Kleineren Unternehmen fehlt das Geld zum Wachsen

Der Schweizer Maschinenindustrie geht es wieder besser. Für die Digitalisierung benötigen kleinere Firmen nun finanzielle Mittel, sie erhalten aber kaum Kredite.

Die Produktion von Skitourenbindungen des Unternehmens Fritschi in Reichenbach, aufgenommen am 26. September 2012. Foto: Mara Truog (Keystone)

Die Produktion von Skitourenbindungen des Unternehmens Fritschi in Reichenbach, aufgenommen am 26. September 2012. Foto: Mara Truog (Keystone)

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Schon lange hörte man aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie nicht mehr so optimistische Töne wie jetzt. «Erstmals seit vielen Jahren stehen wieder alle Ampeln auf Grün», meinte gestern Swissmem-Präsident Hans Hess mit Verweis auf die vielen positiv erscheinenden Konjunktur- und Branchenindikatoren. «Nach zehn mageren Jahren», so Hess an der Halbjahresmedienkonferenz von Swissmem, könnten nun wieder fettere Jahre kommen. So verspricht der Einkaufsmanagerindex der Industrie weltweit ein kräftiges Wachstum.

In der Schweiz notiert der auf der ­Befragung von Einkäufern zahlreicher Unternehmen basierende Konjunkturindikator bei 60,9 Punkten und damit so hoch wie schon lange nicht mehr. Dabei weisen bereits Werte von über 50 auf ein Wachstum hin.

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In der Realität zeigt sich der Aufschwung in der Entwicklung der Exporte: Diese sind in der MEM-Industrie von Januar bis Juni dieses Jahres rund zweieinhalb Prozent höher ausgefallen als im ersten Halbjahr 2016. Die Umsätze der MEM-Firmen sind gleichzeitig sogar um über 6 Prozent gestiegen und haben inzwischen beinahe wieder das Niveau von Januar 2001 erreicht. Und selbst die Auftragseingänge lassen hoffen, obwohl diese heuer im Vergleich über 3 Prozent tiefer zu liegen kamen.

Es könnte noch besser kommen

Der Rückgang hat allerdings statistische Gründe: Da vor einem Jahr aussergewöhnlich viele Aufträge in die Bücher genommen wurden, täuscht das Minus darüber hinweg, dass sich die Auftragseingänge auch aktuell auf hohem Niveau bewegen, wie Swissmem-Vizedirektor Jean-Philippe Kohl ausführte.

Nun könnte es noch besser kommen. Denn der Euro-Franken-Wechselkurs hat erst im Juli die 1.10-Franken-Marke überschritten, was bedeutet, dass die jüngste Abwertung des Frankens noch gar nicht in die aktuellen Auftrags- und Umsatzzahlen eingeflossen ist. «Das war eine positive Überraschung, welche gerne entgegengenommen wurde», meinte Kohl. Obwohl der Franken nach Ansicht von Swissmem auch mit einem Kurs von 1.14 noch überbewertet ist, gibt die jüngste Wechselkursentwicklung den Unternehmen doch Rückenwind.

Die gute Ausgangslage gilt es allerdings zu nutzen. Und ob das gelingt, hängt nach Ansicht von Swissmem-Präsident Hans Hess genauso von der Innovationskraft der Unternehmen ab wie von der Verfügbarkeit von geeigneten Fachkräften und vom guten Zugang zu den Absatzmärkten.

So deutlich hat Swissmem bisher noch nie auf die Schwierigkeiten hingewiesen, mit welchen Industrieunternehmen bei der Kapitalbeschaffung kämpfen.

So nahm Hess gestern vor den Medien einerseits die Politik in die Pflicht, welche um einen weiterhin guten Zugang zum EU-Binnenmarkt bemüht sein müsse, die Personenfreizügigkeit mit der EU aufrechterhalten solle und nicht am liberalen Arbeitsmarkt rütteln dürfe.

Andererseits seien aber auch die Unternehmen gefordert, die vermehrt in Kooperation mit Hochschulen und anderen Partnern ihre Innovationskraft zu erhöhen hätten, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Zudem gelte es, neue Modelle zu finden, wie Mitarbeitende unabhängig von Alter und beruflicher Stellung für neue Stellenprofile fit gemacht werden könnten.

Kredite fast nur noch für Dienstleister

Wenn Unternehmen aber in die Innovation, die Digitalisierung und die Ausbildung investieren wollen, brauchen sie finanzielle Mittel. Solche fehlen vielen Industrie-KMU aber, nachdem ihre Marge nach der Finanzkrise und durch den starken Franken arg gelitten hat. «Nicht nur Start-ups benötigen Kapital, auch gestandene KMU brauchen Kapital, damit sie sich bietende Chancen nutzen können», sagt Hess.

Der Swissmem-Präsident richtete daher einen Appell an die Finanzbranche, ihre Aufgabe als Vermittler von Eigen- und Fremdkapital im Sinne der ganzen Volkswirtschaft wahrzunehmen. So deutlich hat Swissmem bisher noch nie auf die Schwierigkeiten hingewiesen, mit welchen Industrieunternehmen bei der Kapitalbeschaffung zu kämpfen haben.

Hans Hess, Präsident von Swissmem, spricht an der Jahresmedienkonferenz des Verbands der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Mühe dabei haben insbesondere KMU, wie bei Swissmechanics, dem Verband der eher kleineren Industriebetriebe, zu erfahren ist. Dort wird bemängelt, dass fast nur noch Dienstleistungsunternehmen Bankkredite erhielten und viele kreditbedürftige Industrie-KMU nicht mal mehr einen Kreditantrag stellten.

Gründe dafür seien unter anderem die zu hohen Sicherheiten, welche die Banken erwarteten, aber auch ungünstige Kreditkonditionen. Das führe dazu, dass der Anteil der Unternehmen mit Bankfinanzierung in der Schweiz mit 35 Prozent deutlich tiefer als in den Nachbarländern sei. Swissmechanics weist auch darauf hin, dass KMU in der Schweiz in Umfragen den Zugang zu ­Finanzquellen weiterhin als drängendes Problem taxieren. In der EU dagegen sei das Thema, nach der Geldschwemme der Europäischen Zentralbank der letzten Jahre, von der Sorgenliste der KMU verschwunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2017, 20:17 Uhr

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