Konfibrot ist belastender als warm duschen

Wie stark müssten wir unser Leben einschränken, sofern die Initiative «Grüne Wirtschaft» angenommen wird? Drei Beispiele dazu.

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Infografik: Die Umsetzung der Volksinitiative ist machbarGrafik vergrössern

Wir leben heute stark über unsere Verhältnisse. Wie stark, ist umstritten. Wissenschaftler haben nach Methoden gesucht, um diese übermässige Belastung darzustellen. Eine von mehreren Methoden heisst ökologischer Fussabdruck und steht mit der Volksinitiative Grüne Wirtschaft zur Diskussion. Über sie wird am 25. September abgestimmt.

Erfunden hat die Methode der in der Schweiz aufgewachsene und in den USA lebende Wissenschaftler Mathis Wackernagel im Jahr 1999. Sein Trick war, dass er jede Belastung anschaulich in Erd­flächen umrechnet. Deshalb ist diese Methode heute weltbekannt. Wie das Bundesamt für Statistik errechnet hat, belastet jeder Schweizer die Erde heute im Durchschnitt 3,3-mal. Wir leben also 3,3-mal über unsere natürlichen Verhältnisse. Bei einem Ja zur Initiative müssten wir diesen Fussabdruck bis ins Jahr 2050 auf eine Erde reduzieren. Ob dies realistisch und realisierbar ist, ist heftig umstritten. Die Gegner sagen, dass wir unseren Lebensstil massiv ändern müssten, um dieses Ziel zu erreichen, was negative Folgen auch für die Wirtschaft hätte. Die Befürworter gehen davon aus, dass sich die Technik bis in 34 Jahren so weit verbessert, dass das Ziel einer Erde erreichbar sei.

Über die Hälfte aller hierzulande verarbeiteten und konsumierten Waren stammt aus dem Ausland.

Der TA bat Gegner und Befürworter, die Auswirkungen anhand von neun Beispielen zu erläutern. Der befürwortende Wirtschaftsverband Swisscleantech erklärte sich bereit, drei Beispiele mit Fakten extern durchrechnen zu lassen. Er beauftragte das kanadisch-schweizerische Beratungsunternehmen Quantis damit. Dieses Spin-off zweier Universitäten traf die notwendigen Annahmen und ­verwendete zur Berechnung öffentlich zugängliche Ökobilanzprogramme. Die ­Studie bezahlt hat Swisscleantech. Der Initiativgegner Economiesuisse konnte Stellung nehmen. Was sind die Resultate?

Frühstücken belastet

«Die Studie zeigt anhand ausgewählter Alltagssituation, dass sich der ökologische Fussabdruck auch ohne Konsumverzicht bis 2050 auf eine Erde senken lässt», sagen die Studienautoren. Ob zu Hause duschen und frühstücken (Szenario 1), eine Teamsitzung an der Arbeit (Szenario 2) oder ob ein Shoppingtrip nach New York (Szenario 3), die Belastung aller drei Aktivitäten könne bis 2050 unter realistischen Annahmen auf den Zielwert gedrückt werden.

Ein Beispiel: Zu Hause duschen und essen belastet die Erde mit 3,3 (Ausgangswert). Am meisten schenkt das Frühstück ein. Es macht rund zwei Drittel des Fussabdrucks aus (in der Grafik die dunkel- und hellgrüne Säule). Diese Belastung wird durch Fortschritte in der Produktion und im Transport bis ins Jahr 2050 reduziert, so etwa durch eine vollständige Umstellung von Benzin- und Dieselfahrzeugen auf ­Elektrolastwagen. Die Autoren nennen dies Effizienz. Unter solchen Annahmen könnte der Fussabdruck des Frühstücks und Duschens auf 1,5 Erden gesenkt ­werden.

Parallel reduziert die Welt ihren Ausstoss von Klimagasen bis 2050 um rund 80 Prozent. So haben es 174 Länder im vergangenen Jahr auf der Pariser Klimakonferenz vereinbart. Die Autoren nennen es COP21, benannt nach dem Kürzel der Konferenz. Sofern die Länder das Klimaziel bis 2050 erfüllen, reduziert dies die Belastung von Frühstück und Duschen in der Schweiz auf eine Erde.

Dass der Schweizer Fussabdruck von der Umsetzung weltweiter Klimaziele stark abhängt, ist dem Umstand geschuldet, dass über die Hälfte aller hierzulande verarbeiteten und konsumierten Waren aus dem Ausland stammt. Ein Beispiel sind Solarzellen. Viele werden in China produziert. Solange China einen hohen C02-Ausstoss hat und Schweizer diese Solarzellen einführen, importieren sie auch den dortigen hohen C02-Ausstoss in unsere Ökobilanz.

Aufschlussreich ist, dass der ökologische Fussabdruck fürs Essen sich mit Hilfe von Technologie nicht allein so stark reduzieren lässt wie fürs Duschen. (In der Grafik schrumpft die grüne Säule bis 2050 weniger als die violette.) Das lässt sich erklären: Die Studie geht davon aus, dass der Transport und die Warmwasseraufbereitung bis in 34 Jahren fast vollständig mit erneuerbarer Energie erfolgen. Dies eliminiert den C02-Ausstoss fürs Duschen und für den Transport sowie die Röstung von Kaffee. Hingegen bleibt die hiesige Produktion von Brot, Butter, Milch und Konfitüre belastend. «Die Herstellung von Nahrung benötigt Landfläche, was sich nur beschränkt optimieren lässt», erklären die Autoren.

Für dieses Frühstück wird viel Landfläche benötigt. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Die Annahme einer massiven Reduktion der Klimagase bis 2050 ist eine der Hauptkritikpunkte der Gegner. Sie sagen, die Methode des ökologischen Fussabdrucks sei unvollständig. Um dieser Kritik zuvorzukommen, wollte Auftraggeber Swisscleantech wissen, wie die Ökobilanz nach der in der Schweiz gängigen Methode «ökologische Knappheit» ausfällt. Sie wird in Umweltbelastungspunkten (UBP) ausgedrückt. Vereinfacht gesagt, berücksichtigt UBP viel stärker toxische Umweltfaktoren, während der ökologische Fussabdruck vor allem die Klimabelastung darstellt.

Die Studienresultate zeigen tatsächlich erhebliche Unterschiede. Das Ziel einer Erde ist mit der Methode ökologischer Fussabdruck – den die Volksinitiative in die Verfassung schreiben will – deutlich einfacher zu erreichen, als wenn man die Methode der Umwelt­belastungspunkte als Massstab nimmt. In keinem der drei Szenarien konnte die Umweltbelastung nach UBP bis 2050 um das 3,3-Fache gesenkt ­werden.

«Gehört nicht in die Verfassung»

Der Gegner, der Dachverband Economiesuisse, kommentiert entsprechend heftig: «Die Berechnungen zeigen, wie stark der Konsum betroffen ist – am  allermeisten beim Schweizer Konfibrot – und zu welchen unausgereiften Resultaten die Fussabdruck-Methode führt», sagt Dossierleiter Kurt Lanz. Die Resultatevielfalt zeige, dass «keine einzige Methode in unserer Verfassung erwähnt werden darf, wie es die Initiative» vorsehe. Die Studie zeige darüber hinaus klar, dass allein mit Technologiefortschritten das Ziel einer Erde bis 2050 nicht erreicht werden könne. Was die Reduktion der Klimagase gemäss COP21 angehe, könne die Schweiz den Fortschritt im Ausland nicht be­einflussen. «Der Einbezug der Reduktion gemäss COP21 erscheint uns nicht ­zulässig», sagt Lanz.

Auftraggeber Cleantech bekräftigt den Aussagewert. Die Studie zeige, dass «der heute schon absehbare Techno­logiefortschritt eine Reduktion auf eine Erde möglich macht». Noch lange seien nicht alle Effizienzpotenziale ein­be­zogen, die sich heute schon ab­zeichnen, sagt Co-Geschäftsführer Christian Zeyer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2016, 00:44 Uhr

Studie

Die Firma Quantis hat die Auswirkungen der Initiative «Grüne Wirtschaft» auf «private und berufliche Alltagssituationen» in der Schweiz errechnet. Hier geht es zur Kurzstudie und hier zu den Berechnungen.

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