Keinen Most mehr

Frankreich, Indien, Norwegen und Volvo verabschieden sich vom Verbrennungsmotor. Das wird unser Leben ändern.

Der Bundesrat möchte mehr davon: E-Tankstelle. Foto: Thomas Egli

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«Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.» Wilhelm II. (1859–1941), deutscher Kaiser

Oft hat man den Benzinmotor totgeschrieben, viele versuchen, ihn abzuwürgen – munter brummt er weiter. Doch nun könnte er tatsächlich ausgedreht haben.

Frankreich werde den Verkauf von Benzin- und Dieselautos ab 2040 verbieten, verkündete der neue Umweltminister letzte Woche. Damit schliesst sich das Land Norwegen und Indien an. Dieses will bereits ab 2030 nur noch Elektroautos zulassen. Norwegen – einer der weltweit grössten Erdölproduzenten – hat sich vorgenommen, das gleiche Ziel in acht Jahren zu erreichen.

Elektroautos holen auf

Auch die Industrie wendet sich ab von der Erdölmobilität: Als Erste der klassischen Autobauer will Volvo ab 2019 nur noch elektrisch betriebene Autos oder solche mit Hybridantrieb herstellen. Dies verkündete die schwedische Marke, die mittlerweile einem chinesischen Konzern gehört, ebenfalls letzte Woche. Fast zur gleichen Zeit präsentierte Tesla, das bisher nur Luxus-Elektromobile herstellte, sein erstes massentaugliches Modell. Bereits hat der Marktwert der Stromautofirma jenen traditioneller Autohersteller wie Ford überholt.

Kurz: Elektroautos holen auf, trotz erdölhaltigem US-Präsidenten und billigem Benzin.

Neben dem Strommotor könnten zwei weitere Grossinnovationen das Autofahren revolutionieren: selbst steuernde Systeme und Carsharing. Ob Autos irgendwann ohne menschliche Hilfe lenken können und ob die Lenker wirklich bereit sind, ihre Fahrzeuge miteinander zu teilen, bleibt umstritten. Viele Experten gehen davon aus.

Die Hoffnung besteht darin, dass selbst fahrende, geteilte Elektroautos den Individualverkehr umweltschonend machen. Derzeit sorgt der Transportsektor für ein Viertel aller CO2-­Mass-nahmen. Dieser Anteil soll gewaltig schrumpfen – dank den Antrieben mit sauberem Strom und dank Computern, deren geschicktere Fahrweise bis zu 90 Prozent Energie einsparen soll.

Zwei Thesen zur Veränderung

Die angekündigte Autorevolution reicht aber weit über den Umweltschutz hinaus. Kaum eine Erfindung hat unsere Umgebung so stark geformt wie der Verbrennungsmotor. Autos machten das Entfernte erreichbar, dadurch zogen sie die Besiedlung auseinander. Ohne Verbrennungsmotoren gäbe es weder Einkaufszentren am Dorfrand noch Einfamilienhaus-Agglomerationen. Wir würden weiterhin in geballten Dörfern und Städten wohnen.

Logisch, dass auch selbst lenkende Elektroautos unsere Lebensweise verändern werden. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Dazu gibt es zwei widersprüchliche Thesen.

These eins: Die Dehnung verstärkt sich. Weil Autofahren umweltschonender und platzsparender funktioniert (autonome Autos können näher zueinander aufrücken), gewinnt es auch unter Grünen an Akzeptanz. Das Pendeln gestaltet sich zudem angenehmer. Man kann im Auto tun, was man will. Ob man eine halbe oder eine Stunde drinsitzt, macht kaum einen Unterschied. Zentrales Wohnen verliert an Bedeutung. Die Zersiedelung erschliesst noch abgelegenere Orte.

 Das Auto der Zukunft wird das Leben an zwei völlig unterschiedlichen Orten angenehmer machen: im Stadtzentrum und an der Peripherie. Niemand kann wissen, wohin es mehr Menschen ziehen wird.

These zwei behauptet das Umgekehrte: Gescheite Elektroautos machen den Stadtverkehr effizienter und leiser. Feierabendstaus lösen sich auf, der Strassenlärm verstummt, die Luft wird klarer, Fussgänger und Velos bekommen mehr Raum. Als Folge steigt die Lebensqualität in den Städten. Ein zentraler Grund, aufs Land zu ziehen, fällt weg. Die urbane Renaissance, die bereits auf Hochtouren läuft, beschleunigt sich. Die Menschen rücken wieder zusammen.

Anders gesagt: Das Auto der Zukunft wird das Leben an zwei völlig unterschiedlichen Orten angenehmer machen: im Stadtzentrum und an der Peripherie. Niemand kann wissen, wohin es mehr Menschen ziehen wird.

Das alles klingt kühn, verheissungsvoll. Nur in der Schweiz scheint die Frage nicht besonders zu drängen. Der Bundesrat will mehr Stromtank­stellen bauen, im Vergleich zu Norwegen bleibt das ein bescheidenes Ziel. Laut Schätzung des Bundes wird 2030 etwa ein Zehntel aller Schweizer Autos mit Strom laufen. Fährt man in diesem Tempo weiter, überlebt der Benzinmotor locker das 21. Jahrhundert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 00:21 Uhr

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