Kranke Banken

USA, Island, Irland, Spanien, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Griechenland – jetzt ist Italien dran. Warum muss man überall Banken retten?

Der kleine Finanzplatz bekommt Billionen. Und sagt: Wääääääähh! Foto: Gallery Stock

Der kleine Finanzplatz bekommt Billionen. Und sagt: Wääääääähh! Foto: Gallery Stock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Historiker einst die Kindheit des 21. Jahrhunderts beschreiben, wird sie aussehen wie in vielen Kinderzimmern:

Der kleine Finanzplatz: Wäääääääh!

Papa Staat: Was hast du? Hier hast du einen 700-Milliarden-Dollar-Keks.

Der kleine Finanzplatz: Wäääääääh!

Papa Staat: Lieber, was noch? Eine Billion Euro Gratiskredit? Mehr Regeln? Mehr Wertschätzung? Du bist ein schöner, starker Finanzplatz!

Der kleine Finanzplatz: Wääh! Wääh! Wääh!

Papa Staat: Was willst du denn noch, du Wanst? Du wirst uns alle umbringen!

Der kleine Finanzplatz: Wäääääääääääähhhhh!

In der Tat ist die Geschichte dieses Jahrhunderts bisher primär die Geschichte kranker Banken – im Moment in Italien. Dort ist die älteste Bank der Welt bankrott, die Monte dei Paschi. Und dem Rest geht es nicht viel besser: Man rechnet mit 350 Milliarden faulen Krediten.

Damit startet ein neues Drama. Die italienische Regierung will die Banken mit Steuergeldern sichern – nur darf sie nicht. Denn seit 1. Januar ist die europäische Bankenunion in Kraft. Und diese verbietet eine Rettung mit Steuergeldern, bevor nicht Aktionäre und Sparer geblutet haben.

Die EU sagte bisher Nein zum Auskauf

Eigentlich eine vernünftige Regel. Die aber zwei fatale Folgen hat: Erstens würde sie die italienische Regierung stürzen, denn in den italienischen Banken sind massiv viele italienische Kleinanleger investiert. Zweitens könnte ein Flächenbrand entstehen, der das europäische Bankensystem einäschert.

Die EU, geführt von Deutschland, sagte bisher Nein zum Auskauf: Man könne Regeln doch nicht durch immer neue Ausnahmen umstossen.

Die Finanzwelt reagierte mit Verzweiflung: Der Ex-Chef der Schweizer Nationalbank, Philipp Hildebrand, warnte vor «einer Katastrophe» und der «zweiten Welle der Finanzkrise».

Der wahrscheinliche Ausgang? Irgendein Kompromiss. Der viel kostet und nichts löst.

Ganze Länder gingen durch die Hölle

Die Episode ist typisch: Panik in immer neuen Ländern, Durchhalteparolen, Regeln, neue ­Regeln und gigantische Kosten: in Geld, aber auch politisch. Bereits gingen ganze Länder durch ihre zusammenbrechenden Banken durch die Hölle – Irland, Spanien, Island.

Auch die Krise der EU ist primär eine Bankenkrise. Das Griechenland-Paradox – die EU finanzierte das teuerste Hilfsprogramm der Geschichte und die griechische Wirtschaft brach zusammen wie ein Land im Krieg – ist nur dadurch erklärbar, dass das Ganze eine verdeckte Rettung des eigenen Bankensystems war: 95 Prozent der 300 Milliarden flossen direkt an die Gläubiger.

Der griechischen Regierung blieb nur die Kapitulation

Und in Griechenland? Nach dem «Nein» der Griechen zu den Sparprogrammen drehte die Europäische Zentralbank den halb toten griechischen Banken die Hilfsgelder ab – und der Regierung blieb keine Alternative als die Kapitulation.

Ebenso ist der Brexit nicht erklärbar ohne den Zusammenbruch des britischen Bankensystems, seine teure Rettung und die brutale Sparpolitik der Regierung danach.

Kurz: Marode Banken sind eine gesellschaft­liche Bombe. Sie haben den reichsten Kontinent der Welt an den Rand des Ruins gebracht.

Nur, warum scheitern Banken? Sieht man die einzelnen Zusammenbrüche an, sind die Ur­sachen auf den ersten Blick völlig verschieden:

  • Der Crash 2008 in den USA war immerhin intellektuell faszinierend. Schuld waren superkomplexe Finanzderivate, die in der Theorie als Versicherung funktionieren sollten. In der Praxis aber ketteten sie sämtliche Banken durch undurchschaubare Komplexität aneinander – sodass nach der Pleite der mittelgrossen Lehman-Bank plötzlich alle Giganten mit drin hingen.

  • Die europäischen Banken fielen durch einen Trick. Sie liehen zu superbilligen Zinsen Geld und stopften sich dafür bis zum Dach mit Staatsanleihen voll – mit Vorzug von solchen aus Südeuropa, die den besten Zins zahlten. Das Kassieren der Zinsdifferenz war ein todsicheres Geschäft. Bis die Krise kam. Dann war es ein tödliches.

  • Die trägen italienischen Banken überstanden die ersten zwei Crashs gut, da sie vor allem in Italien investierten. Nur wächst Italien kaum – als Folge der Sparpolitik der Eurozone. Kleine Firmen gingen pleite, die Pleiten summierten sich. Und nun droht der totale Bankrott.

Banken sind seltsam zarte Wesen: Allein der Zweifel tötet sie. Denn dann ziehen die Kunden das Geld ab, das Institut muss Papiere zu Ausverkaufspreisen abstossen, noch mehr Kunden fliehen, mehr Ausverkauf – und Ende. Ausserdem sterben Banken selten allein. Der Zweifel an der einen Bank springt sofort zum Nachbarn über: Und schon wankt das ganze System.

Was tun? Es gibt raffinierte Lösungen. Die Credit Suisse schützte sich etwa durch CoCo-Papiere. Papiere, die wunderbar viel Zins geben, aber bei Finanzknappheit automatisch in Aktien verwandelt werden: Die Bank erhält so frisches Kapital. Eine wirklich elegante Lösung. Die nur nicht funktioniert. Jetzt, da die Credit Suisse durch Milliarden unklarer Investments im Feuer steht, wirken die Versicherungspapiere als Benzin. Denn der Hauptinvestor von Credit-Suisse-Aktien wie CoCos ist derselbe: der Staatsfond Katars. Und der sitzt auf einem Klumpenrisiko: Und verkauft nun massenweise Aktien aus Furcht, dass seine CoCos bald in noch mehr Aktien umgewandelt werden. Und drückt dadurch den Kurs der Bank weiter in den Abgrund.

Bis zu 98 Prozent der Geschäfte laufen auf Kredit

Dabei wäre die Möglichkeit, Bankenkrisen zu verhindern, in der Literatur bekannt. Das Problem der Banken ist, dass sie mit wenig Eigen­kapital arbeiten: Bis zu 98 Prozent der Geschäfte laufen auf Kredit. Das garantiert bei guter Lage hohe Gewinne, hohe Boni, hohe Dividenden. Doch gehen nur 2 Prozent der Geschäfte schief – und das tun sie in einer globalisierten Wirtschaft schnell –, ist die Bank pleite. Und bald auch der Staat und seine Bevölkerung. Denn sie zahlen.

Nach der Krise 2008 setzte man die Quote des Eigenkapitals zwar hoch: auf 3 Prozent. Nur braucht es laut Ökonomen 20 bis 30 Prozent. Solange das nicht geschieht, wird die Geschichte des 21. Jahrhunderts die seiner Banken sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2016, 23:32 Uhr

Artikel zum Thema

Italiens Banken in Not – Kommt es zur nächsten Finanzkrise?

Ein gigantischer Berg fauler Kredite und ein geleakter Brief der EZB sorgen für grosse Nervosität. Mehr...

Europas Frust mit italienischen Banken

Rom und die EU streiten heftig über staatliche Bankenhilfen. Hoffen lassen ausgerechnet die laufenden Stresstests. Mehr...

Was ist bloss mit den Banken los?

Never Mind the Markets Europas Bankensystem gerät bei jeder Erschütterung ins Wanken – aus eigenem Verschulden. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...