasser haben.» Er hofft, die Krise auch als Chance zur Aufklärung der Kunden nutzen zu können. «Wenn wir uns in Kalifornien nicht anpassen, wird Mexiko noch so gerne als Produzent übernehmen. Allerdings bedeutet Landwirtschaft dort auch Kinder- und Sklavenarbeit.»

Biobauer McNamara sieht die Lösung in einer besseren Nutzung der Agrarprodukte selber. 40 Prozent aller Ware landet noch heute im Abfall, sei es in den Läden, bei den Konsumenten oder auf den Feldern selber. Deshalb haben er und andere Biobauern begonnen, Grünabfälle einer Verwertungsanlage zu schicken, die daraus einen flüssigen Kompost herstellt. «So bringen wir das kostbare Wasser erneut auf die Felder», sagt er. Umweltschützer sind jedoch nicht so leicht zu besänftigen. Sie sind in Kalifornien in den letzten Jahren mit einer Reihe von Klagen gegen die Landwirtschaft vorgegangen. Der Staat weist heute die grösste Regelungsdichte für die Landwirtschaft auf, was die meisten Bauern als Fluch und Segen zugleich empfinden.

Soziale Spannungen

Diese Verhärtung nagt an den Bauern. McNamara hat die wachsende Missstimmung in der Region rund um Winters, wo er seit 1980 seinen Betrieb führt, selber gesehen. Sie macht ihn ratlos. «Die meisten hier sind Demokraten, sind Umweltschützer, und viele sind auch Bauern. Doch so tief war der Riss unter uns noch nie. Nicht einmal auf einen kleineren Staudamm in einem abgelegenen Can­yon können wir uns einigen. Das ist frustrierend.» Er ist nicht der Einzige. Bauern wie Umweltschützer, Politiker wie Bürger hoffen jetzt, dass die grosse Dürre es schafft, einen neuen Gemeinschaftssinn zu wecken. Sie wissen, dass die Geschichte von Kalifornien mit dem Kampf ums Wasser begann und damit enden wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 23:24 Uhr

Artikel zum Thema

«Der Klimawandel ist kein Scherz»

Erstmals in seiner Geschichte macht Kalifornien angesichts extremer Dürre seinen Bürgern Vorschriften zum Wasserverbrauch. Gouverneur Jerry Brown rechtfertigt sich nun in einem Interview für die Massnahmen. Mehr...

Kalifornier sparen die letzten Tropfen

Der Notstand ist ausgerufen: Kalifornien schränkt seinen Wasserverbrauch wegen einer extremen Dürre drastisch ein – zum ersten Mal in der Geschichte. Mehr...

Der tägliche Kampf um ein Glas Wasser

Der Südosten Brasiliens leidet unter der schlimmsten Dürre seit über 80 Jahren. Nun schlägt die Verzweiflung der Bürger langsam in Wut um. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das Potenzial von Megatrends nutzen

Thematisches Investieren setzt sich neben regionalem und sektoriellem Anlegen immer mehr durch.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...